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Kinderarmut in Deutschland


13.12.2010
Armut wirkt sich für Kinder in vielen ihrer zentralen Lebensbereiche negativ aus. Vor allem die Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten im schulischen und außerschulischen Bereich sind deutlich eingeschränkt.

Einleitung



Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 und der Deutschen Vereinigung 1990 haben die weltweiten Globalisierungstendenzen auch im nationalen Rahmen Spuren hinterlassen, am deutlichsten in Ostdeutschland. Unter anderem durch Deregulierungen und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ist es zu einer allgemeinen Labilisierung von Erwerbsbiografien und Lebensläufen gekommen. Seit Mitte der 1990er Jahre ist auch ein Anstieg der Armut, vor allem der Kinderarmut, nicht zu übersehen. In den Sozialwissenschaften verbinden sich mit der Diskussion über diese Entwicklungen Begriffe wie Prekarität, Ausgrenzung, Exklusion oder sozialer Abstieg.

Der Begriff "Armut" ist eine gesellschaftliche Konstruktion; er ist mit Werte- und Normenvorstellungen verbunden und unterliegt im öffentlichen Diskurs einem Aushandlungsprozess, in dem unterschiedliche Gruppen und Interessen Bedeutung gewinnen. In hoch entwickelten Ländern wie Deutschland wird Armut entweder als relative Armut interpretiert - im Unterschied zu Ländern der "Dritten Welt", in denen es absolute, lebensbedrohliche Armut gibt - oder mit dem Bezug von sozialstaatlichen Grundsicherungsleistungen identifiziert. Freilich wird bei beiden Vorgehensweisen Armut auf einen Einkommensmangel der Familie sowie die damit verbundenen Konsequenzen beschränkt. Die Forschung zur Kinderarmut in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten zeigte jedoch, dass Armut wesentlich mehr bedeutet, als wenig Geld zu haben und die damit verbundenen Einschränkungen in der Lebensführung hinnehmen zu müssen.

In erster Linie gilt inzwischen als erwiesen, dass Armut für Kinder andere Auswirkungen hat als für Erwachsene, und dass sie von Kindern auch anders erlebt wird. Mit diesen Erkenntnissen hat sich die Kinderarmutsforschung als eigenständiger Zweig etabliert, denn zuvor wurden Kinder lediglich als Angehöriger armer Haushalte betrachtet und nicht als eigene Gruppe. Zu diesem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel hat auch die soziologische Kindheitsforschung beigetragen, welche die Perspektive des becoming (das Kind als werdender und künftiger Erwachsener) zu Gunsten der Perspektive des being (das Kind im Hier und Jetzt seines Lebens) veränderte und damit den Blick auf das aktuelle Kinderleben, das Erleben und die Wahrnehmung durch die Kinder selbst lenkte.[1]

Die Forschung der 1990er Jahre hat aufzeigen können, dass Kinder auf vielfältigen Ebenen Konsequenzen der familiären Armut zu gewärtigen haben. Nachgewiesen wurden erhebliche gesundheitliche Einschränkungen (häufigeres Vorkommen von chronischen Krankheiten, Übergewicht, psychosomatischen Symptomen), schlechtere Schulleistungen bzw. negative Schulkarrieren, geringere Integration in Gleichaltrigenbeziehungen (Freunde und Spielkameraden), geringeres Aktivitätsniveau (Mitgliedschaften in Vereinen), problematisches Selbstwertgefühl und geringere Selbstwirksamkeitsüberzeugungen.[2]


Fußnoten

1.
Vgl. Heinz Hengst/Helga Zeiher, Von Kinderwissenschaften zu generationalen Analysen, in: dies. (Hrsg.), Kindheit soziologisch, Wiesbaden 2005, S. 9-24; Hans Bertram, Mittelmaß für Kinder. Der UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland, München-Bonn 2008; Maksim Hübenthal, Kinderarmut in Deutschland. Expertise im Auftrag des Deutschen Jugendinstituts, München 2009.
2.
Vgl. den Überblick in Christoph Butterwegge/Karin Holm/Margherita Zander et al., Armut und Kindheit. Ein regionaler, nationaler und internationaler Vergleich, Wiesbaden 2003, S. 72ff. und S. 174ff.; Karl August Chassé/Margherita Zander/Konstanze Rasch, Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen, Wiesbaden 20104, S. 23ff.

 

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