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13.12.2010 | Von:
Maja Malik

Armut in den Medien

Die Mechanismen vieler Medien stehen im Widerspruch zu den Mechanismen der Armut: Während für Medien vor allem aktuelle Ereignisse relevant sind, ist Armut ein permanentes Problem.

Einleitung

Immer wieder wird Armut in Deutschland zu einem großen Medienthema. Mal werden Hartz-IV-Empfänger mit "spätrömischer Dekadenz" oder "Geld fürs Nichtstun" in Verbindung gebracht,[1] mal wird ein geplanter "Bildungs-Chip" für Kinder aus armen Familien diskutiert, mal weist eine neue Studie die steigende Zahl von Armut betroffener Menschen nach, mal ruft der Tod eines verwahrlosten Kindes eine umfangreiche Berichterstattung hervor. Solche Skandale, Provokationen, weitreichenden politischen Entscheidungen und umfassenden statistischen Erkenntnisse sorgen für Aufregung in der Öffentlichkeit und werden in fast allen journalistischen Sendungen und Blättern aufgegriffen.

Andere Themen im Zusammenhang mit Armut und sozialer Ausgrenzung werden in der öffentlichen Diskussion weniger sichtbar, etwa die Familien am Rande des Existenzminimums, deren Kinder nicht mit ins Kino gehen können; die alten Menschen, die sich mit ihrer Rente nicht mehr als das Allernötigste leisten können; die Jugendlichen mit mangelnder Schulbildung, die zwar nicht negativ auffallen, aber keine Perspektive auf Arbeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. Die Ursachen und Auswirkungen ihrer Armut sind vielfältig und komplex bieten aber häufig keine spektakulären Anlässe für eine mediale Berichterstattung.

Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und das Bewusstsein Einzelner für Armut in einer Gesellschaft hängen zentral damit zusammen, wie diese Themen in den Medien behandelt werden. In komplexen Gesellschaften können gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen von Einzelnen nicht mehr alleine überblickt werden. Journalistische Medien greifen die Themen auf, die sie für interessant und relevant für ihr Publikum halten. Auf diese Weise stellen sie Öffentlichkeit für diese Themen her. Dabei finden verschiedene Themen unterschiedlich große Beachtung in den Medien wie in der Öffentlichkeit. Etwa wird die öffentliche Aufmerksamkeit umso größer, je mehr Medien über dieselben Themen berichten. Auch die Häufigkeit der Berichterstattung, der Umfang der Berichte und ihre Platzierung innerhalb von Sendungen, Zeitungen und Internetseiten beeinflussen, in welchem Maße Themen beachtet werden. Auf diese Weise bestimmen Medien mit, welche Themen als wichtig gelten und gesellschaftlich diskutiert werden.

Doch nicht nur die öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema, sondern auch die Erwartungen, Vorstellungen und Einstellungen der Menschen zu diesem Thema werden durch seine Darstellung in den Medien geprägt. Indem Journalistinnen und Journalisten in ihrer Berichterstattung bestimmte Aspekte und Akteure in den Vordergrund stellen, während sie andere gar nicht oder nur am Rande behandeln, definieren sie Problemsichten und Verantwortlichkeiten und legen ihrem Publikum einen Interpretationsrahmen nahe. Wie einzelne Bürgerinnen und Bürger sowie entscheidende Personen und Institutionen Probleme der Armut und Ausgrenzung wahrnehmen und bewerten, wird daher wesentlich durch die mediale Berichterstattung geprägt.

Fußnoten

1.
Guido Westerwelle, An die deutsche Mittelschicht denkt niemand, 11.2.2010, online: www.welt.de/debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html (24.11.2010).

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