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18.12.2008 | Von:
Andreas Kötzing

Zensur von DEFA-Filmen in der Bundesrepublik

Der Ausschuss und die DEFA

Die Liste der DEFA-Produktionen, die durch den Ausschuss geprüft wurden und dabei nur mit Schnittauflagen oder gar nicht für eine Aufführung in der Bundesrepublik zugelassen worden sind, ist lang. Bereits im Mai 1954 wurden vier von 13 Filmen, die von der DEFA für die Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche angemeldet worden waren, nicht zugelassen. Interessant am Protokoll dieser Sitzung ist, dass sich der Interministerielle Ausschuss weitaus größere Kompetenzen aneignete als die rechtlich ohnehin umstrittene Prüfung der Filme. So wurde zum Beispiel über die Delegation der DEFA zum Mannheimer Festival diskutiert und die Frage aufgeworfen, wie man mit den Gästen aus der DDR umgehen solle. Der Vertreter des zuständigen Bundesministeriums für gesamtdeutsche Fragen (BMG) betonte, dass die Aufführung der DEFA-Filme "davon abhängig gemacht werde, dass bei Empfängen und ähnlichen Anlässen im Laufe der Veranstaltung die DEFA-Abordnung nicht ausdrücklich begrüßt und ihr damit auch keine Gelegenheit gegeben werde, in ihrer Antwort auf die Begrüßung eine Art gesamtdeutsche Kulturpropaganda zu treiben".[7]

Auch in anderen Fragen, die einen generellen Austausch von ost- und westdeutschen Filmen oder gemeinsame Produktionen betrafen, nahm der Ausschuss ein Mitspracherecht in Anspruch. So beantragte die DEFA 1955 beispielsweise eine Drehgenehmigung für die Bundesrepublik, um einen Dokumentarfilm über berühmte Orgeln anfertigen zu können. Angesichts des "völlig unpolitischen Charakters" des geplanten Films schlug die DEFA eine "gesamtdeutsche Gemeinschaftsarbeit" vor, da mit einer solchen Produktion "der gemeinsame Wille zur Verständigung selten eindrücklich vor aller Welt bezeugt werden" könne.[8] Nach einer Diskussion im Interministeriellen Ausschuss und einer Rücksprache mit dem Innenministerium wurde der Antrag jedoch nicht genehmigt: "Ich halte es für unzweckmäßig", so der Vertreter des Innenministeriums, "dem Antrag zuzustimmen, da die Gefahr besteht, dass damit ein Präzedenzfall für weitere Anträge dieser Art geschaffen würde. Dies könnte aber zu einer unerwünschten und nicht immer kontrollierbaren Betätigung von DEFA-Aufnahmestäben in der Bundesrepublik führen."[9] Auch in anderen Fällen, in denen gemeinsame Produktionen zwischen der DEFA und westdeutschen Produktionsfirmen geplant wurden, intervenierte der Interministerielle Ausschuss. Dabei wird deutlich, dass es ein generelles Interesse gab, Kontakte zwischen Filmemachern aus beiden deutschen Staaten gezielt zu unterbinden - in erster Linie, um der DEFA kein Podium zur Selbstdarstellung in Westdeutschland zu bieten.

In den folgenden Jahren boten DEFA-Filme - und insbesondere ihre Aufführung auf den Filmfestivals von Mannheim und Oberhausen[10] - immer wieder Anlass zu Diskussionen. Das Spektrum der verbotenen Filme reicht von ideologisch aufgeladenen Spielfilmen wie dem Zweiteiler "Ernst Thälmann" oder "Der Rat der Götter" bis zu Dokumentarfilmen wie "Du und mancher Kamerad" oder "Der Lachende Mann", die keine Vorführgenehmigung erhielten, weil sich der Ausschuss an der einseitigen Darstellung der nationalsozialistischen Vergangenheit stieß oder die gegen die Bundesrepublik gerichtete Propaganda nicht in westdeutschen Kinos zu sehen sein sollte.

Verboten wurden aber auch Filme, die weniger durch ihren propagandistischen Inhalt auffielen, so zum Beispiel Wolfgang Staudtes "Der Untertan", eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Heinrich Mann, der dem Ausschuss im Dezember 1955 zur Prüfung vorlag. Er durfte "zunächst nur in studentischen Filmclubs vorgeführt werden, einen Einsatz im normalen Kinoprogramm untersagte der Ausschuss im April 1956 ausdrücklich. Im November 1956 gab das Gremium den Film schließlich in einer stark gekürzten Fassung auch für die kommerzielle Auswertung frei."[11] Stein des Anstoßes war, dass Staudtes Film angeblich zu viele "Parallelen zur Gegenwart" enthielt, wie "Der Spiegel" in einem Artikel über den Vorfall schrieb. Offenbar missfiel dem Ausschuss auch, "daß sich die sozialdemokratischen Arbeiter in der Papierfabrik Diederich Heßlings, des Untertan-Titelhelden, untereinander als Genossen anreden".[12]

Andere Verbote von DEFA-Filmen werfen ein skurriles Licht auf die Arbeit des Interministeriellen Ausschusses. So wurde 1957 zum Beispiel der DEFA-Märchenfilm "Das tapfere Schneiderlein" verboten. Anders als im Grimm'schen Märchen wird am Ende des Films der König mit seiner Gefolgschaft vom Volk vertrieben und stattdessen das Schneiderlein auf den Thron gesetzt. Statt der Königstochter heiratet er eine Magd, die an seiner Seite zur neuen Königin wird.[13] Die propagandistische Verfremdung des Märchens reichte aus, dass der Interministerielle Ausschuss die Einfuhrgenehmigung verweigerte. Das Verbot wurde erst 1958, nach einer erneuten Prüfung des Films, aufgehoben.

Die geschilderten Beispiele werfen die Frage auf, ob die vom Interministeriellen Ausschuss verhängten Verbote tatsächlich dazu geführt haben, dass die beanstandeten Filme nicht von einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wurden. Insbesondere die zeitgenössischen Pressestimmen lassen den Schluss zu, dass gerade die Verbote dazu führten, dass lange und ausgiebig über die Filme diskutiert wurde - ohne dass sich die Bevölkerung ein Bild von den Filmen machen konnte. Gerade wenn sich Prüfverfahren über Monate oder gar Jahre erstreckten, dürfte die Arbeit des Ausschusses zur Mystifizierung und Überhöhung der Filme beigetragen haben. Das Verbot machte die Filme umso interessanter. Das zeigt auch das Fallbeispiel des Umgangs mit dem Film "Berlin - Ecke Schönhauser", anhand dessen die Motive für ein Verbot von DEFA-Filmen in der Bundesrepublik im Detail ersichtlich werden.

Fußnoten

7.
Kurzprotokoll über die am 26. 5. 1954 stattgefundene Sitzung des Interministeriellen Prüfungsausschusses, in: BArch, B 102/34486.
8.
DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilm an Ministerium für Wirtschaft, Referat Film, 5.4. 1955, in: BArch, B 102/34486.
9.
Der Bundesminister des Innern an den Bundesminister für Wirtschaft, z.Hd. von Herrn Schattenberg, 3.5. 1955, in: BArch, B 102/34486.
10.
Die deutsch-deutschen Beziehungen auf den Filmfestivals werden vom Autor in einem Dissertationsprojekt am Historischen Seminar der Universität Leipzig untersucht. Vgl. Andreas Kötzing, Filmfestivals als historische Quelle, in: Deutschland Archiv, 40 (2007) 4, S. 693 - 699.
11.
S. Buchloh (Anm. 2), S. 226. Vgl. Ralf Schenk, Mitten im Kalten Krieg. 1950 bis 1960, in: Filmmuseum Potsdam (Hrsg.), Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946 - 1992, Berlin 1994, S. 70ff.
12.
Plädoyer für den Untertan, in: Der Spiegel vom 21.11. 1956, S. 59 - 61, Zitat: S. 60.
13.
Vgl. Peter Morten, Ein marxistisches Schneiderlein, in: Die Zeit vom 25.10. 1956.