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18.12.2008 | Von:
Nikolaus Katzer

Ideologie und Pragmatismus in der sowjetischen Außenpolitik

Entkolonialisierung und Weltpolitik

Aus der Verbindung von ideologischem Geltungsanspruch und erneuerten russischen Traditionen erwuchs ein imperiales Bewusstsein, das die bisherigen Grenzen zu überschreiten, in neue Räume vorzustoßen und dafür die eigenen Ressourcen ebenso wie die der neuen "Brudervölker" rücksichtslos auszubeuten bereit war. Die Offensive der Kommunisten in Asien bestärkte die Westmächte in der Ansicht, dass Moskau sich nicht mit der Vorherrschaft in Europa begnügen würde.

Drei Jahrzehnte, nachdem die Kommunistische Internationale (Komintern) im Jahr 1920 Thesen zur nationalen und kolonialen Frage verkündet und ihre Solidarität mit den Befreiungsbewegungen im Nahen, Mittleren und Fernen Osten erklärt hatte, fühlte sich Moskau mehr denn je als antikolonialer Fürsprecher. Getragen von der Euphorie des Sieges im Weltkrieg, knüpfte der Sekretär des Zentralkomitees Andrei Schdanow auf der Gründungskonferenz des Kommunistischen Informationsbüros (Kominform) im September 1947 an die Strategie der Komintern an. Als neue Weltmacht war die Sowjetunion demnach berufen, an der Spitze des "demokratischen Lagers" den Kampf gegen die "imperialistische Expansion" anzuführen und "neue Kriege" zu verhindern.[10]

Während in Ostmitteleuropa die Einrichtung von Satellitenstaaten noch andauerte, brachten die chinesischen Kommunisten unter Mao Zedong der nationalistischen Guomintang 1949 im Bürgerkrieg die entscheidende Niederlage bei. Der Norden der koreanischen Halbinsel fiel in die Hände von Kommunisten. Auch in Süd- und Südostasien befanden sich die europäischen Kolonialimperien in der Defensive. Der Kalte Krieg begann, eine "Dritte Welt" aus Entwicklungsländern von der "Ersten" aus kapitalistischen Industriestaaten und der "Zweiten" aus den Ländern des sowjetischen Hegemonialbereichs abzusondern, auf die sich fortan die rivalisierenden Interessen konzentrierten.[11] Für die umworbenen ehemaligen Kolonien und die aufstrebenden Entwicklungsländer eröffneten sich Freiräume zwischen den Blöcken. Als "Peripherie" des Kalten Krieges nutzten sie diese in vielen Fällen zur Herausbildung nationalstaatlicher Strukturen, aber auch zur Entwicklung technologischer Autonomie und nichtkommunistischer antikapitalistischer Alternativen.[12]

Obgleich die nationalen Revolutionen meist ohne sowjetische Unterstützung auskamen, beanspruchte Moskau die alleinige Führung im Unabhängigkeitskampf. Dies belastete das ambivalente Verhältnis zur Kommunistischen Partei Chinas nach deren Sieg zusätzlich.[13] Zwar waren die bedeutendsten radikalen Bewegungen wie schon in den 1920er Jahren überwiegend nationalistisch und nicht sozialistisch ausgerichtet. Doch lehrte das chinesische Beispiel, dass der Antikolonialismus erfolgreicher Bestandteil einer antikapitalistischen Strategie sein konnte. Gestützt auf indigene kommunistische Kräfte in Indochina, Indonesien, Indien, Burma, Malaysia und auf den Philippinen schienen sich der Sowjetunion zahlreiche Möglichkeiten zum Aufbau eines strategischen Vorfeldes in Asien zu eröffnen.[14] Allerdings war es dafür unabdingbar, die Urheberschaft am erfolgreichen chinesischen Weg gleichsam zu enteignen und für sich zu verbuchen. Unverblümt wurde der Sieg Mao Zedongs den Lehren Lenins und Stalins bzw. der russischen revolutionären Tradition gutgeschrieben. Peking durfte nicht zum Mutterland des antikolonialen Kampfes in Asien aufsteigen. Der sowjetisch-chinesische Gegensatz vertiefte sich im Koreakrieg. Dieser drohte Peking nicht zuletzt wegen taktischer Manöver Stalins in einen anhaltenden, blutigen Konflikt mit den USA zu stürzen.[15]

Unter Stalins Nachfolgern wurde das Engagement in der "Dritten Welt" erheblich ausgeweitet. Nikita Chruschtschow erklärte die "strategische Reserve des Imperialismus" zum bevorzugten Schauplatz, auf dem man dem Westen erfolgreicher und weniger riskant als an den Brennpunkten der bipolaren Rivalität in Korea, Berlin oder auf Kuba entgegentreten könne.[16] Kennzeichnend für die neuen Prioritäten waren im Jahr 1955 nicht nur Waffenlieferungen an Ägypten, sondern auch die demonstrative Anwendung des Protokolls der Spitzendiplomatie beim Empfang des indischen Premierministers Jawaharlal Nehru in Moskau oder bei Chruschtschows und Nikolai Bulganins Gegenbesuch in Neu-Delhi. Überdies kündigte die Sowjetführung Wirtschaftshilfe für Entwicklungsländer an, die zwar nicht unbedingt auf dem Weg zum Sozialismus waren, aber geostrategische Vorteile boten.

Die ideologische Nachsicht gegenüber der praktischen Experimentierfreude vor Ort veranlasste die Volksrepublik China in den 1960er Jahren, den Alleinvertretungsanspruch Moskaus bei der Auslegung des Marxismus für die Länder der "Dritten Welt" offen in Frage zu stellen. Das Schisma äußerte sich nun auch in zahlreichen bewaffneten Zwischenfällen an der chinesisch-russischen Grenze. Sie widerlegten den Mythos von der internationalen Solidarität des "Proletariats".[17] "Völkerfreundschaft" und "Internationalismus" gerieten in den Ruch, Verschleierungen für die realpolitische Ausweitung der sowjetischen Einflusssphäre zu sein. Doch dazu genügte kein Export politischer Ideologie. Die Werbung um Verbündete bedurfte eines materiellen Kerns. Offiziellen Kontakten auf diplomatischer Ebene mussten Wirtschaftsverträge folgen. Darüber hinaus festigte der Austausch von Beratern, Arbeitskräften und Fachleuten die Bindungskraft. Da die Wirtschaftshilfe kontinuierlich aufgestockt werden musste, sah sich Moskau gezwungen, eine Rangfolge der Adressaten festzulegen. Es war zudem bezeichnend, dass die Ausgaben für Militärhilfe durchgängig den größten Posten ausmachten.[18]

Insgesamt zeitigte das sowjetische Engagement in der "Dritten Welt" eher prekäre Folgen. Zum einen belastete die Unterstützung von Rebellen die Entspannungspolitik gegenüber dem Westen. Zum anderen durchkreuzten der Nationalismus der postkolonialen Staaten und die wachsenden Konflikte untereinander die Stabilität der regionalen Stützpunkte. Aus der Unterstützung von "Befreiungsbewegungen" entwickelten sich nicht selten "Stellvertreterkriege" im globalen Konflikt der Supermächte.[19] Einzelne Partner wie Somalia oder Ägypten wechselten auf die Seite des Westens. Andere wie Chile unter Salvador Allende oder Äthiopien unter Haile Mariam Mengistu wurden gestürzt.[20] In den 1970er Jahren verzeichnete Moskau mit der Errichtung prosowjetischer Regime in Angola, Äthiopien, Nicaragua und Afghanistan und mit dem Sieg der Kommunisten in Laos und Kambodscha seine größten Erfolge in der postkolonialen Welt.[21] Auf dem 25. Parteitag im März 1976 verkündete Leonid Breschnew nicht ohne Stolz, dass die Stellung der Sowjetunion in der Welt niemals fester gewesen sei.

Doch der Schein trog. Der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat kündigte einseitig das Vertragsverhältnis mit der Sowjetunion. Sudan und Somalia folgten 1977 diesem Beispiel. Nichts trübte allerdings den Nimbus als "Friedensmacht" mehr als die Intervention in Afghanistan im Dezember 1979.[22] Sie setzte dem scheinbar unaufhaltsamen Machtzuwachs der Sowjetunion ein definitives Ende. Die UN-Vollversammlung verurteilte im Januar 1980 mit großer Mehrheit den Einmarsch. Eine Konferenz von 36 islamischen Staaten wiederholte wenig später das Verdikt. Erst unter Michail Gorbatschow, dem (abgesehen von Boris Jelzin) letzten sowjetischen Herrscher, wurde die Rechnung für die Überdehnung der sowjetischen Ressourcen aufgemacht. Das Fiasko von Afghanistan stand dabei stellvertretend für allzu ambitionierte weltpolitische Ziele.

Fußnoten

10.
Giuliano Procacci (ed.), The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947/1948/1949, Mailand 1994.
11.
Zur Konstruktion der "Dritten Welt" aus sowjetischer und aus amerikanischer Perspektive O. A. Westad (Anm. 1), S. 49 - 57, S. 110 - 157.
12.
Vgl. John Krige/Kai-Henrik Barth, Introduction: Science, Technology, and International Affairs: New Perspectives, in: dies. (Hrsg.), Global Power Knowledge (Osiris, 21/2006), S. 13.
13.
Maos Besuch in Moskau anlässlich Stalins 70. Geburtstag offenbarte die unterschiedliche Interessenlage der beiden "Bruderstaaten". Siehe die ins Englische übertragenen Protokolle der Gespräche Stalins mit Mao am 16. 12. 1949 und 22.1. 1950, in: Cold War International History Project (CWIHP), Bulletin, Nr. 6 - 7 (1995 - 1996), S. 5 - 9.
14.
Vgl. exemplarisch Ragna Boden, Die Grenzen der Weltmacht. Sowjetische Indonesienpolitik von Stalin bis Breznev, Stuttgart 2006, S. 92 - 97.
15.
Neue Erkenntnisse über die komplexe Vorgeschichte des Koreakriegs bieten die Dokumentationen der Bulletins des CWIHP, insbesondere Nr. 3 bis 7 (1993 bis 1997). Zum Aspekt der Militarisierung des Ost-West-Konflikts nach dem Koreakrieg Vojtech Mastny/Gustav Schmidt, Konfrontationsmuster des Kalten Krieges 1946 bis 1956, München 2003, S. 175 - 188.
16.
Vgl. Aleksandr Fursenko/Timothy Naftali, Khrushchev's Cold War, New York 2006.
17.
Vgl. Debora Kejpl [Deborah Caple], Razvencanie mifa o sovetsko-kitajskom monolite 1949 - 1960 [Die Entzauberung des Mythos vom sowjetisch-chinesischen Monolith, 1949 - 1960], in: M. M. Narinskij (Hrsg.), Cholodnaja vojna. Novye podchody, novye dokumenty [Kalter Krieg. Neue Ansätze, neue Dokumente], Moskau 1995, S. 334 - 346.
18.
Vgl. R. Boden (Anm. 14), S. 197 - 231, die am indonesischen Fall die Folgen dieser "Waffenbrüderschaft" nachzeichnet.
19.
Siehe die vergleichende Erörterung von Einzelbeispielen in Bernd Greiner/Christian Müller/Dierk Walter (Hrsg.), Heiße Kriege im Kalten Krieg, Hamburg 2006.
20.
Robert H. Donaldson (Hrsg.), The Soviet Union in the Third World. Successes and Failures, Boulder 1981.
21.
Vgl. Mark Webber, "Out of Area" Operations: The Third World, in: Edwin Bacon/Mark Sandle (eds.), Brezhnev Reconsidered, Basingstoke 2002, S. 110 - 134.
22.
Vgl. Paul Bucherer-Dietschi/Albert Alexander Stahel (Hrsg.), Strategischer Überfall - das Beispiel Afghanistan. Vorgeschichte, Durchführung, Reaktionen. Bd. 1 - 2, Liestal 1991/1993.