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13.12.2010 | Von:
Gabriele Lingelbach

"... die Hungernden zu speisen" - Zur Entwicklung des Spendenverhaltens in Deutschland

Dimensionen des heutigen Spendenwesens

Allein die quantitativen Dimensionen des Spendenmarktes sind beeindruckend: Einer aktuellen Schätzung zufolge spendeten Privatpersonen in Deutschland zuletzt jährlich rund zwei Milliarden Euro.[2] Wenn man die testamentarisch vererbten Spendengelder und die Unternehmensspenden noch hinzurechnen würde, käme man auf etwa vier Milliarden Euro. Je nach Erhebungsgrundlage und Definition des Begriffes "Spende" kommen andere Untersuchungen auf zwei bis fünf Milliarden Euro, die in Deutschland jährlich allein von Privathaushalten gegeben würden, wobei die höheren Zahlen auf der Basis besonders valider statistischer Grundlage errechnet wurden.[3]

Ebenso variieren die statistischen Angaben zur Spenderquote, also zum Anteil der Spenderinnen und Spender an der deutschen Bevölkerung. Während einige Erhebungen davon ausgehen, dass nur jeder fünfte Deutsche regelmäßig spendet, kommen andere Analysen auf bis zu 70 Prozent. Der Charity Scope der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelte beispielsweise eine Spendenbeteiligung von nur etwa 20 Prozent, der Deutsche Spendenmonitor von TNS Infratest wiederum stellte für die vergangenen zehn Jahre eine zwischen 37 und 50 Prozent schwankende Quote fest. Der sogenannte Freiwilligensurvey im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergab dagegen für das Jahr 2009 eine Quote von 59 Prozent. Am höchsten lagen die Zahlen eines Forschungsprojekts der Humboldt-Universität und des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das im Jahr 2008 sogar auf eine Spenderquote von 70 Prozent kam. Sicherlich müssen solche Umfragen mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden - wer sagt schon offen in einem Interview, er spende nicht? Doch ist deutlich, dass von einer gänzlich "entsolidarisierten" Gesellschaft angesichts solcher Zahlen kaum gesprochen werden kann.

Zwar kann eingewendet werden, dass die deutschen Haushalte Schätzungen zufolge durchschnittlich nur 0,33 Prozent ihres Einkommens für Geldspenden aufwenden (bei Steuerpflichtigen liegt der Anteil an den Einkünften, die für Spenden ausgegeben werden, zwischen etwa 0,7 Prozent und etwas über 3 Prozent), aber im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die Deutschen insbesondere anlässlich von Katastrophen relativ spendabel sind. Der These von der Entsolidarisierung widerspricht auch die Tatsache, dass die meisten Spendengelder der Hilfe für bedürftige Menschen und damit zu einem bedeutenden Teil auch der Armutsbekämpfung gewidmet sind. Dies legen zumindest die Ergebnisse des GfK Charity Scope nahe (sh. Tabelle in der PDF-Version).

Detailliertere Aussagen stellt der Deutsche Spendenmonitor zur Verfügung, dessen Spenderbefragung für das Jahr 2009 eine Reihenfolge bei den Spendenzwecken ergab. Auf dem ersten Platz stand die Behindertenhilfe, gefolgt von der Kinder- und Jugendhilfe, der Kirche als Spendenzweck, der Entwicklungshilfe, der Sofort- und Nothilfe und dem Spendenzweck "Wohlfahrt, Soziales".[4] Bei den genannten Bereichen hatten jeweils zwischen etwa einem Drittel und einem Viertel der Befragten angegeben, sie hätten für diesen Zweck Geld gegeben. Tier- und Umweltschutz lagen unterhalb dieser Quoten, aber noch im zweistelligen Bereich. Weniger als fünf Prozent der Befragten antworteten dagegen, sie hätten für "Bildung", "Kunst" oder "Politik" einen Obolus geleistet. Zwar ist die definitorische Zuordnung von Spendenzwecken problematisch - ist eine Spende für die Schulausbildung blinder Kinder in Indien nun dem Spendenzweck "Behindertenhilfe", der "Kinder- und Jugendhilfe", der "Entwicklungshilfe" oder der "Bildung" zuzuordnen? -, aber die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass die meisten Spender "wohltätige" Zwecke im Sinne der mehr oder weniger direkten Hilfe für bedürftige Menschen verfolgen. Die Förderung von "gemeinnützigen" Zwecken wie etwa die Kulturförderung zieht dagegen deutlich weniger Aufmerksamkeit auf sich.

Doch offensichtlich ist auch, dass die Entscheidung für den potenziellen Spender, für welchen Zweck er etwas geben will, heutzutage schwieriger ist als früher. Sollte man den Opfern von Naturkatastrophen in weit entfernten Weltregionen helfen oder über die Spende an eine der "Tafeln" bedürftigen Menschen in der eigenen Region? Sollte man sich für die Rettung der tropischen Regenwälder einsetzen oder vielleicht doch besser für den Artenschutz der heimischen Tierwelt? Möglicherweise wäre auch der Schutz der Menschenrechte in der Welt einer Förderung wert, die Schulausbildung von Mädchen in Afghanistan, der Kirchenbau in Osteuropa, die Aids-Forschung, der örtliche Sportverein oder die städtische Gemäldegalerie? Die Vielfalt an "Brennpunkten" und möglichen Empfängern ist enorm, die Wahl eines Spendenziels ist dadurch häufig mit großem Informationsaufwand verbunden. Oft wird eine Entscheidung aber auch sehr spontan getroffen, etwa wenn man bei einer Straßensammlung um eine Spende gebeten wird, einen Spendenwerbebrief im Briefkasten gefunden hat, durch Bekannte zu einer Gabe animiert oder bei einer Fernseh-Charity-Gala zum Spenden aufgefordert wird.[5]

Die Breite der Wahlmöglichkeiten und Gelegenheiten zur Spendengabe ist allerdings ein aus historischer Perspektive gesehen relativ neues Phänomen. Deshalb wird im Folgenden nachgezeichnet, wie sich die Wahlmöglichkeiten für Spenderinnen und Spender in Deutschland während des 20. Jahrhunderts entwickelt haben und welche Bedeutung dem Kampf gegen Armut und Bedürftigkeit mithilfe von Spendengeldern in den vergangenen Jahrzehnten zukam.[6] Der Schwerpunkt liegt mithin auf dem Spendenwesen, das im Unterschied zum Stiftungssektor dadurch gekennzeichnet ist, dass kleinere Summen unterhalb einer gewissen Erheblichkeitsschwelle gegeben werden. Die Spendentätigkeit wird daher durch große Teile der Bevölkerung praktiziert, ist Teil des Alltagshandelns breiter Gesellschaftsschichten, während das Stiftungswesen und damit die Gabe größerer Summen eher durch eine schmale soziale und wirtschaftliche Elite dominiert wird.

Fußnoten

2.
Diese und folgende Angaben aus Eric Lämmerzahl, Spendensituation und Spendenverhalten. Charity Scope 2008, in: Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) (Hrsg.), Soziale Arbeit Spezial. Helfersyndrom, Prestigeverlagen oder Gemeinsinn? Untersuchungen zum Spendenverhalten, Dokumentation einer Tagung vom 13.10.2008 in Berlin, Berlin 2009, S. 5.
3.
Diese und die folgenden Angaben finden sich - falls nicht anders angegeben - in Jana Sommerfeld/Rolf Sommerfeld, Die Spender, in: DZI (Hrsg.), Spendenbericht Deutschland 2010, Berlin 2010, S. 25-92.
4.
Spendenzwecke in Deutschland 2007 bis 2009 laut TNS Infratest-Umfrage, online: http://de.statista.com/statistik/daten/
studie/2684/umfrage/spendenzwecke-in-deutschland-im-zeitverlauf/(24.11.2010).
5.
Zur Entwicklung der Spendenformen vgl. Gabriele Lingelbach, Vom Opferstock zur Online-Spende, in: DZI (Hrsg.), Spendenbericht Deutschland 2010, Berlin 2010, S. 115-124. Zu TV-Spendengalas vgl. Katja Naße, Charity-TV in Deutschland, Hagen 1999.
6.
Vgl. Gabriele Lingelbach, Spenden und Sammeln. Der westdeutsche Spendenmarkt bis in die frühen 1980er Jahre, Göttingen 2009.

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