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13.12.2010 | Von:
Olaf Groh-Samberg

Armut verfestigt sich - ein missachteter Trend

Seit zehn Jahren lässt sich ein beispielloser Anstieg der Armut beobachten. Dieser vollzieht sich weniger durch eine Prekarisierung der Mitte als vielmehr durch eine Abkopplung eines "untersten" Bevölkerungsteils.

Einleitung

Seit über zehn Jahren lässt sich ein in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie dagewesener dramatischer Anstieg der Armut beobachten. Wie im Folgenden gezeigt werden soll, vollzieht sich dieser in Form einer zunehmenden Verfestigung von Armut bzw. einer zunehmenden Abkopplung eines "untersten" Bevölkerungsteils. Es fällt denen, die einmal in Armut geraten sind bzw. bereits länger in Armut leben, immer schwerer, aus der Armut wieder herauszukommen. Diese abnehmende Aufstiegsmobilität, nicht jedoch eine Zunahme der Abstiege in Armut hinein, kennzeichnet und treibt den beschriebenen Trend.

Es ist jedoch bemerkenswert, mit welcher Ignoranz dieser alarmierenden Entwicklung begegnet wird. Bereits seit Jahrzehnten wird über Armut in Deutschland diskutiert. Einen großen Erfolg der zunächst stark von Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften, Kommunen und der Wissenschaft getragenen Thematisierung und empirischen Analyse von Armut stellte die Etablierung einer regelmäßigen Armuts- und Reichtumsberichterstattung durch die Bundesregierung im Jahr 2000 dar. Damit wurde die Existenz und Problematik von Armut in der wohlhabenden Bundesrepublik erstmals politisch anerkannt. Mittlerweile liegen drei nationale Armuts- und Reichtumsberichte vor[1] und eine größere Zahl von Gutachten, die in diesem Kontext erstellt wurden. Auch aus diesen Berichten geht der drastische Anstieg der Armut klar hervor, obschon man den Eindruck gewinnen kann, dass er hinter den vielen Tabellen und Grafiken eher versteckt als zusammenhängend analysiert wird. Entsprechend findet sich in den resümierenden und sozialpolitisch orientierten Berichtsteilen keine klare Benennung, geschweige denn eine systematische Analyse dieses Trends. Es regiert vielmehr die politische Rhetorik, die sich in schönen Worten über die sozialpolitischen Reformen und Reformvorhaben auslässt und ihre angeblichen Fortschritte und Erfolge preist.

Damit wird klar: Die Etablierung einer nationalen Armuts- und Reichtumsberichterstattung allein ist kein Garant dafür, dass sich die erhoffte Rückkopplung von Armutsberichterstattung und Sozialpolitik auch tatsächlich einstellt. Eine solche Rückkopplung verlangt, dass zum einen die verwendeten Konzepte der Armutsberichterstattung differenziert und sensibel genug sind, um die nach Maßgabe sozialpolitischer Zielvorstellungen relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen sichtbar machen zu können. Zum anderen müssen sich umgekehrt die Erfolge und Misserfolge sozialpolitischer Maßnahmen zur Armutsbekämpfung an der tatsächlichen Entwicklung messen lassen. In beiden Punkten verfehlt die Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung bislang ihr Ziel: Sie liefert weder eine überzeugende Analyse der sozialpolitisch relevanten Entwicklungstrends, noch findet eine ausgewogene Bewertung der Sozialpolitik statt.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht vor allem der erste Punkt, also die gezielte empirische Analyse der aktuellen Trends der Armut. Die empirischen Analysen basieren auf den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und einem Armutskonzept, das sowohl dem mehrdimensionalen wie dem längsschnittlichen Charakter von Armut Rechnung trägt und damit besonders geeignet ist, die zeitlichen Trends der Armut differenziert zu untersuchen.[2]

Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2001. Unter demselben Titel erschienen 2005 der zweite und 2008 der dritte Bericht.
2.
Vgl. Olaf Groh-Samberg, Armut, soziale Ausgrenzung und Klassenstruktur, Wiesbaden 2009.

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