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13.12.2010 | Von:
Gabriele Lingelbach

"... die Hungernden zu speisen" - Zur Entwicklung des Spendenverhaltens in Deutschland

Wandel seit den 1960er Jahren

Dies änderte sich jedoch in den 1960er Jahren. Weil die staatlichen Genehmigungs- und Kontrollbehörden mit der Beaufsichtigung des Spendenwesens zunehmend überfordert waren und zudem Gerichtsurteile die gesetzlichen Grundlagen dieser Kontrolle zunächst einschränkten und dann ganz beseitigten, liberalisierte sich die obrigkeitsstaatliche Regulierung des Spendenmarktes deutlich. Spätestens seit Ende der 1960er Jahre durften alle Organisationen, solange sie nicht betrügerische Absichten verfolgten, Spenden für wohltätige oder gemeinnützige Zwecke sammeln. Lediglich die Haus- und Straßensammlungen blieben einer gewissen Kontrolle unterworfen. Infolgedessen vermehrte sich die Zahl von Verbänden, Vereinen, Institutionen, teilweise aber auch von Privatpersonen, die sich mit Spendenwerbebriefen oder Spendenaufrufen in den Medien an die Bevölkerung wandten. Da im Unterschied zu den Haus- und Straßensammlungen die Notwendigkeit entfiel, eine große Zahl ehrenamtlicher Sammlerinnen und Sammler zu rekrutieren, konnten auch kleine Organisationen mit geringem Aufwand beachtliche Spendenerfolge erzielen.

Mit der Vermehrung der spendensammelnden Organisationen fächerte sich auch das Angebot im Hinblick auf die Spendenzwecke auf. In einem ersten Schritt kam es dabei zu einer Internationalisierung: Organisationen wie Misereor, Brot für die Welt oder Adveniat, die zuvor nur bei den Kirchengemeinden hatten sammeln dürfen, konnten nun mit ihren Spendenbitten an die breite Öffentlichkeit herantreten und unerwartet hohe Spendeneinnahmen verzeichnen. Weltliche Entwicklungshilfeinstitutionen sowie Organisationen, die sich der internationalen Katastrophenhilfe widmen, kamen hinzu, so dass sich die Solidaritätsräume zusätzlich erweiterten. Doch noch immer blieb die Armuts- und Bedürftigkeitsbekämpfung im Zentrum des bundesrepublikanischen Spendenwesens.

Erst in den 1980er Jahren erweiterte sich das Spektrum der möglichen Spendenzwecke abermals signifikant. Denn nun konnten vor allem der Umwelt- und Naturschutz Zuwächse bei den Spendeneinnahmen verzeichnen. Inzwischen zeigen sich auch wachsende Erfolge derjenigen Organisationen, die für die Kulturförderung oder den Denkmalschutz Spenden einwerben. Das eindeutige Monopol der Wohltätigkeitsspenden für inländische Empfängergruppen ist mittlerweile aufgebrochen.

Für diese Entwicklung können zahlreiche Gründe angegeben werden. Dazu gehört auf jeden Fall die beschriebene Liberalisierung des Sammlungsrechts, also der Rückzug des Staates aus der Kontrolle und Lenkung des Spendenmarktes. Aber auch gesellschaftliche Wandlungsprozesse müssen zur Erklärung der beschriebenen Entwicklung herangezogen werden. Der mittlerweile zwar gestoppte, doch insgesamt deutliche Ausbau des Sozialstaates führte zu einem Rückgang offensichtlicher Armut und Bedürftigkeit im Inland und lenkte die Spendengaben in Richtung der Hilfesuchenden jenseits der deutschen Staatsgrenzen. Die Erweiterung der Wahrnehmungshorizonte, unter anderem hervorgerufen durch eine Medienberichterstattung, die sich internationalen Themen zunehmend öffnete, zeigte ebenfalls Wirkung. Die mediale Aufmerksamkeit für Natur- und Hungerkatastrophen im Ausland gewann in wachsendem Maße Einfluss auf die Spendenströme. Insbesondere die sich vermehrenden Fernsehbilder über Natur- und Hungerkatastrophen und jedwedes menschliches Leid in den verschiedensten Regionen dieser Welt veranlassten die Deutschen immer wieder zu durchaus großzügigen Spendengaben. Insofern ist die konstatierte Erweiterung der Solidaritätsräume auch als ein Phänomen der Globalisierung zu werten.

Hinzu kommt aber auch der Zuwachs an Wissen über die Ursachen menschlicher Bedürftigkeit. Je deutlicher etwa der Zusammenhang zwischen Klimawandel einerseits und des durch Dürrekatastrophen oder Überschwemmungen verursachten menschlichen Leids andererseits ins Bewusstsein trat und damit die Tatsache, dass auch Naturkatastrophen zum Teil auf menschliches Verhalten zurückzuführen sind, desto eher boten sich Spendenzwecke an, die sich der Bekämpfung der Ursachen widmeten. Insofern können Spenden für den Umweltschutz auch nicht mehr eindeutig von jenen getrennt werden, die sich der Armuts- und Bedürftigkeitsbekämpfung verschreiben. Wenn also in Zukunft der Anteil der Spenden zur direkten Armutsbekämpfung weiter zurückgehen sollte, dann muss dies nicht als Anzeichen einer fortschreitenden Entsolidarisierung gewertet werden: Auch Spenden beispielsweise für den Umweltschutz oder die Bildungsförderung sind Ausweis praktizierter zwischenmenschlicher Solidarität.


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