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13.12.2010 | Von:
Gabriele Lingelbach

"... die Hungernden zu speisen" - Zur Entwicklung des Spendenverhaltens in Deutschland

Spendensammlungen in der frühen Nachkriegszeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg standen die Gaben für arme und bedürftige Bevölkerungsgruppen abermals im Zentrum des Spendenwesens. Denn die Not war überbordend: Den vielfach in Lagern untergebrachten Vertriebenen, Flüchtlingen, Heimkehrern, Evakuierten und displaced persons sowie den beispielsweise durch Ausbombung um ihre Existenzgrundlage gebrachten ortsansässigen Menschen fehlte es ebenso wie den vielen Kriegsversehrten und -hinterbliebenen an Lebensmitteln, Kleidung, Hausrat und häufig auch an einem Dach über dem Kopf. Staatliche Stellen waren angesichts der Notlage überfordert, und die Spendenleistungen aus dem Ausland setzten erst allmählich ein. In dieser Situation trug das meist auf der Ebene der Kommunen und Kirchengemeinden organisierte Spendenwesen erheblich zur materiellen Umverteilung und Linderung akuter sozialer Not bei, wenn auch zu Beginn eher nur im lokalen Rahmen. Rasch aber bauten Wohltätigkeitsorganisationen wieder regionale und dann nationale Strukturen auf und begannen abermals, regelmäßige Haus- und Straßensammlungen auch im überlokalen Maßstab zu veranstalten.

Dass nach 1945 weiterhin die Bekämpfung von inländischer Armut und Bedürftigkeit als Spendenzweck dominierte, lag nicht nur an der allgegenwärtigen Not, sondern auch an der staatlich geschützten Dominanz der fünf großen Wohlfahrtsverbände. Die Caritas, die Innere Mission bzw. das Evangelische Hilfswerk (die sich bald zur Diakonie zusammenschlossen), das Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt und der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband engagierten sich fast ausschließlich in diesem Bereich und vernachlässigten dementsprechend gemeinnützige Zwecke wie die Sportförderung, den Denkmalschutz oder die Bildungsförderung.[10] Da aber weiterhin die gesetzliche Verpflichtung bestand, für öffentliche Spendensammlungen eine staatliche Genehmigung einzuholen und diese Genehmigung wiederum nahezu ausschließlich den Wohlfahrtsverbänden und ihren regionalen und lokalen Unterorganisationen erteilt wurde, konnten die Bundesbürger fast nur für solche Zwecke spenden, welche die Wohlfahrtsverbände offerierten. Und weil die Genehmigungspflicht für alle öffentlichen Sammlungsformen galt, also sowohl für die traditionellen Haus- und Straßensammlungen als auch für die Verschickung von Briefen mit Spendenwerbung oder auch die Spendenaufforderung in den Medien, gab es für potenzielle Spender kaum Alternativen zu den Wohlfahrtsverbänden. Lediglich über die staatlicherseits nicht regulierten Kollekten oder über die Mitgliedsbeiträge für einen Verein konnte man andere Ziele unterstützen. Das öffentliche Spendenwesen der frühen Nachkriegszeit war mithin durch Wohltätigkeitszwecke bestimmt.

Doch kann aus der Tatsache, dass die Westdeutschen - in der DDR war das Spendenwesen eine Randerscheinung, die für die sozialen, politischen und propagandistischen Ziele der Staatsführung eingesetzt wurde[11] - in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem für die Bekämpfung von Armut und Bedürftigkeit spendeten, nicht geschlossen werden, dass dies deren Willen widerspiegelte. Denn die Wahlfreiheit der Spender war ebenso eingeschränkt wie die Freiwilligkeit der Gabe. Schließlich konnten die Passanten bei der Straßensammlung etwa des Roten Kreuzes oder des Evangelischen Hilfswerks der Spendenaufforderung kaum (ohne Gesichtsverlust) ausweichen. Und wenn die ehrenamtlichen Sammler mit Namenslisten von Haustür zu Haustür gingen und die gegebenen Beträge für die nachfolgenden Spender sichtbar auf den Sammellisten notierten, konnte ebenfalls kaum einer der Angesprochenen die "freiwillige" Gabe verweigern.

Dass das Spendenwesen der Nachkriegszeit so überdeutlich durch Wohltätigkeitsspenden dominiert war, lag mithin an der rigorosen staatlichen Reglementierung des Spendenmarktes, die zum einen ein Oligopol spendensammelnder Organisationen, deren Aktivitätsradius sich auf die Hilfe für Bedürftige konzentrierte, deutlich bevorzugte und zum anderen die Wahlfreiheit der Spender stark einengte.

Fußnoten

10.
Vgl. ders., Wohlfahrtsverbände in der Nachkriegszeit, Weinheim 2005.
11.
Vgl. Gregory R. Witkowski, "Unser Tisch ist besser gedeckt." Ostdeutsche Philanthropie und Wohltätigkeit, 1959-1989, in: Thomas Adam/Simone Lässig/Gabriele Lingelbach (Hrsg.), Stifter, Spender und Mäzene. USA und Deutschland im historischen Vergleich, Stuttgart 2009, S. 313-333.

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