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18.12.2008 | Von:
Nikolaus Katzer

Ideologie und Pragmatismus in der sowjetischen Außenpolitik

"Internationalismus" und Kulturtransfer

Die beachtlichen Erfolge in der Europapolitik waren durch die Anerkennung der "bürgerlichen" Freiheitsrechte auf der Konferenz von Helsinki nur scheinbar günstig erkauft worden. Schon bald zeigte sich, dass die Verpflichtung auf die Freiheit des Denkens, des Gewissens und der Religionsausübung und das Bekenntnis zu ungehindertem Informationsfluss, Freihandel und menschlichen Kontakten die weltanschauliche Deutungshoheit der Sowjetunion erodieren ließ. Im Innern war es Breschnew in den 1960er Jahren noch gelungen, die kulturelle Liberalisierung des "Tauwetters" nach Stalins Tod teilweise zurückzunehmen. Nach außen, so hoffte er, werde es ebenfalls gelingen, durch das Prinzip der "Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten" unliebsame Einflüsse aus dem Westen von der sowjetischen Bevölkerung fernzuhalten.

Die Anerkennung der Menschenrechte bedeutete jedoch ganz im Gegenteil den Eintritt in eine neue Dimension der internationalen Beziehungen, in der das Paradigma des Sowjetmarxismus seine allumfassende Gültigkeit verlor. Zudem wirkten sich nun auch die Folgen der mit dem Supermachtstatus verbundenen Öffnung des Landes gegenüber der Außenwelt aus. Internationale Großereignisse wie Jugendfestivals oder Olympische Spiele wurden zu öffentlichen Räumen eines schwer reglementierbaren Kulturtransfers zwischen Ost und West. Das offizielle Selbstbild vom "sowjetischen Lebensstil", aber auch die von Moskau allein beanspruchte normative Auslegung des Sozialismus kontrastierten mit der Vielfalt möglicher Alternativen.

Die Geschichte des Kalten Krieges ist meist als eine der Abschottung und Konfrontation zweier gegensätzlicher gesellschaftlicher Systeme geschrieben worden. Diese dichotome Sicht setzte voraus, die Propaganda der gegnerischen Lager für einen verlässlichen Spiegel der tatsächlichen Kulturbeziehungen zu nehmen.[28] Alltag und persönliche Erfahrungswelt verschwanden hinter der offiziellen Fassade der internationalen Kontakte. Entsprechend dem Primat der Großen Politik bewegten sich sowjetische Diplomaten, Schriftsteller, Ingenieure oder Athleten wie Schachfiguren. Sie galten als manipulierte Instrumente staatlichen Willens und standen an der symbolhaften kulturellen "Front" des Kalten Krieges bzw. im Kampf gegen den äußeren "Klassenfeind".[29]

Nicht minder politisch erschienen Wissenschaftsbeziehungen und technologische Kooperationen, die in den Jahren der Entspannungspolitik in beträchtlichem Umfang zunahmen, jedoch in der Orientierung auf amerikanische Vorbilder und internationale Modernekonzepte eine lange Tradition hatten.[30] In der Tat wurde die Forschung in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen in die vorderste nationale "Verteidigungslinie" eingereiht und zum Bestandteil des "Militär-Industriell-Akademischen Komplexes".[31] Darüber hinaus aber vermittelte der internationale Austausch zahlreichen Wissenschaftlern und Studenten Einblicke in neue Denkhorizonte und Forschungskonzepte.[32] Noch sehr wenig ist über die Erfahrungsräume von Fachleuten und Arbeitsmigranten bekannt, die aus der Sowjetunion in die "Dritte Welt" oder von dort in die Sowjetunion zogen.

Die chauvinistischen Kampagnen der frühen Nachkriegsjahre bzw. der späten Stalinzeit widersprachen dem Selbstbild der Sowjetunion als Hüterin einer universalen "Völkerfreundschaft". Sie bestätigten, ganz im Gegenteil, mit ihrer militant fremdenfeindlichen und antisemitischen Rhetorik eher den Eindruck eines radikalen kulturellen Isolationismus. Umso erstaunlicher war, dass die groben Gleichschaltungstendenzen in Kunst, Musik, Literatur und Wissenschaft durch eine Entscheidung der Parteiführung unmittelbar nach Kriegsende konterkariert wurden, die in ihren Folgewirkungen offenbar unterschätzt wurde. Sowjetische Leistungssportler sollten durch Siege bei internationalen Wettkämpfen, insbesondere bei Olympischen Spielen, maßgeblich zur Mehrung des Ansehens der Sowjetunion beitragen.[33] Die Entsendung von "Diplomaten im Trainingsanzug" (G. Holzweißig) widersprach nicht nur der bisherigen Verdammung des Wettkampfprinzips im "bourgeoisen Sport". Sie bedeutete zugleich eine Anerkennung "nationaler" Rekordjagden.

In kurzer Folge fanden im Zuge des kulturpolitischen "Tauwetters" nach Stalins Tod in Moskau zwei Großveranstaltungen mit reger internationaler Beteiligung statt. Im August 1956 wurde die Spartakiade der Völker der Sowjetunion und im Jahr 1957 das 6. Studentenfestival der Jugend und Freundschaft (auch: 3. Freundschaftsspiele der Jugend) auf dem Gelände des gerade fertig gestellten Sportparks Luschniki ausgerichtet. Für die Initiatoren ging es vor allem darum, der Weltöffentlichkeit das multifunktionale Gelände als Beispiel moderner Stadt- und Landschaftsarchitektur zu präsentieren.[34] Unterhalb der offiziellen Diplomatie und Politik bahnte sich seither ein substantieller Kulturtransfer zwischen dem Westen und der Sowjetunion an. Der Hochleistungssport und seine mediale Breitenwirkung wurden zum Katalysator der intersystemischen Beeinflussung. Auf der Schnittfläche des amerikanisch-westlichen und des russisch-sowjetischen Kulturimperialismus[35] entfalteten sich dynamische Räume des "Eigen-Sinns" und subkultureller Identitäten. Gerade der moderne Sport bot sowohl innerhalb der Sowjetunion als auch im so genannten Ostblock und ebenso im weltweiten Wettbewerb Möglichkeiten, nationale Bekenntnisse und symbolischen Widerstand gegen ideologische Homogenisierung wirkungsvoll zu artikulieren. Insofern traten die männlichen und die weiblichen Athleten nicht nur als "Botschafter" eines Landes oder als "Missionare" einer verordneten Weltanschauung auf. Sie wurden zu Helden einer transnationalen Moderne und repräsentierten nicht zuletzt sich selbst. Siege von Sportlern kleiner Nationen ließen sich daher auch als kollektiver emanzipatorischer Akt, als späte ausgleichende Gerechtigkeit deuten.[36]

Vor diesem Hintergrund erwies sich der intensivierte internationale Kulturaustausch als ambivalentes Feld kompensatorischer Konfliktaustragung. Einerseits gelang es der Sowjetunion, westliche Gesellschaften kulturell zu "infiltrieren". Andererseits erhielten Sowjetbürger aber auch direkten oder aus der offiziellen Kritik erschließbaren indirekten Zugang zu Attributen des "Westens" in Mode, Konsumverhalten, Musik, Film und Theater.[37] Sportveranstaltungen boten aufgrund ihrer Popularität nicht die einzige, aber eine besonders dichte Sphäre des Kulturkontakts.[38] Spitzenleistungen wurden als Nachweis der Überlegenheit des sozialistischen Systems ausgegeben. Daneben vermittelte die direkte Teilnahme an Wettkämpfen oder das mediale "Dabeisein" Eindrücke von anderen Lebensstilen und Alltagswelten. Im Umfeld von Sportgemeinschaften entwickelten sich Subkulturen, in denen sich lokale Besonderheiten mit globalen Verhaltensmustern vermischten.

Besser erforscht sind inzwischen die offiziellen Freundschaftsgesellschaften, Solidaritätskomitees und sonstigen Kulturorganisationen.[39] Hier lernten Mitglieder transnationale Gewohnheiten und Standards kennen. Hier konnte man sich mit Lesegewohnheiten und kulturellen Vorlieben in einzelnen Ländern befassen und wurde mit eigenen und fremden Stereotypen konfrontiert. Auf diese Weise reflektierte die Wahrnehmung des Auslands auch die des eigenen Landes.

Die individuellen und kollektiven Bilder von "Europa" und dem "Westen" bzw. von der "Sowjetunion" und dem "Osten" setzten sich unter dem Dach des Kalten Krieges und in Konkurrenz zu den offiziell verbreiteten Mustern neu zusammen.[40] Die Sowjetunion verlor schrittweise und unspektakulär den Charakter einer geschlossenen Welt, in der alle Bereiche der (politischen) Kultur einem Kanon verbindlicher Normen unterworfen waren.

Fußnoten

28.
Siehe etwa Frederick Barghoorn, The Soviet Cultural Offensive. The Role of Cultural Diplomacy in Soviet Foreign Policy, Princeton 1960. Zu Genese, Funktion und Wandel der Bilder vom Fremden und Anderen Silke Satjukow/Rainer Gries, Feindbilder im Sozialismus. Eine theoretische Einführung, in: dies. (Hrsg.), Unsere Feinde. Konstruktionen des Anderen im Sozialismus, Leipzig 2004, S. 13 - 70.
29.
Michail Ju. Prozumenscikov, Bol'soj sport i bol'saja politika [Großer Sport und Große Politik], Moskau 2004, S. 65; Henry W. Morton, Soviet Sport. Mirror of Soviet Society, New York 1963, S. 22.
30.
Vgl. Jean-Jacques Salomon, The Internationale of Science, in: Science Studies, 1 (1971), S. 23 - 42; Volker R. Berghahn, America and the Intellectual Cold Wars in Europe, Princeton 2001; Angelika Linke/Jakob Tanner, Attraktion und Abwehr. Die Amerikanisierung der Alltagskultur in Europa, Köln-Weimar-Wien 2006; Corinna R. Unger, Cold War Science: Wissenschaft, Politik und Ideologie im Kalten Krieg, in: Neue Politische Literatur, 51 (2006), S. 49 - 68.
31.
J. Krige/K.-H. Barth (Anm. 12), S. 13f. Zum Aufbau des Militär-Industriellen Komplexes in der Sowjetunion siehe auch V. S. Lel'cuk/E. I. Pivovar (Anm.2), S. 160 - 202.
32.
Vgl. Jens Niederhut, Wissenschaftsaustausch im Kalten Krieg. Die ostdeutschen Naturwissenschaftler und der Westen, Köln-Weimar-Wien 2007, S. 148 - 163.
33.
Vgl. Jennifer Parks, Verbal gymnastics. Sports, bureaucracy, and the Soviet Union's entrance into the Olympic Games, 1946 - 1952, in: Stephen Wagg/David L. Andrews (eds.), East plays West. Sport and the Cold War, London-New York 2007, S. 27 - 44.
34.
Vgl. Kristin Roth-Ey, "Loose Girls" on the loose? Sex, Propaganda, and the 1957 Youth Festival, in: Melanie Ilic/Susan Reid/Lynne Atwood, Women in the Khrushchev Era, Basingstoke 2004, S. 75 - 95.
35.
Vgl. Allen Guttmann, Games and Empires. Modern Sports and Cultural Imperialism, New York 1994.
36.
Vgl. Robert E. Rinehart, Cold War expatriot sport. Symbolic resistance and international response in Hungarian water polo at the Melbourne Olympics, 1956, in: S. Wagg/D. L. Andrews (Anm. 33), S. 45 - 63; Markku Jokisipilä, Revenge in 1969, Miracle in 1980.The Two Most Politically Charged Moments of Cold War Ice Hockey, in: Arié Malz/Stefan Rohdewald/Stefan Wiederkehr (Hrsg.), Sport zwischen Ost und West. Beiträge zur Sportgeschichte Osteuropas im 19. und 20. Jahrhundert, Osnabrück 2007, S. 93 - 111; Jörg Ganzenmüller, Bruderzwist im Kalten Krieg. Sowjetisch-tschechoslowakische Länderspiele im Umfeld des "Prager Frühlings", in: ebd., S. 113 - 130.
37.
Vgl. Walter L. Hixson, Parting the Curtain. Propaganda, Culture, and the Cold War, 1945 - 1961, New York 1997; David Caute, The Dancer Defects. The Struggle for Cultural Supremacy during the Cold War, Oxford 2003.
38.
Vgl. Barbara Keys, The Soviet Union, Cultural Exchange and the 1956 Melbourne Olympic Games, in: A. Malz u.a. (Anm. 36), S. 131f.
39.
Vgl. Jan C. Behrends, Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR, Köln-Weimar-Wien 2006.
40.
Von einer Erosion offizieller Feindbilder durch massenhafte Visualisierung und populärkulturelle Medialisierung spricht Elena Müller, Tragische Helden, würdige Gegner und unwiderstehliche Verführer, in: S. Satjukow/R. Gries (Anm. 28), S. 447f.