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18.12.2008 | Von:
Roland Cerny-Werner
Rainer Gries

Der Vatikan und der Ostblock im Kalten Krieg

Mit Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil galt der Imperativ des "Aggiornamento". Seit der Kubakrise diente der Vatikan als vertrauenswürdiger Vermittler zwischen West und Ost.

Einleitung

Im Jahr 1958 wurde Angelo Giuseppe Roncalli, der 77-jährige Patriarch von Venedig, zum Bischof von Rom und damit zum Papst der katholischen Kirche gewählt. Der ebenso füllige wie freundliche Mann galt den Kardinälen als Übergangskandidat; das Konklave wollte mit seiner Wahl offensichtlich Zeit gewinnen. Doch der Sohn eines armen Landarbeiters aus der Nähe von Bergamo brach noch im Moment seiner Wahl mit der Tradition: Er setzte sich von der Mehrzahl seiner unmittelbaren Vorgänger bewusst ab, indem er den Namen Johannes annahm. Die Botschaft war eindeutig: Johannes XXIII. würde die Politik der letzten Päpste nicht fortsetzen.






"Papa Giovanni" galt als Mann aus dem Volke, der es bis zum Stellvertreter Christi gebracht hatte. In wenigen Tagen und Wochen schien sich im Vatikan nun manches zu wandeln. Das nicht einmal fünf Jahre andauernde Pontifikat Johannes' XXIII. zeitigte imposante und ungeahnte Wirkungen innerhalb und außerhalb der Kirche. Seit dem Tag seiner Wahl hatte sich Johannes XXIII. wie keiner seiner Vorgänger in das kommunikative Gedächtnis seiner Zeitgenossen eingeschrieben. Nicht nur für die Katholiken, die nach Erneuerung strebten, sondern für die ganze Welt vermochte die sympathische Vaterfigur auf dem Stuhle Petri mit einem Schlag das Charisma seines Amtes mit dem seiner Persönlichkeit aufzuladen: Person und Politik gingen ineinander auf. Johannes gelang es, sinnfällig und glaubwürdig "Bewegung" und "Reform" als Paradigmen seines Pontifikats zu postulieren. Er vermochte es, Veränderungen zu initiieren und durchzusetzen, allen Obstruktionen der Kurie zum Trotz. Und er verstand es, diese in der öffentlichen Inszenierung seiner selbst und seines Amtes überzeugend darzustellen.




Sein größtes Werk war die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils, das grundlegende Reformen im Selbst- und im Weltverständnis der Kirche in Gang brachte.[1] Das Zweite Vatikanum war erstmals kein Lehrkonzil, das Dogmen verteidigte oder gar Häretiker brandmarkte, sondern ein Pastoralkonzil, das Fragen der Beziehung der Kirche zu ihrer Umwelt thematisierte. Dem Papst und den Konzilsvätern lag das Programm einer erfolgreichen seelsorgerischen Kommunikation am Herzen.

Johannes XXIII. verdichtete das Leitmotiv seines Pontifikats und des Konzils in der italienischen Vokabel aggiornamento. Das "Auf-den-Tag-Bringen" der Kirche wurde zum Imperativ und zeichnete sich durch drei Strukturelemente aus:

Geschichtlichkeit: Mit dem Kirchenhistoriker Roncalli wurde ein Verständnis von Geschichtlichkeit anerkannt, das bereits seit der Jahrhundertwende in theologischen Diskursen zum Durchbruch gelangt war. Die Historizität der Kirche, vor allem die Zeitgebundenheit der Verkündigung des depositum fidei, des Glaubensschatzes, waren für diesen Papst selbstverständlich. Die Form der Verkündigung sollte den jeweiligen Zeitumständen angepasst werden, während der Inhalt für ihn unwandelbare Substanz darstellte. Mit diesem Verständnis der kirchlichen Heilsbotschaft war Johannes XXIII. ein entschiedener Reformer der Modalitäten - er blieb jedoch zugleich ein konservativer Geist, der durch die Theologie der Neuscholastik geprägt worden war.

Selbstreflexion: Der Papst wollte am Beginn der 1960er Jahre "das Fenster zur Welt öffnen". Die Kirche akzeptierte nun den Grundsatz der Pluralität - sowohl im Verhältnis zu anderen christlichen Kirchen und Gemeinschaften wie auch mit Blick auf den modernen liberalen Verfassungsstaat. Diese spektakuläre Wendung der Kirche zur Welt, ihre historische wie kulturelle Neupositionierung, machte einen zuweilen schmerzhaften Prozess der Selbstreflexion notwendig. Das Selbstbild der Mehrheit der Konzilsväter war daher nicht mehr die von der Welt abgewandte "triumphierende Kirche", sondern eine unaufhörlich zu beobachtende und zu reformierende Gemeinschaft - die ecclesia semper reformanda.

Pastoral und Kommunikation: Johannes XXIII. beendete die Sakralisierung und Überhöhung des Papsttums ins Übermenschliche, die unter seinem Vorgänger Pius XII. noch kennzeichnend gewesen war. Der Papst wollte "Mensch unter Menschen" sein. Er sah sich nicht als Dogmatiker, sondern als Pastor des Globus, als "Seelsorger der Welt". Die Idee des dialogischen Gottes machte auch seinen Stellvertreter auf Erden zu einem Mann des Dialogs.

Diese neue pastorale Kultur ging mit einer neuen politischen Kultur einher: Johannes XXIII., der ehemalige Diplomat des Vatikans im orthodoxen Bulgarien, in der muslimischen Türkei und im laizistischen Frankreich, veränderte folgerichtig auch die hundertjährige, unversöhnliche Frontstellung gegen Sozialismus und Kommunismus. "Ein neues Klima ist im Kommen, und ein Klima ist eben nicht aufzuhalten",[2] schrieb damals Titular-Erzbischof Boles?aw Kominek, der Weihbischof und Kapitularvikar von Breslau. In diesem neuen pastoralen wie politischen Klima spiegelten sich tragende Gedanken und Gefühle der 1960er Jahre, des Jahrzehnts der Neupositionierung, der Reform und der Revolution. Das galt auch für die katholische Kirche. Die große Akzeptanz dieses Papstes und seiner Politik bei seinen Zeitgenossen dürfte nicht zuletzt auch darin begründet sein, dass in seinem Pontifikat gleich drei Zeithorizonte der Kirchengeschichte zusammenfielen. Mit dem Reformpapst kam erstens eine vierhundertjährige historische Amplitude zu ihrem Ende. Grundlegende Prinzipien der nachtridentinischen, gegenreformatorischen Kirche des 16. Jahrhunderts wurden endgültig zu Grabe getragen. Der Eckpfeiler dieser Periode war das Tridentinum (1545 - 1563), ein Konzil, das die Reorganisation der Römischen Kirche als eigene Konfession im Widerstreit mit Luthertum und Calvinismus gebracht hatte. Im 19. Jahrhundert hatte die römische Kurie unter Pius IX. das antimodernistische Profil der Kirche erheblich verschärft. Insofern kam zweitens auch eine einhundertjährige Ära zu ihrem Ende, die mit der ultramontanen Kirche des 19. Jahrhunderts begründet worden war. Ihr Eckpfeiler war das Erste Vatikanum (1869/70). Hinzu kamen drittens die Herausforderungen, die Fragen und Probleme der Gegenwart und der Zukunft: Die Kirche müsse, so Johannes XXIII., die "Zeichen der Zeit" erkennen.

Die Theologie der Öffnung befruchtete nicht nur Pastoral und Liturgie. Das neue Selbst- und Weltverständnis bestimmte fortan auch den Stil der Außenpolitik des Vatikans inmitten der bipolaren Welt des Kalten Krieges. Die überkommene Kultur des Dogmas und der Belehrung wurde durch eine Kultur der Kommunikation und des Dialogs abgelöst.

Fußnoten

1.
Vor allem in der italienischen Geschichtsforschung hat die Beschäftigung mit dem Zweiten Vatikanum Tradition, siehe zum Beispiel Alberto Melloni, L'altra Roma - Politica e S. Sede durante il concilio vaticano II, Bologna 2000. Die Dokumente des Zweiten Vatikanums in: Peter Hünermann (Hrsg.), Herders theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Freiburg i. Br. 2004 - 2006.
2.
Brief Kominek an Rappich vom 18.12. 1965, in: Archivio di Stato Parma (ASP), Fondo Casaroli, Serie: Paesi dell'Est, Sottoserie: Polonia (unpag).