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18.12.2008 | Von:
Andreas Kötzing

Zensur von DEFA-Filmen in der Bundesrepublik

"Berlin - Ecke Schönhauser"

"Berlin - Ecke Schönhauser" gilt bis heute als einer der wichtigsten DEFA-Filme der 1950er Jahre. Geprägt vom italienischen Neorealismus zeigten der Regisseur Gerhard Klein und der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase 1957 ein für DEFA-Verhältnisse außergewöhnlich kritisches Bild der Lebenswirklichkeit in der DDR. Im Mittelpunkt von "Berlin - Ecke Schönhauser" steht eine Gruppe von Berliner Jugendlichen, die wenig mit sich anzufangen weiß und ihre Zeit damit verbringt, orientierungslos unter den Brückeneiner U-Bahnstation "herumzuhängen". Auch die meisten Erwachsenen kommen im Film nicht als "sozialistische Heldenfiguren" daher: Prügeleien, Heuchelei, Fremdgehen und Schwärmerei für den Westen - all das gehört zum Alltag der Menschen. Eine solche Schilderung der DDR-Gesellschaft stieß im Kulturministerium der DDR auf wenig Gegenliebe. "Berlin - Ecke Schönhauser" wurde scharf angegriffen. Der Film sei geeignet, "den Feinden unserer Republik in ihrer Hetze zu helfen", hieß es in einer Stellungnahme der Hauptverwaltung Film, die für die Abnahme zuständig war.[14] Nur knapp entging "Berlin - Ecke Schönhauser" am Ende einem Verbot.

Doch anders als die SED-Funktionäre vermuteten, stieß der Film bei den politischen Gegnern auf keine große Gegenliebe. Schuld daran war die einseitige Darstellung des Westens. Unter anderem wird im Film ein Notaufnahmelager für Flüchtlinge in West-Berlin gezeigt, in dem Gewalt und Unterdrückung herrschen und einer der Jugendlichen auf tragische Weise ums Leben kommt. Szenen wie diese riefen die Ablehnung des Interministeriellen Ausschuss hervor, als "Berlin - Ecke Schönhauser" im Herbst 1958 erstmals in der Bundesrepublik aufgeführt werden sollte. Ausschlaggebend für das Verbot des Films war, so die Begründung im Kurzprotokoll der Sitzung, "daß er in seiner kommunistischen Tendenz Institutionen der Bundesrepublik (z.B. die Notaufnahmelager) verächtlich macht und die Verhältnisse nicht wahrheitsgetreu schildert". Außerdem würden "Freiheitsberaubungen (...) als im Westen übliche Delikte dargestellt". Daher hätten sich "fast alle Mitglieder" des Ausschusses dafür ausgesprochen, den Film nicht freizugeben. Während die Teilnehmer der Sitzung sich uneinig darüber waren, ob rechtliche Einwände gegen den Film geltend gemacht werden können, sei er "aus politischen Gründen (...) in jedem Fall abzulehnen".[15]

Drei Wochen später wurde "Berlin - Ecke Schönhauser" dem Ausschuss erneut vorgeführt, diesmal in einer geschnittenen Fassung, in der die Szenen aus dem Notaufnahmelager fehlten. Der Ausschuss blieb jedoch bei seiner ablehnenden Haltung. Herbert Leitreiter, der Vorsitzende des Gremiums, erhielt den Auftrag, die Bedenken an die FSK zu melden - offenbar hoffte man, mit ihrer Unterstützung eine Aufführung des Films verhindern zu können.[16] Dieser Schritt brachte nicht den gewünschten Erfolg, so dass eine erneute Vorführung beschlossen wurde - diesmal vor einem vergrößerten Teilnehmerkreis. Im Vorfeld dieser Sitzung übten das Bundespresseamt (BPA) und das BMG unabhängig voneinander Druck auf Leitreiter aus. Das BPA kritisierte energisch den Plan, "Berlin - Ecke Schönhauser" eventuell in einer geschnittenen Fassung für die Bundesrepublik zuzulassen. Die Politik der Bundesregierung und aller Parteien des Bundestages gehe davon aus, "dass es nur einen deutschen Staat gibt. Diese Auffassung wird untergraben, wenn zugelassen wird, dass ein deutscher Film in West- und Mitteldeutschland in verschiedenen Fassungen läuft." Unverblümt wurde der Ausschuss dazu aufgefordert, "in künftigen Fällen zur Wahrung der staatspolitischen Belange bei der Freigabe von Filmen aus Ostblockstaaten engere Maßstäbe in der Auslegung der gesetzlichen Bestimmungen anzuwenden".[17] Das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen schloss sich der Kritik an und bezeichnete die Aufführung des Films, auch in einer geschnittenen Fassung, als "politisch höchst unerwünscht".[18]

Die dritte Vorführung von "Berlin - Ecke Schönhauser" fand am 13. März 1959 statt. Insgesamt nahmen 24 Beamte an der Sitzung des Interministeriellen Ausschusses teil, darunter Vertreter des Wirtschaftsministeriums, des Auswärtigen Amtes, des Innenministeriums, des Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen, des Bundespresseamtes, des Bundeskanzleramtes und des Justizministeriums. Wieder gab es keine Freigabe. "Alle Ressorts waren der Auffassung, daß der vorgeführte Film ein typisches Produkt der Ostblockstaaten ist, und daß es wünschenswert wäre, wenn er im Bundesgebiet nicht gezeigt würde", heißt es im Protokoll. Während die Vertreter des Justiz- und des Wirtschaftsministeriums darauf beharrten, dass es keinerlei rechtliche Grundlage für ein Verbot gebe, blieben die anderen Teilnehmer dabei, "daß die Einfuhr des Films (...) in jedem Fall verhindert werden müsse".[19] Das Innenministerium plädierte besonders energisch für ein Verbot des Films und erklärte in einer schriftlichen Stellungnahme, dass der Film "mit Beziehung auf das Jugendproblem die Gesellschaftsordnung in West-Berlin" kritisiere und eine deutliche Tendenz erkennen lasse, "die freiheitliche demokratische Ordnung herabzusetzen und die totalitäre sowjetzonale zu verherrlichen".[20] Während der Konflikt zwischen den Ministerien in den kommenden Monaten andauerte und das Wirtschaftsministerium versuchte, das Innenministerium davon zu überzeugen, dass die rechtliche Basis für ein Verbot nicht ausreiche, erledigte sich die Sache vorerst von selbst: Der Filmverleih, der "Berlin - Ecke Schönhauser" importieren wollte, hatte seinen Antrag - auf einen Vorschlag von Leitreiter hin - zurückgezogen.[21]

Doch fünf Jahre später beschäftigte der Film den Ausschuss erneut, nachdem der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) aus München den Film einmalig vorgeführt hatte, ohne vorher die entsprechende Genehmigung einzuholen. Daraufhin wurde die Kopie des Films angefordert, um gegebenenfalls ein Verfahren gegen den SDS einzuleiten. Dem Interministeriellen Ausschuss wurde der Film erneut vorgeführt - einmal im September und ein weiteres Mal im Oktober 1964. Erneut gab es keine Freigabe für den Film. Die beteiligten Ministerien betonten wiederum ihre politischen Bedenken, waren sich aber uneinig, ob der Film gegen das inzwischen geltende Verbringungsgesetz verstoße.[22] Das Innenministerium sprach sich abermals dafür aus, den Film zu verbieten, denn er verfolge die Absicht, "Jugendliche aus der SBZ und ihre Eltern vor Kontakten mit West-Berlin oder gar vor Fluchtversuchen abzuschrecken". West-Berlin werde generell als "Hort des Verbrechertums" dargestellt. Zusammenfassend hieß es: "Durch die Idealisierung der östlichen und gleichzeitigen Diffamierung der westlichen Staatsordnung soll in dem unkritischen Betrachter die Überzeugung genährt werden, daß nur ein totalitäres Regime mit seiner Staatsjugend in der Lage ist, dem Halbstarken-Problem Herr zu werden, während die freiheitliche Grundordnung des Westens die Verführung der Jugend bis hin zum Verbrechertum fördert." Die Stellungnahme des BMI ging so weit, den DEFA-Film auf eine Stufe mit nationalsozialistischer Propaganda zu stellen: "Da der Nationalsozialismus mit ähnlichen Argumenten und mit einer ähnlich verzerrenden Gegenüberstellung der totalitären und der demokratischen Gesellschaftsordnung bei weiten Kreisen des Deutschen Volkes durchaus Erfolg hatte, kann im gegenwärtigen Zeitpunkt auch nicht gesagt werden, daß eine derartige Argumentation als Propagandamittel ungeeignet ist, zumal dann nicht, wenn sie, wie hier, auf direkte politische Argumente verzichtet und die angeblich gesellschaftliche Situation nur realistisch darzustellen scheint."[23]

Die rigorose Stellungnahme des Innenministeriums war umstritten. Ob sie überhaupt ausreichte, um ein erneutes Verbot zu begründen, sollte das Justizministerium prüfen. Da der zuständigen Referent den Film bislang jedoch noch nicht gesehen hatte, wurde eine weitere Vorführung im Interministeriellen Ausschuss ins Auge gefasst - inzwischen die sechste. Zu dieser kam es jedoch nicht mehr, weil der Münchner Studentenbund seine Kopie längst in die DDR zurückgeschickt hatte.

Fußnoten

14.
Zit. nach: R. Schenk (Anm. 11), S. 130.
15.
Der Bundesminister für Wirtschaft, Kurzbericht Nr. 15/58 über die am 6. 10. 1958 stattgefundene Sitzung des Interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Filmfragen, in: BArch, B 102/34487; Hervorhebungen im Original als Unterstreichung.
16.
Vgl. Der Bundesminister für Wirtschaft, Kurzprotokoll Nr. 16/58 über die am 27. 10. 1958 stattgefundene Sitzung des Interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Filmfragen, in: BArch, B 102/34487.
17.
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung an den Bundesminister für Wirtschaft, z.Hd. von Herrn Dr. Leitreiter, 10.11. 1958, in: BArch, B 102/144136.
18.
Der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen an den Bundesminister für Wirtschaft, z.Hd. von Herrn Dr. Leitreiter, 4.12. 1958, in: BArch, B 102/144136.
19.
Der Bundesminister für Wirtschaft, Kurzprotokoll Nr. 5/59 über die am 11. 3. 1958 stattgefundene Sitzung des Interministeriellen Ausschuss für Ost-West-Filmfragen, in: BArch, B 102/34488.
20.
Der Bundesminister des Innern an den Bundesminister für Wirtschaft, z.Hd. von Herrn Dr. Leitreiter, 3.4. 1959, in: BArch, B102/144136.
21.
Vermerk von Dr. Leitreiter an den zuständigen Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, 3.9. 1959, in: BArch, B 102/144136.
22.
Vgl. Vermerk an das Referat ZR, 12.11. 1964, in BArch, B 102/144136.
23.
Der Bundesminister des Innern an den Bundesminister für Wirtschaft, z. Hd. von Herrn Dr. Leitreiter, 23.10. 1964, in: BArch, B 102/144136.