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13.12.2010 | Von:
Stefan Hradil

Der deutsche Armutsdiskurs - Essay

Debatte um die Mittelschicht und ihre Folgen

Viele Teilnehmer des Armutsdiskurses konnten den Eindruck gewinnen, dass zumindest die moralischen Verurteilungen der Unterschicht latent an die Mittelschicht gerichtet sind. Es geht dabei nicht nur um Legitimationen von Leistungskürzungen. Vielmehr soll zum einen die Mittelschicht die Möglichkeit erhalten, sich nach unten abzugrenzen und sich moralisch als die "bessere" Schicht zu empfinden. Zum anderen soll auf diese Weise ein Feindbild erhalten und so die Statuskonkurrenz gesellschaftlicher Gruppen forciert werden. Schließlich soll die in der Mittelschicht latent immer schon vorhandene Angst vor dem Abstieg zur Disziplinierung genutzt werden.

Diese durchaus intendierten, aber kaum je artikulierten Zielsetzungen sind nicht neu. Dergleichen Absichten werden in Armutsdiskursen seit Jahrhunderten verfolgt. Freilich haben sich in letzter Zeit viele Gegebenheiten in der Mittelschicht verändert. Damit erzeugt der Armutsdiskurs jetzt dort teilweise andere Wirkungen als erwartet. Um die Lage der Mittelschicht ist deshalb eine eigene Debatte entstanden. Sie beeinflusst mittlerweile umgekehrt auch den Armutsdiskurs.

Man kann es messen, wie man will: Die Mittelschicht wächst nicht mehr. Je nach Definition stagniert oder schrumpft sie deutlich, sogar im Kern der modernen Wissensgesellschaft,[19] unter den (Hoch-)Qualifizierten in den Büros. Dies widerspricht allen gängigen Theorien der Modernisierung, der postindustriellen Gesellschaft, der Dienstleistungsgesellschaft. Teilweise hängt dies mit vermehrten Mobilitätsprozessen zusammen: Nicht wenige Gewinner sind in die Oberschicht aufgestiegen, viele Verlierer sind abgestiegen, vor allem jene mit nicht mehr marktgängiger Qualifikation. Der bislang ungewohnt raue Wind in den Mittelschichten brachte es mit sich, dass dort Ängste vor Abstieg und Arbeitslosigkeit zunehmen und gewissermaßen die Bürotürme hochkriechen.[20] Daran war auch die Einführung des Arbeitslosengelds II ("Hartz IV") beteiligt, das vorsieht, dass schon nach zwölf Monaten Arbeitslosigkeit eine Reduzierung der Bezüge auf Sozialhilfeniveau erfolgt. Dieser Fall ist zwar für Angehörige der Dienstleistungsmittelschicht unwahrscheinlich, sollte er aber eintreten, dann ist die Fallhöhe oft tief.

Um auf die Effekte des Armutsdiskurses zurückzukommen: In dieser Situation tut es den Angehörigen der Mittelschicht gut zu wissen, dass auch im Falle eines Abstiegs eine Grenze der moralischen Respektabilität nach unten hin zur "Unterschicht" bleibt. Die wachsenden Ängste in der Mittelschicht stellen auch eine gute Grundlage dar, um das Feindbild einer disziplin- und verantwortungslosen Unterschicht zu entwickeln und so die eigene Disziplin zu stärken.

Diesbezügliche Befunde haben in den vergangenen Jahren eine eigene Debatte um die Situation der Mittelschicht entfacht. Wer um das Schicksal der Armen besorgt ist, weist entdramatisierend darauf hin, dass sich Armutsrisiken allenfalls an schmalen Rändern der Mittelschicht zeigen, die Ängste dort somit weithin keine reale Grundlage haben und sich das Schrumpfen der Mittelschicht in Grenzen hält, vor allem, wenn die Facharbeiterschaft nicht zur Mittelschicht gezählt wird und die laufenden De-Industrialisierungsprozesse damit außen vor bleiben.

Wem das Schicksal der Mittelschicht am Herzen liegt, der betont dagegen, dass deren Abstiegsängste sehr wohl ihre Berechtigung haben, nicht nur in Zeiten der Finanzmarktkrise. Teile der Mittelschicht fühlen sich zudem ungerecht besteuert und halten ihre Arbeitsbedingungen und -zeiten für familienfeindlich. Auch wird darauf hingewiesen, dass aus Ängsten von potenziellen Modernisierungsverlierern mittlerweile relativ stabile Milieus mit einer politischen Aggressivität geworden seien (beispielsweise gegen "integrationsunwillige" Zuwanderer), die man in der Mittelschicht nie vermutet hätte. Die hohe Zustimmung zu den umstrittenen Integrationsthesen Thilo Sarrazins komme nicht zuletzt aus der Mittelschicht. Schließlich wird gewarnt, dass Mittelschichten, die sich in der "Zwickmühle" fühlen, seit jeher zu politisch erratischem Verhalten neigten. Aus ihrer Pufferfunktion könne sehr leicht politische Instabilität werden.

Auch wenn daran vieles richtig ist: Die Debatte über die schrumpfende und verängstigte Mittelschicht lässt sie an Glanz verlieren und macht sie als Aufstiegsziel unattraktiv. Haben es Arbeiter ohnehin schwer, in die Mittelschicht vorzustoßen, so kommt nun noch der Eindruck hinzu, die Mühe lohne sich immer weniger. Dies verstärkt in den unteren Schichten ohnehin vorhandene Gefühle der Resignation und der Ungerechtigkeit. Zum Zusammenhalt und zur Produktivität unserer Gesellschaft trägt das nicht bei.[21]

Fußnoten

19.
Vgl. ders., Angst und Chancen. Zur Lage der gesellschaftlichen Mitte aus soziologischer Sicht, in: Herbert-Quandt-Stiftung (Hrsg.), Zwischen Erosion und Erneuerung. Die gesellschaftliche Mitte in Deutschland, Frankfurt/M. 2007, S. 163-226.
20.
Vgl. ders., Die Angst kriecht die Bürotürme hinauf ..., in: Herbert-Quandt-Stiftung (Hrsg.), Die Zukunft der gesellschaftlichen Mitte in Deutschland, Frankfurt/M. 2006, S. 34-43.
21.
Vgl. ders., Anmerkungen zu einer erstarrenden Gesellschaft. Sozialer Auf- und Abstieg in Deutschland, in: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.), Chancen für alle. Die Perspektive der Aufstiegsgesellschaft, Freiburg 2008, S. 22-35.

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