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Peter von Zahn über Rassismus in den USA


18.12.2008
Die anfängliche Bereitschaft des Journalisten Peter von Zahn, dem Rassismus in den USA während des Kalten Kriegs mit Verständnis zu begegnen, wurde durch eine immer kritischere Berichterstattung ersetzt.

Einleitung



Die Radio- und Fernsehberichte des bekannten westdeutschen Journalisten Peter von Zahn aus den USA der 1950er Jahre zeichneten ein positives, aber nicht ganz unkritisches Bild der amerikanischen Gesellschaft. Neugier und Humor, gepaart mit pädagogischen Impulsen und ironischer Distanz, waren kennzeichnend für seinen Stil. Von Zahn war damit recht erfolgreich. Eine typische Radiosendung für den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) im Jahr 1952 oder 1953 an einem Dienstagabend um 21 Uhr hatte bis zu drei Millionen Zuhörerinnen und Zuhörer, vielleicht sogar mehr. Seine monatlichen Dokumentarfilme, die erstmals 1955 ausgestrahlt wurden, waren bis Ende des Jahrzehnts ebenso populär. 1964 kehrte von Zahn nach Deutschland zurück, wo er bis in die 1990er Jahre hinein als renommierter Kommentator, Regisseur von Dokumentarfilmen und geschätzter USA-Experte arbeitete. Peter von Zahn starb 2001.


Als Hauptkorrespondent eines Rundfunksenders, der die Hälfte der Bevölkerung Westdeutschlands erreichte, und dann als Produzent von Dokumentarfilmen, die in der gesamten Bundesrepublik im Fernsehen zu sehen waren, besaß von Zahn die Macht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Es ist unmöglich, den Einfluss einer einzelnen Stimme unter vielen genau zu messen, selbst wenn die Popularität dokumentiert sein kann und der Einfluss anekdotisch belegbar ist.[1] Aber allein die Tatsache, dass politische Parteien, Experten in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung, in den 1950er Jahren hart um den Einfluss auf die Berichterstattung in Hörfunk und Fernsehen kämpften, ist ein Beleg für die politische Macht der Medien und deutet darauf hin, dass eine mehrjährige Sendereihe, oft von ganzen Familien gehört oder angeschaut, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ohne Wirkung bleiben konnte.[2]

Von Zahns Darstellung der USA förderte die Liberalisierung, die in den späten 1950er und in den 1960er Jahren in Westdeutschland einsetzte. Liberalisierung bedeutete zum Teil größere Loyalität gegenüber den parlamentarischen Einrichtungen wie auch eine größere Bereitschaft, politische Kritik als normale und auch wünschenswerte Qualität des politischen Systems zu betrachten. Von Zahns Berichte deuteten immer wieder an, dass parlamentarische Institutionen fähig sein konnten, einen hohen Grad an Kompetenz zu beweisen und internationale Verpflichtungen einzuhalten, selbst wenn den Bürgerinnen und Bürgern dabei einiges abverlangt wurde.

Besonders von Mitte der 1950er Jahre an hat von Zahn die Politik der amerikanischen Regierung wiederholt kritisiert, wobei er dies in einer Art und Weise tat, die das parlamentarische System nicht in Frage stellte. Liberalisierung in der Bundesrepublik bedeutete auch eine Entwicklung in Richtung egalitärerer Sozialformen und Beziehungen, zum Beispiel die Relativierung der väterlichen Autorität in der Familie, obwohl die Praxis in diesem Bereich noch lange sehr traditionell blieb.[3] Immerhin kam körperliche Züchtigung in den Schulen immer weniger vor, obwohl sie nicht ganz abgeschafft wurde.[4] Von Zahn berichtete oft positiv über liberale und egalitäre Beziehungen in amerikanischen Familien und Schulen.

Rassismus in den USA, die Diskriminierung von schwarzen Amerikanern und die nur zögerliche Bereitschaft der weißen Mehrheitsgesellschaft, daran etwas zu ändern, war ein schwieriges Thema für jemanden, der darauf bedacht war, die Versöhnung zwischen den USA und Deutschland zu fördern. Den meisten Deutschen waren die Spannung zwischen amerikanischen Prinzipien und der täglichen Praxis in diesem Bereich wohl bewusst, da die nationalsozialistische und nach 1945 die sowjetische Propaganda oft darauf hingewiesen hatten, und weil die Tatsachen offenkundig waren.[5] Viele Deutsche konnten nach 1945 selbst beobachten, wie verbreitet die Rassentrennung in Wohnungen und Kneipen bei den in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten war.[6] Und viele zeigten sogar Verständnis für den amerikanischen Rassismus, wenn auch nicht immer für die Formen, in denen er sich äußerte.[7]

In der ersten Hälfte der 1950er Jahre reagierte von Zahn auf die Herausforderungen dieses Themas zum Teil durch Verschweigen, zum Teil mit Erklärungen, zum Teil mit Verteidigung der amerikanischen Praktiken. Ab 1956/57, unter dem Einfluss der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, löste sich von Zahn von seiner früheren Bereitschaft, den amerikanischen Rassismus verständnisvoll zu erklären. Abschätzige Bemerkungen gegenüber schwarzen Amerikanern verschwanden aus seinen Berichten und wurden oft durch Achtung für die Zivilcourage der schwarzen amerikanischen Gemeinschaft ersetzt. Eine ähnliche Änderung, wenn nicht ganz so sichtbar, fand in von Zahns Berichten bezüglich der Bedeutung von ethnischen Unterschieden innerhalb des weißen Teils der amerikanischen Gesellschaft statt. Mit der Zeit zeigte sich von Zahn immer weniger bereit, den weißen Teil der USA als ethnische Hierarchie zu beschreiben, in der angelsächsische und deutsche Alteinwanderer an der Spitze standen.


Fußnoten

1.
Vgl. Peter Ludes/Heidemarie Schumacher/Peter Zimmermann (Hrsg.), Informations- und Dokumentarsendungen. Bd. 3: Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland, München 1994, S. 223f.; Peter Ellenbruch, Amerikabericht mit Augenzwinkern - Peter von Zahn und die "Bilder aus der Neuen Welt", in: Frank Becker (Hrsg.), Mythos USA. "Amerikanisierung" in Deutschland seit 1900, Frankfurt/M. 2006, S. 171. Die Zahl seiner Zuhörer reduzierte sich nach 1955, als der NWDR in zwei Sender aufgeteilt wurde. Von Zahn arbeitete beim nördlichen Sender, dem Norddeutschen Rundfunk, weiter. Auch war die Sendezeit um eine Dreiviertelstunde verschoben, auf 22 Uhr, was eine kleinere Zuhörerschaft bedeutete.
2.
Vgl. Rüdiger Steinmetz, Freies Fernsehen. Das erste privat-kommerzielle Fernsehprogramm in Deutschland, Konstanz 1996, S. 47 - 62; Christina von Hodenberg, Konsens und Krise, Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973, Göttingen 2006, S. 210 - 220.
3.
Vgl. Till van Rahden, Demokratie und väterliche Autorität. Das Karlsruher "Stichentscheid"-Urteil von 1959 in der politischen Kultur der frühen Bundesrepublik, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 2 (2005), S. 160 - 179; Julia Paulus, Familienrollen und Geschlechterverhältnisse im Wandel, in: Matthias Frese/dies./Karl Teppe von Schöningh (Hrsg.), Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik, Paderborn 2003, S. 107 - 119.
4.
Vgl. Torsten Gass-Bolm, Das Ende der Schulzucht, in: Ulrich Herbert (Hrsg.), Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945 - 1980, Göttingen, 2002, S. 436 - 466, bes.S. 445ff., S. 457.
5.
Vgl. Philipp Gassert, Amerika im Dritten Reich: Ideologie, Propaganda und Volksmeinung 1933 - 1945, Stuttgart 1997, S. 244ff.; Mary Dudziak, Cold War Civil Rights: Race and the Image of American Democracy, Princeton, NJ 2000, S. 38; Christoph Hendrik Müller, Anti-Americanism and Anti-Western Sentiment in the Federal Republic of Germany during the "Long 1950s" (1949 - 1966), D. Phil. Thesis, University of Oxford 2003, S. 118 - 121.
6.
Vgl. Maria Höhn, GIs and Fräuleins: The German-American Encounter in 1950s West Germany, Chapel Hill, NC 2002, S. 99f.
7.
Vgl. Heide Fehrenbach, Race After Hitler: Black Occupation Children in Postwar Germany and America, Princeton, NJ 2005, S. 169 - 186.