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Armut verfestigt sich - ein missachteter Trend


13.12.2010
Seit zehn Jahren lässt sich ein beispielloser Anstieg der Armut beobachten. Dieser vollzieht sich weniger durch eine Prekarisierung der Mitte als vielmehr durch eine Abkopplung eines "untersten" Bevölkerungsteils.

Einleitung



Seit über zehn Jahren lässt sich ein in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie dagewesener dramatischer Anstieg der Armut beobachten. Wie im Folgenden gezeigt werden soll, vollzieht sich dieser in Form einer zunehmenden Verfestigung von Armut bzw. einer zunehmenden Abkopplung eines "untersten" Bevölkerungsteils. Es fällt denen, die einmal in Armut geraten sind bzw. bereits länger in Armut leben, immer schwerer, aus der Armut wieder herauszukommen. Diese abnehmende Aufstiegsmobilität, nicht jedoch eine Zunahme der Abstiege in Armut hinein, kennzeichnet und treibt den beschriebenen Trend.

Es ist jedoch bemerkenswert, mit welcher Ignoranz dieser alarmierenden Entwicklung begegnet wird. Bereits seit Jahrzehnten wird über Armut in Deutschland diskutiert. Einen großen Erfolg der zunächst stark von Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften, Kommunen und der Wissenschaft getragenen Thematisierung und empirischen Analyse von Armut stellte die Etablierung einer regelmäßigen Armuts- und Reichtumsberichterstattung durch die Bundesregierung im Jahr 2000 dar. Damit wurde die Existenz und Problematik von Armut in der wohlhabenden Bundesrepublik erstmals politisch anerkannt. Mittlerweile liegen drei nationale Armuts- und Reichtumsberichte vor[1] und eine größere Zahl von Gutachten, die in diesem Kontext erstellt wurden. Auch aus diesen Berichten geht der drastische Anstieg der Armut klar hervor, obschon man den Eindruck gewinnen kann, dass er hinter den vielen Tabellen und Grafiken eher versteckt als zusammenhängend analysiert wird. Entsprechend findet sich in den resümierenden und sozialpolitisch orientierten Berichtsteilen keine klare Benennung, geschweige denn eine systematische Analyse dieses Trends. Es regiert vielmehr die politische Rhetorik, die sich in schönen Worten über die sozialpolitischen Reformen und Reformvorhaben auslässt und ihre angeblichen Fortschritte und Erfolge preist.

Damit wird klar: Die Etablierung einer nationalen Armuts- und Reichtumsberichterstattung allein ist kein Garant dafür, dass sich die erhoffte Rückkopplung von Armutsberichterstattung und Sozialpolitik auch tatsächlich einstellt. Eine solche Rückkopplung verlangt, dass zum einen die verwendeten Konzepte der Armutsberichterstattung differenziert und sensibel genug sind, um die nach Maßgabe sozialpolitischer Zielvorstellungen relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen sichtbar machen zu können. Zum anderen müssen sich umgekehrt die Erfolge und Misserfolge sozialpolitischer Maßnahmen zur Armutsbekämpfung an der tatsächlichen Entwicklung messen lassen. In beiden Punkten verfehlt die Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung bislang ihr Ziel: Sie liefert weder eine überzeugende Analyse der sozialpolitisch relevanten Entwicklungstrends, noch findet eine ausgewogene Bewertung der Sozialpolitik statt.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags steht vor allem der erste Punkt, also die gezielte empirische Analyse der aktuellen Trends der Armut. Die empirischen Analysen basieren auf den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und einem Armutskonzept, das sowohl dem mehrdimensionalen wie dem längsschnittlichen Charakter von Armut Rechnung trägt und damit besonders geeignet ist, die zeitlichen Trends der Armut differenziert zu untersuchen.[2]

Entwicklung und Diskurse



Armut in Deutschland nimmt, sofern sich das empirisch nachzeichnen lässt, bereits seit Ende der 1970er Jahre zu. Die verfügbaren längeren Zeitreihen zu Armutsindikatoren - Sozialhilfebezug und relative Einkommensarmut auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) - folgen demselben U-förmigen Verlauf, mit auffälligen Parallelen zum Verlauf der Arbeitslosigkeit:[3] Einer steilen Abnahme der hohen nachkriegsbedingten Armut folgt eine mehrjährige Talsohle der Armutsquoten in den 1970er Jahren. Ende desselben Jahrzehnts beginnt dann der langsame, aber kontinuierliche Wiederanstieg der Armut in Deutschland, der insbesondere in den zurückliegenden zehn Jahren noch einmal eine deutliche Beschleunigung erfährt.

Differenzierter lässt sich die Entwicklung der Einkommensarmut ab Mitte der 1980er Jahre verfolgen.[4] Betrachtet man die Entwicklung der Einkommensarmutsrisikoquote auf Basis des SOEP, so beginnt diese 1984 auf einem vergleichsweise hohen Niveau, nimmt jedoch bis Ende der 1980er Jahre zunächst leicht ab, und folgt in den 1990er Jahren konjunkturellen Schwankungen. Ein besonders ausgeprägter Anstieg der Einkommensarmut lässt sich seit etwa der Jahrtausendwende beobachten. Das Bemerkenswerte an dieser Entwicklung ist, dass der Anstieg monoton verläuft und sich von konjunkturellen Entwicklungen weitgehend unbeeindruckt erweist. Zwischen 1999 und 2006 sind die Einkommensarmutsquoten sieben Jahre in Folge gestiegen - von 10,4 Prozent im Jahr 2000 auf 14,8 Prozent 2006. Im Erhebungsjahr 2009 verharrt die Einkommensarmut auf dem sehr hohen Niveau von 14,6 Prozent. Es scheint, als hätte eine Entkopplung von Armutsentwicklung und Arbeitsmarktentwicklung stattgefunden: Die Armen profitieren nicht länger vom wirtschaftlichen Aufschwung.

Kontrovers wird diskutiert, was genau sich hinter dieser Entwicklung verbirgt und wie sich die Armutsentwicklung interpretieren lässt. Auf der einen Seite steht die Diagnose einer "Verzeitlichung" und "Entstrukturierung" der Armut.[5] Sie stützt sich auf eine längsschnittliche Betrachtung von individuellen Armutskarrieren, die deutlich macht, dass Armutsphasen häufig nur kurz andauern und oftmals mit kritischen Passagen im Lebensverlauf verbunden sind. In einer dynamischen Perspektive sind einerseits weitaus mehr Menschen (zumindest kurzzeitig) von Armut betroffen als in der Querschnittsbetrachtung, aber andererseits ist nur ein geringer Anteil kontinuierlich arm. Vor dem theoretischen Hintergrund der Individualisierungsthese wurde die Verzeitlichung der Armut als Ausdruck neuer Lebenslaufrisiken interpretiert, die sich quer zu den sozialen Klassen oder Schichten in der Gesellschaft verbreiten und damit zu einer sozialen Entgrenzung der Armut führen.

Eine Gegenthese zu diesem Szenario bildete die Diagnose einer entstehenden neuen underclass der "Überflüssigen" oder "Entbehrlichen"[6] oder eines "abgehängten Prekariats".[7] Den unterschiedlichen Etiketten gemeinsam ist die Vorstellung einer sozialen Schicht am untersten Rand der Gesellschaft, die nahezu vollständig abgekoppelt ist von der Welt der Erwerbsarbeit, im Wesentlichen von sozialstaatlichen Transfers lebt und eine eigene "Unterschichtskultur" entwickelt, die je nach ideologischer Färbung und intellektuellem Feingefühl in mehr oder minder stereotypen und stigmatisierenden Bildern gezeichnet wird. Die Unterschicht zeichnet sich demnach nicht nur und möglicherweise nicht einmal primär durch ihre materielle Armut und Arbeitslosigkeit aus, sondern durch ihre Transferabhängigkeit, ihre "Ungebildetheit" und ihre zur Lebenshaltung geronnene Hoffnungslosigkeit, die sich nicht zuletzt in Zustimmungen zu rechtsextremen Parteien äußere.

Zwischen diesen Extremen bewegen sich weitere Diagnosen wie die einer Zweidrittelgesellschaft und fortschreitenden Polarisierung von Armut und Reichtum. Besondere Aufmerksamkeit hat in jüngerer Zeit die Diagnose einer "schrumpfenden Mittelschicht" erfahren,[8] die nicht nur auf die dramatisch angestiegene Armutspopulation verweist, sondern auch auf den parallelen Anstieg von Personen im Reichtum und damit auf die insgesamt zunehmende Einkommensungleichheit. In den Feuilletons wird dies bisweilen zur Annahme drastischer Verelendungstendenzen der Mittelschichten zugespitzt. Es gilt als Gemeinplatz, dass die Armut zunehmend auch die Mittelklassen erreicht habe, in der sich die Angst vorm sozialen Abstieg ausbreite.[9] Dahinter steht das Szenario einer die gesamte Gesellschaft durchdringenden und bedrohenden Prekarisierung und Verarmung, die vor keinen Klassen- und Standesgrenzen mehr Halt mache.

Definition und Messung von Armut



Um diese unterschiedlichen Trenddiagnosen empirisch überprüfen zu können, bedarf es jedoch eines komplexeren Konzepts zur empirischen Messung von Armut als das der statischen relativen Einkommensarmut. Nach einer Definition der Europäischen Kommission, der sich auch die Bundesregierung in ihren Armuts- und Reichtumsberichten angeschlossen hat, gelten Personen und Familien als arm, "die über so geringe (materielle, soziale und kulturelle) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist". Wie sich diese allgemeine Definition in eine empirische Messung von Armut umsetzen lässt, ist jedoch nach wie vor höchst unklar und umstritten.

Die Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung hat sich mit der theoretischen Interpretation von Armut als "Mangel an Verwirklichungschancen" im Anschluss an Amartya Sen einem ambitionierten Konzept verschrieben. Auch hier klaffen jedoch Anspruch und Wirklichkeit (sprich empirische Operationalisierung) noch weit auseinander. Erneut entsteht der Eindruck, als diene die theoretische Rhetorik mehr dem schönen Schein als der Konfrontation mit empirischer Realität. Die Konzeptionalisierung von Armut als Mangel an Verwirklichungschancen muss in den Kurzzusammenfassungen der Berichte vor allem dazu herhalten, um zu betonen, dass "die Wahrnehmung von Chancen nicht zuletzt vom Einzelnen ab(hängt)".[10]

Das am stärksten verbreitete Konzept der Armutsmessung, das auch die empirischen Teile der Armuts- und Reichtumsberichte dominiert, ist nach wie vor das der relativen Einkommensarmut. Nach diesem Konzept gilt als arm, wer über ein bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen (auch "Äquivalenzeinkommen" genannt) von weniger als 60 Prozent des gesellschaftlichen Durchschnitts (Median) verfügt - unter der Annahme, dass bei einem solchen Einkommen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht mehr möglich ist. Abgesehen von den Messfehlern disponibler Einkommen liefern jedoch zeitlich punktuelle Messungen der Haushaltsnettoeinkommen nur ein ungenaues Bild von den tatsächlich verfügbaren ökonomischen Ressourcen, die über die Teilhabemöglichkeiten bestimmen. So werden Vermögen und Verschuldung sowie zeitliche Aspekte mit diesem Indikator nicht erfasst. Es ist durchaus möglich, dass Haushalte trotz geringer monetärer Ressourcen einen akzeptablen Lebensstandard wahren können - etwa wenn der Ressourcenmangel nur für eine begrenzte Zeit anhält, auf angespartes Vermögen, Eigenarbeit oder verwandtschaftliche Unterstützung zurückgegriffen werden kann oder Verschuldung möglich ist. Ebenso können umgekehrt spezifische Bedarfslagen - zum Beispiel schwere Erkrankungen oder Verschuldung - dazu führen, dass trotz durchschnittlicher Einkommen materielle Mängel (Deprivationen) in zentralen Lebensbereichen fortbestehen. Das Verhältnis von (laufenden) Einkommen und materiellen Lebenslagen (bzw. Konsumstandards) ist dabei prinzipiell in einer zeitlichen Perspektive zu betrachten, da Haushalte dazu tendieren, ihre monetären Ressourcen zeitlich umzuverteilen, um möglichst gleichbleibende Lebensstandards zu wahren.

Aufgrund dieser Unzulänglichkeiten statischer Einkommensarmut wird in der europäischen Forschungsliteratur zu Armut seit Längerem dafür plädiert, die "indirekte" Armutsmessung über die Haushaltsnettoeinkommen durch "direkte" Messungen des Lebensstandards zu ergänzen, und darüber hinaus Armut im Längsschnitt, also über einen mehrjährigen Zeitraum, zu betrachten.[11] Im Idealfall sollte beides zugleich geschehen, da eine rein querschnittliche Betrachtung notwendig zu einer Überschätzung des mismatch von Einkommens- und Deprivationsarmut führt, während umgekehrt längsschnittliche Armutsanalysen auf Basis isolierter Indikatoren zu einer Überschätzung der Dynamik von Armut führen.

Kombinierter Armutsindikator



Ein multidimensionaler und längsschnittlicher Armutsindikator ist selbstverständlich empirisch aufwendiger und erfordert eine Vielzahl von inhaltlich begründeten Entscheidungen, etwa über die zu berücksichtigenden Lebenslagen und die Bestimmung von Mindeststandards oder über die Abgrenzung kurzfristiger von langfristiger Armut.[12] Hier werden, auf Basis des SOEP, neben dem verfügbaren Einkommen drei konkrete Lebenslagen herangezogen, die in enger Wechselwirkung mit den laufenden Einkommen stehen: Die Wohnsituation (Größe, bauliche Qualität und sanitäre Ausstattung der Wohnung) ist Ausdruck der eher langfristigen Einkommenssituation und des Lebensstandards. Die Verfügbarkeit bzw. das Fehlen von finanziellen Rücklagen ist Ausdruck vergangener Einkommenserzielung und prägt die Handlungsoptionen und das Sicherheitsgefühl gegenüber der Zukunft. Arbeitslosigkeit schließlich ist eine der wichtigsten Einkommensquellen und zugleich eine der wichtigsten nicht-monetären Dimensionen der sozialen Teilhabe. Die Einkommens- und Lebenslagen einer Person werden zudem über fünf aufeinanderfolgende Jahre hinweg betrachtet. Damit soll zum einen die Güte (Validität) der Armutsmessung erhöht werden - etwa im Sinne einer Identifikation der "wirklich" Armen (truly poor).[13] Zum anderen soll den unterschiedlichen Ausprägungen von Armut und Prekarität Rechnung getragen werden. Je nach der Dauer und Intensität von Einkommensmangel und Lebenslagendeprivationen können Zonen des Wohlstands, der Prekarität und der Armut unterschieden werden, aber auch "Entstrukturierungen" der Armut:

In der Zone des gesicherten Wohlstands am obersten Ende der Wohlfahrtsverteilung finden wir ausschließlich gesicherte Einkommen und Lebenslagen. In der darunterliegenden Zone des instabilen Wohlstands finden wir dagegen häufiger auch Jahre mit prekären Einkommen oder einzelnen Deprivationen - der Wohlstand zeigt Risse. In der dann folgenden Zone der Prekarität leben Personen zumeist mit prekären Einkommen und einzelnen Deprivationen. Die materielle Situation hat sich hier noch nicht zur dauerhaften multiplen Armut verfestigt, aber ihre Drohung ist stets präsent, und es finden sich kaum mehr Phasen des Wohlstands. In der Zone der verfestigten Armut am untersten Rand der Gesellschaft leben Personen, die sich überwiegend in Einkommensarmut befinden und mehrfache Lebenslagendeprivationen aufweisen. Hier hat sich die Armut in Einkommen wie Lebenslagen gleichermaßen festgesetzt.[14]

Während in der Zone der Prekarität bereits inkonsistente und temporäre Erscheinungen von Armut auftreten, im Ganzen gesehen aber das "Grau" zwischen Armut und Wohlstand als eigenständige "Farbe" dominiert, finden wir auch ausgeprägte Typen der "entstrukturierten" Armut, in der der Widerspruch zwischen Armut und Wohlstand eine eigene Form angenommen hat. Der Typus der temporären Armut ist dadurch gekennzeichnet, dass sich Jahre mit gesicherten Einkommen und ohne Lebenslagendeprivationen mit Jahren von Einkommensmangel und Deprivationen abwechseln. Beim Typus der inkonsistenten Armut sind dagegen Widersprüche zwischen Einkommen und Lebenslagen auf Dauer gestellt. Die durchschnittliche Einkommens- und Lebenslagensituation über alle fünf Jahre hinweg ist für die beiden Typen der entstrukturierten Armut weitgehend identisch und vergleichbar mit der Zone der Prekarität, aber die Erscheinungsformen und Erfahrungsweisen der Armut bzw. Prekarität sind sehr unterschiedlich.

Trendentwicklung



Die Unterscheidung von Erscheinungs- und Erfahrungsweisen von Armut und Prekarität eignet sich besonders gut für eine Überprüfung der unterschiedlichen Annahmen zur Trendentwicklung. Die in der Abbildung (sh. Abbildung in der PDF-Version) dargestellten Trendanalysen zeigen, dass die große Gruppe im gesicherten Wohlstand über die vergangenen 26 Jahre hinweg relativ stabil bei 44 bis 48 Prozent der westdeutschen Bevölkerung liegt, mit leichten, aber trendlosen Schwankungen. Das bedeutet, dass die obere Hälfte der Bevölkerung vom Anstieg der Armut in diesem Zeitraum nicht betroffen war. Nicht einmal temporär oder in einzelnen Lebensbereichen nehmen hier Anzeichen und Erfahrungen der Armut oder Prekarität zu.[15]

Betrachtet man die Verteilung in der unteren Bevölkerungshälfte, so zeigt sich vor allem ein dominanter Trend: Die Zone des instabilen Wohlstands nimmt im Zeitverlauf deutlich ab (in Westdeutschland von etwa 32 Prozent in den ersten auf 28 Prozent in den letzten Fünfjahresperioden), während die Zone der extremen Armut deutlich zunimmt (von etwa sechs auf zehn Prozent). Die anderen Ausprägungen von Prekarität und entstrukturierter Armut erweisen sich dagegen als relativ stabil: In der Zone der Prekarität leben etwa zehn Prozent der Bevölkerung, starke Schwankungen zwischen Armut und Wohlstand erfahren etwa vier bis fünf Prozent der Bevölkerung, und in einseitiger Armut leben, mit leicht abnehmender Tendenz, drei bis vier Prozent der Bevölkerung.

Trotz der Unterschiede in den Einkommens- und in einzelnen Lebenslagen zwischen Ost- und Westdeutschland ergibt sich für den Osten ein durchaus ähnliches Bild, mit einer noch deutlicheren Ausprägung der auch im Westen erkennbaren Trends. Die Zone des gesicherten Wohlstands ist erwartungsgemäß kleiner als im Westen, und sie entwickelt sich ebenfalls erstaunlich stabil. Die dominanten Trends bestehen auch hier in einer Abnahme der Zone des instabilen Wohlstands (von etwa 36 auf unter 30 Prozent) und einer dramatischen Zunahme der Zone der verfestigten Armut von etwa vier Prozent in den ersten beiden Perioden auf elf bis zwölf Prozent in den letzten beiden Perioden. Die Zone der Prekarität umfasst wie im Westen etwa zehn Prozent der Bevölkerung und weist keinen gerichteten Trend auf. Die beiden Typen der "entstrukturierten" Armut finden sich im Osten etwas häufiger als im Westen, aber sie sind auch hier weitgehend stabil über die Zeit.

Die empirischen Befunde widersprechen damit den Thesen einer Entstrukturierung und Entgrenzung der Armut. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: In West- wie in Ostdeutschland haben wir es mit einer über die Zeit hinweg zunehmenden Verfestigung von Armut am unteren Rand der Gesellschaft zu tun. Die Stabilität der Zone des gesicherten Wohlstands, wie auch die Stabilität der entstrukturierten Typen der Armut, lassen darauf schließen, dass die Zunahme der Armut nicht in Form eines abbröckelnden Wohlstands oder eines "Fahrstuhleffekts nach unten" verläuft, sondern in Form einer Verfestigung der Armut "von unten nach oben".

Die Tendenz zur Verfestigung von Armut lässt sich auch durch tiefergehende Analysen bestätigen. So nimmt etwa der innere, statistische Zusammenhang der gewählten Indikatoren im Zeitverlauf tendenziell zu.[16] Insofern kann auch die These einer zunehmenden Status-Inkonsistenz der Armut widerlegt werden. Dasselbe gilt für die These der Verzeitlichung der Armut. Für alle Einzelindikatoren ebenso wie für den Gesamtindikator lässt sich zeigen, dass der Anteil kurzzeitiger Armut (Anteil der Personen, die genau ein Jahr von fünf betrachteten Jahren von Armut bzw. Deprivation betroffen sind) im Verhältnis zur dauerhaften Armut (Anteil der Personen, die vier oder fünf Jahren betroffen sind) im Zeitverlauf klar rückläufig ist.

Eine andere Möglichkeit der weitergehenden Analyse der Armutsentwicklung besteht darin, die Übergangswahrscheinlichkeiten von einer Fünfjahresperiode in die nächstfolgende zu betrachten. Dies ist nur für Personen möglich, die mindestens zehn Jahre kontinuierlich an der Befragung teilgenommen haben. Auf Basis dieser Population kann gezielt gefragt werden, inwiefern "Abstürze" aus Wohlstandslagen in Prekarität oder Armut über die Zeit hinweg zugenommen haben. Die Analysen zeigen, dass extreme Abstiege aus der Zone des gesicherten Wohlstands in die Zone der verfestigten Armut praktisch gar nicht vorkommen, und auch Abstiege aus dem gesicherten Wohlstand in die Prekarität oder aus dem instabilen Wohlstand in verfestigte Armut nur sehr selten sind und über die Zeit nicht signifikant zunehmen.[17]

Dagegen lassen sich eine Zunahme von Abstiegen aus der Zone der Prekarität in die verfestigte Armut und eine deutliche Zunahme des Verbleibs in der Zone der verfestigten Armut erkennen. Der Anteil der Personen, die sich nach fünf Jahren in der verfestigten Armut auch in den folgenden fünf Jahren in dieser Zone befindet, steigt im Beobachtungszeitraum von unter 50 auf über 75 Prozent an. Wenn überhaupt, gelingen lediglich kleine Aufstiege in die benachbarte Zone der Prekarität, oder in eine Form der temporären oder einseitigen Armut. Aufstiege in den gesicherten Wohlstand finden sich so gut wie gar nicht, und Aufstiege in den instabilen Wohlstand liegen mit schwankenden, tendenziell abnehmenden Werten zwischen fünf und zwölf Prozent im Westen und im Osten noch darunter.

Der generelle Anstieg der Armut in Deutschland kann also nicht durch zunehmende Abstiege in die Armut erklärt werden - und damit auch nicht durch vermehrte Prekarisierungen der gesellschaftlichen Mitte. Im Gegenteil: Der treibende Faktor bei der Zunahme der Armut ist vielmehr, dass es in Deutschland immer schwieriger geworden ist, aus der Armut wieder herauszukommen. Die Armutsentwicklung trifft diejenigen am härtesten, die ohnehin schon nahe an ihr oder gar schon lange in ihr leben.

Auch im Hinblick auf die Entwicklung gruppenspezifischer Armutsrisiken zeigt sich alles andere als eine soziale Entgrenzung und Heterogenisierung der Armutspopulation. Ausgehend von einem soziologischen Klassenmodell ergibt sich für Westdeutschland das Bild einer weitgehend stabilen, klassenspezifischen Schichtung des Armutsrisikos. Die einfache Arbeiterklasse trägt das mit Abstand größte Armutsrisiko, das absolut gesehen auch am stärksten ansteigt, gefolgt von der Facharbeiterklasse. Noch extremer ist dieser Anstieg im Osten verlaufen. In Ostdeutschland haben wir es heute, was die Armutsrisiken betrifft, annähernd mit einer Zweiklassengesellschaft zu tun: Auf der einen Seite stehen die beiden Arbeiterklassen und Routine-Dienstleister mit zum Teil extrem hohen Armutsquoten, auf der anderen Seite die übrigen Klassen mit nach wie vor eher geringen Armutsrisiken.

Ein besonders hohes und deutlich steigendes Armutsrisiko haben Personen, die höchstens über einen Hauptschulabschluss und keine berufliche Ausbildung verfügen. Allerdings stellt diese Gruppe auch einen abnehmenden Anteil nicht nur der Gesamtbevölkerung, sondern auch der Armutsbevölkerung dar. Ein starker Anstieg der Armutsquoten lässt sich insbesondere bei Personen in Alleinerziehenden-Haushalten und in Haushalten mit drei und mehr Kindern beobachten. Im Osten haben auch die Alleinstehenden - hier vor allem Männer mittleren Alters - erkennbare höhere Armutsrisiken. Drastisch ist der Anstieg der Armut für Personen mit Migrationshintergrund. Wenn man nur die westdeutschen Personen ohne Migrationshintergrund betrachtet, nimmt sich der Anstieg der Armut tatsächlich eher moderat aus.

Fazit



Die hier vorgestellten Analysen machen deutlich, dass wir es in Deutschland mit der Entwicklung einer zunehmenden Verfestigung von Armut zu tun haben, die es in dieser Form in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat. Auch wenn keine Daten für hinreichend differenzierte Analysen für die Zeit vor Mitte der 1980er Jahre vorliegen, so scheint der Armutsanstieg in den vergangenen zehn Jahren zwar eingebettet in eine langfristige "große Welle" wiederansteigender Armut seit den 1970er Jahren, aber gleichwohl einmalig. Er ist charakterisiert durch die zunehmende Schwierigkeit, aus der Armut und auch aus der Prekarität wieder herauszukommen. Auf diese Weise nimmt der Anteil der langfristigen Armut kontinuierlich zu.

Offenbar sind die von verfestigter Armut besonders betroffenen und gefährdeten Gruppen sozial relativ homogen: Es sind vor allem Familien der Arbeiterschicht, mit mehreren Kindern oder alleinerziehenden Müttern oder Vätern sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Damit widersprechen die empirischen Befunde weit verbreiteten Annahmen über eine zunehmende Temporalisierung und soziale Entgrenzung der Armut, eine Zunahme sozialer Abstiege aus der Mitte der Gesellschaft und ein Ausgreifen von Prekarität in immer breitere Bevölkerungskreise. Der Kern der Armutsentwicklung besteht vielmehr in ihrer signifikanten Verfestigung.

Dieser zentrale Trend wird in der Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung nicht angemessen erkannt und reflektiert, obwohl der Anstieg der Armut aus dem umfangreichen Zahlenmaterial durchaus hervorgeht. Während sich der konzeptionelle Teil mit einem ambitionierten theoretischen Armutskonzept hervortut, bleibt der empirische Teil in einer Aneinanderreihung von Einzelindikatoren stecken, die als solche oft wenig aussagekräftig sind. Der sozialpolitische Berichtsteil schließlich steht mit seiner Rhetorik erfolgreicher Armutsbekämpfung in einer eklatanten Diskrepanz zum Versagen der Sozialpolitik vor der verfestigten Armut.

Die Etablierung einer nationalen Armuts- und Reichtumsberichterstattung stellt zweifelsohne einen großen Erfolg dar. Dieser Erfolg kann sich aber leicht in sein Gegenteil verkehren, wenn sich die deutsche Armutsforschung auf die Rolle einer bloßen Zulieferantin zu dieser Berichterstattung herabstufen lässt und die Definitionshoheit einer reinen Behördenlogik überlässt. Eine unabhängige Armutsforschung und -berichterstattung, die über die amtliche Berichterstattung hinausgeht und diese beständig kritisch reflektiert, ist daher unverzichtbar für das Gelingen einer demokratischen - und eben nicht technokratischen - Sozialberichterstattung.

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Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2001. Unter demselben Titel erschienen 2005 der zweite und 2008 der dritte Bericht.
2.
Vgl. Olaf Groh-Samberg, Armut, soziale Ausgrenzung und Klassenstruktur, Wiesbaden 2009.
3.
Vgl. ebd., S. 46-49.
4.
Vgl. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen, in: DIW-Wochenbericht, (2010) 7, S. 2-11.
5.
Vgl. Stephan Leibfried et al., Zeit der Armut: Lebensläufe im Sozialstaat, Frankfurt/M. 1995; Lutz Leisering, Dynamik von Armut, in: Ernst-Ulrich Huster/Jürgen Boeckh/Hildegard Mogge-Grotjahn (Hrsg.), Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, Wiesbaden 2008, S. 118-132.
6.
Vgl. Martin Kronauer, Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt/M.-New York 2002; Heinz Bude, Die Ausgeschlossenen, München 2008.
7.
Vgl. Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland, Bonn 2007.
8.
Vgl. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Schrumpfende Mittelschicht - Anzeichen einer dauerhaften Polarisierung der verfügbaren Einkommen?, in: DIW-Wochenbericht, (2008) 10, S. 101-108.
9.
Vgl. Nicole Burzan/Peter A. Berger (Hrsg.), Dynamiken (in) der gesellschaftlichen Mitte, Wiesbaden 2010.
10.
BMAS (Anm. 1), 2008, S.I.
11.
Vgl. etwa Brian Nolan/Christopher T. Whelan, Resources, Deprivation, and Poverty, Oxford 1996.
12.
Vgl. O. Groh-Samberg (Anm. 2).
13.
Vgl. Björn Halleröd, The Truly Poor, in: Journal of European Social Policy, (1995) 2, S. 111-129.
14.
Der Anteil der verfestigten Armut dürfte dabei noch tendenziell unterschätzt werden, da bestimmte Personengruppen der "extremen Armut" wie Wohnungslose, illegalisierte Migranten und viele Personen in Heimen per se nicht von Umfragen wie dem SOEP erfasst werden können oder zumindest deutlich unterrepräsentiert sind.
15.
Das bedeutet freilich nicht, dass in dieser Gruppe interne Ungleichheiten - etwa des Reichtums - nicht zugenommen haben können. Der hier gebildete Indikator des "gesicherten Wohlstands" sagt nichts über das Ausmaß von Reichtum aus, sondern ausschließlich etwas über die Absenz von Armut und Prekarität. Vgl. Olaf Groh-Samberg, Sorgenfreier Reichtum: Jenseits von Konjunktur und Krise lebt nur ein Prozent der Bevölkerung, in: DIW-Wochenbericht, (2009) 35, S. 590-597.
16.
Vgl. O. Groh-Samberg (Anm. 2), S. 173-190.
17.
Vgl. Olaf Groh-Samberg/Florian R. Hertel, Abstieg der Mitte? Zur langfristigen Mobilität von Armut und Wohlstand, in: N. Burzan/P.A. Berger (Anm. 9), S. 137-157.

 

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