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13.12.2010 | Von:
Gabriele Lingelbach

"... die Hungernden zu speisen" - Zur Entwicklung des Spendenverhaltens in Deutschland

Spendensammlungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Das Geben von kleineren Geldsummen oder Sachspenden für wohltätige Zwecke ist ein jahrhundertealtes Phänomen. Besonders über die Kollekte während des Gottesdienstes haben die Kirchen stets im Sinne der sieben Werke der Barmherzigkeit die Gläubigen aufgefordert, "die Hungernden zu speisen" und "die Nackten zu kleiden".[7] Auch im jüdischen und muslimischen Glauben nimmt die spendende Fürsorge für Bedürftige eine bedeutende Rolle ein. Im säkularen Raum wurde das Spenden über intermediäre Instanzen - im Unterschied zum Geben von Almosen an Bettler - in Deutschland allerdings erst während des Ersten Weltkrieges zu einem alltäglichen Massenphänomen.[8] Denn nun ging es um die Unterstützung von Familien, die durch die Einberufung ihrer männlichen Mitglieder zum Wehrdienst oder deren Tod auf den Schlachtfeldern in Not geraten waren. Wohltätigkeit war somit sicherlich Zweck der während des Krieges von vielen Organisationen initiierten Straßen- und Haussammlungen und der über die Presse verteilten Spendenwerbungen, doch wurde auch an das patriotische Pflichtgefühl der "Heimatfront" appelliert.

In der Weimarer Republik gab es ebenfalls immer wieder groß angelegte Sammlungswochen, bei denen insbesondere die starken Wohlfahrtsverbände wie die Caritas, die Innere Mission und das Rote Kreuz an die Öffentlichkeit traten, um die Bevölkerung um Spenden zu bitten. Ehrenamtliche Sammlerinnen und Sammler standen dann mit Sammelbüchsen in den Innenstädten oder gingen von Haus zu Haus. Besondere Bedeutung erlangte in dieser Phase die 1930/1931 eingeführte gemeinsame Sammlungsaktion für die sogenannte Winterhilfe, deren Einnahmen jenen Menschen zukommen sollten, die durch die Wirtschaftskrise in existenzielle Not geraten waren.

Somit war auch das außerkirchliche Spendenwesen in Deutschland von Anfang an stark auf Wohltätigkeitszwecke, auf die Hilfe für Arme und Bedürftige konzentriert. Dabei gaben die Spender ihr Geld für sehr vage formulierte Zwecke meist an die großen Wohlfahrtsverbände, die dann entschieden, welche Personengruppen und Einrichtungen von den Spendengeldern profitierten. Dieser Entscheidungsspielraum der Spendensammler wurde allerdings während der nationalsozialistischen Herrschaft sukzessive reduziert. Die traditionellen Wohltätigkeitsorganisationen wurden teilweise verboten oder in ihrem Wirkungsradius stark eingeschränkt. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) statteten die neuen Machthaber dagegen mit zahlreichen Privilegien aus, was unter anderem dazu führte, dass diese die weiterhin stattfindenden Haus- und Straßensammlungen zunehmend dominierte.[9]

Zugleich wurde das Spendenwesen von den Nationalsozialisten für die eigenen Zielsetzungen korrumpiert. Während beispielsweise die über die Winterhilfe eingesammelten Gelder nicht mehr an jüdische Bürgerinnen und Bürger verteilt werden durften, wurden die Einrichtungen der NSV und deren Klientel deutlich bevorzugt. Somit instrumentalisierte das Regime das Spendenwesen für seine eigenen propagandistischen und sozialpolitischen Zielsetzungen, wie der NS-Staat auch insgesamt tief in das Spendenwesen eingriff, indem er alle Spendensammlungen einer rigorosen staatlichen Kontrolle unterwarf. Da er seit 1934 alle Spendensammler per Gesetz dazu verpflichtete, eine staatliche Genehmigung einzuholen, bevor sie die Bürger um Geld baten, konnten die Machthaber bestimmen, für welche Zwecke und über welche Organisationen überhaupt noch Geld gegeben werden konnte.

Fußnoten

7.
Vgl. Bronislaw Geremek, Geschichte der Armut. Elend und Barmherzigkeit in Europa, München 1991.
8.
Vgl. Rainer Auts, Opferstock und Sammelbüchse. Die Spendenkampagnen der freien Wohlfahrtspflege vom Ersten Weltkrieg bis in die sechziger Jahre, Paderborn 2001, S. 21-33.
9.
Vgl. Peter Hammerschmidt, Die Wohlfahrtsverbände im NS-Staat, Opladen 1999.

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