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13.12.2010 | Von:
Karl August Chassé

Kinderarmut in Deutschland

Armutsfolgen für Kinder

Im zurückliegenden Jahrzehnt ist unser Wissen über die Folgen von Familienarmut für Kinder vor allem durch einige qualitative Untersuchungen vertieft worden. Neben der Jenaer Studie[14] sind hier vor allem die AWO-ISS-Studien[15] und das sogenannte Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts (im Auftrag des Bundesfamilienministeriums) zu nennen.[16] In dieser repräsentativen Studie waren in der ersten Befragungswelle immerhin etwa 26 Prozent der Kinder in Armut bzw. armutsnahen Lebenslagen, so dass Vergleiche möglich geworden sind.

Angesichts der "Unterschichtdebatte", in der das Gegenteil behauptet wird,[17] ist zunächst zu betonen, dass der Großteil der Eltern sich auch in materiellen Notlagen große Mühe gibt, ihre Kinder möglichst wenig unter der familiären Armut leiden zu lassen.[18] Sie verzichten oft auf Ausgaben für sich selbst, um nicht an Ausgaben für die Kinder sparen zu müssen. Gleichwohl reicht dieses elterliche Bemühen keineswegs aus, um die Kinder vor Armutsfolgen bewahren zu können.

Armut hat für Kinder andere Auswirkungen als für Erwachsene und wird von ihnen auch anders erlebt und erfahren. Schon im Bereich der Grundversorgung (Einkommen; Ernährung, Wohnung, Gesundheit) unterscheidet sich die Wahrnehmung der Kinder deutlich von jenen der Erwachsenen. Während etwa im Bereich der Bekleidung für die Erwachsenen die Nützlichkeit und die Funktionalität im Vordergrund stehen, sind für Kinder die kinderkulturelle Symbolik von Kleidung, Spielzeug oder Teilhabemöglichkeiten an bestimmten sozialen Aktivitäten, an denen sie Differenz- und Ausschlusserfahrungen machen können (etwa wenn Freunde nicht in die Wohnung oder zum Übernachten eingeladen werden können), viel entscheidender. Generell haben Kinder ein feines Gespür für ihre Benachteiligung und sind auch in anderen Lebenslagebereichen sensibel, etwa wenn eine Interessen- und Begabungsförderung aus finanziellen Gründen nicht erreichbar ist (Sportverein, Musikunterricht oder andere Aktivitäten). Dies gilt auch für die schulische Lebenswelt, die von fast allen armen Kindern als sehr ambivalent erfahren wird, weil sie sowohl leistungsmäßig wie sozial ihre Benachteiligung wahrnehmen.

Zu betonen ist, dass all diese Erfahrungen nicht nur persönliche, sondern immer zugleich soziale sind, in denen Kinder ihre relationale Benachteiligung deutlich wahrnehmen. Auch im Bereich der sozialen Kontakte sind für die Kinder vor allem die Zahl und die Qualität von wichtigen Beziehungen zu Erwachsenen, aber auch zu Gleichaltrigen wichtig, und sie leiden darunter, wenige oder keine Freunde zu haben, keine Spielkameraden zu finden oder Geburtstage nicht im großen Kreis feiern zu können.

Im Muße- und Regenerationsspielraum geht es für die mit Lernarbeit befassten Kinder um Entspannungs- und Rückzugsmöglichkeiten (Kinderzimmer, eigener Bereich), aber auch um die Stabilität der familiären Lebensbedingungen, um förderliche Eltern-Kind-Beziehungen und ein positives Familienklima, wobei die Kinder dies in der Regel sehr differenziert wahrnehmen. Sie brauchen eine strukturierte Alltagsbewältigung mit vielen kindgemäßen Ritualen. Elterliche Konflikte, Streit und Gewalt können die kindliche Erfahrung von Armut überlagern. Kinder nehmen die eingeschränkten Gestaltungsmöglichkeiten und Optionen ihres Lebens sehr wohl wahr, sie leiden darunter, wenn sie ihre (meist recht bescheidenen) Bedürfnisse und Wünsche beschneiden müssen oder gar nicht umsetzen können. Hier spielt natürlich auch das Verhältnis zu den Eltern eine entscheidende Rolle. Die empirischen Befunde des DJI-Kinderpanels unterstreichen den Zusammenhang des kindlichen Wohlbefindens (definiert als Erleben der eigenen Bewältigungskompetenz) und des objektivierbaren Leistungsverhaltens in Schule und Lebenswelt.[19]

Die Folgen familiärer Armut für Kinder sind heterogen und sehr differenziert zu betrachten; allgemein lässt sich aber sagen, dass die Besonderheiten kindlicher Armut vor allem in den Auswirkungen auf die Lebenschancen (Bildung), in der Persönlichkeitsentwicklung und im kindlichen Wohlbefinden (im Kinderleben) zu sehen sind. In aller Regel - wenn nicht Verwandte oder institutionelle Angebote der Jugendhilfe oder der Schule partiell ausgleichen - wirkt sich die materielle Armut der Familie in allen Lebenslagebereichen der Kinder negativ aus. Beeinträchtigt werden sowohl das aktuelle Kinderleben, wovon das kindliche Wohlbefinden ebenso betroffen ist, als auch seine Aneignungs- und Anerkennungsmöglichkeiten und damit zugleich auch die kindlichen Gestaltungsmöglichkeiten (Spielräume). Es zeigen sich in allen wichtigen Lebensbereichen spürbare Auswirkungen, sowohl in der Grundversorgung (Ernährung, Bekleidung, Wohnung, Kinderzimmer) als auch im Bereich der sozialen Kontakte und sozialen Integration, bei den Familien- und Geschwisterbeziehungen (Familienklima, Erziehungsverhalten, Konflikte), der individuellen Förderung und Anregungen zu kultureller Teilhabe (Begabungsförderung, Vereinsmitgliedschaft, Freizeitangebote) und im Bereich der Gesundheit.[20] Zusammen damit werden die Entwicklungs- und Bildungschancen der Kinder deutlich beeinträchtigt. Die Möglichkeiten der Eltern, dem entgegenzuwirken, sind auch bei gutem Willen und vorhandenen Kompetenzen aufgrund der materiellen Situation eindeutig begrenzt. Deshalb müssen die Entwicklungschancen von Kindern aus armen Familien bei allen Relativierungen als klar benachteiligt angesehen werden.

Der derzeit am meisten beachtete Effekt ist der in Deutschland besonders stark ausgeprägte Zusammenhang zwischen der Lebenslage und dem Bildungsverlauf von Kindern, der durch die breite Diskussion der PISA-Studien viel Aufmerksamkeit erhielt. Schon Ende der 1990er Jahre wurde in quantitativen Studien darauf aufmerksam gemacht, dass im Vergleich armer mit nicht armen Kindern die Schulkarrieren deutlich negativer sind, was die zu erwartenden Schulabschlüsse, Versetzungen und die Schulnoten betrifft.[21] Auch die jüngere AWO-ISS-Studie belegte deutlich beeinträchtigte Bildungschancen. "Der enge Zusammenhang zwischen Armut und Bildung wird erneut bestätigt: ohne materielle Sicherheit und kulturelles Kapital der Eltern sind die Bildungschancen gering."[22]

Insgesamt lässt sich sagen, dass sich Armut nicht nur in einem Mangel an finanziellen Ressourcen ausdrückt, sondern zu Einschränkungen in zentralen Lebenslagen der Kinder führt, was mit erheblichen Einschränkungen gesellschaftlicher Teilhabe, Bildungschancen, Lebenschancen und mit Prozessen sozialer Exklusion verbunden ist. Diese Armutsfolgen fallen umso einschneidender aus, je länger die Armutslage anhält.[23]

Fußnoten

14.
Vgl. K.A. Chassé/M. Zander/K. Rasch (Anm. 2).
15.
Vgl. Gerda Holz, Lebenslagen und Chancen von Kindern in Deutschland, in: APuZ, (2006) 26, S. 3-11.
16.
Vgl. Christian Alt (Hrsg.), Kinderleben - Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Bd. 1: Aufwachsen in Familien, Bd. 2: Aufwachsen zwischen Freunden und Institutionen, Wiesbaden 2005; ders. (Hrsg.), Kinderleben - Start in die Grundschule, Bd. 3: Ergebnisse aus der zweiten Welle, Wiesbaden 2007.
17.
Vgl. Karl August Chassé, Unterschicht, Prekariat, Deklassierung. Ein Versuch zur Dechiffrierung der Unterschichtdebatte, in: Fabian Kessl et al. (Hrsg.), Die Erziehung der Armen. Zur Diskussion um die neue Unterschicht, Wiesbaden 2007, S. 17-34; ders., Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte, Wiesbaden 2010.
18.
Vgl. Werner Wüstendörfer, "Dass man immer nein sagen muss". Eine Befragung der Eltern von Grundschulkindern mit Nürnberg-Pass, Nürnberg 2008; K.A. Chassé/M. Zander/K. Rasch (Anm. 2), S. 238f.
19.
Vgl. Gerhard H. Beisenherz, Wie wohl fühlst Du Dich?, in: Chr. Alt (Anm. 16), Bd. 1, S. 157-186; ders., Wohlbefinden und Schulleistung von Kindern armer Familien, in: ebd., Bd. 3, S. 189-210.
20.
Vgl. Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS), in: Bundesgesundheitsblatt, 50 (2007) 5-6; Gerhard Trabert, Kinderarmut und Gesundheit, in: Deutsches Kinderhilfswerk (Hrsg.), Kinderreport 2007, Freiburg 2007, S. 115-131.
21.
Vgl. Wolfgang Lauterbach/Andreas Lange/Richard Becker, Armut und Bildungschancen: Auswirkungen von Niedrigeinkommen auf den Schulerfolg am Beispiel des Übergangs von der Grundschule auf weiterführende Schulformen, in: Christoph Butterwegge/Michael Klundt (Hrsg.), Kinderarmut und Generationengerechtigkeit, Opladen 2002, S. 153-170.
22.
Gerda Holz/Andreas Puhlmann, Alles schon entschieden? Wege und Lebenssituationen armer und nicht-armer Kinder zwischen Kindergarten und weiterführender Schule, Zwischenbericht zur AWO-ISS-Längsschnittstudie, Frankfurt/M. 2005, S. 11.
23.
Vgl. G. Beisenherz (Anm. 19).

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