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13.12.2010 | Von:
Maja Malik

Armut in den Medien

Frage der Perspektive

Dennoch wurde der mediale Umgang mit dem Thema Armut bislang nicht umfassend und systematisch untersucht. Vielmehr gibt es hierzu nur wenige wissenschaftliche Arbeiten, und die vorhandenen Publikationen nehmen überwiegend eine ähnliche Perspektive ein: Sie beruhen auf der Interpretation einzelner ausgewählter Berichterstattungsbeispiele. Es ist davon auszugehen, dass diese wissenschaftliche Herangehensweise auch die Ergebnisse prägt. Denn die Antwort auf die Frage, wie die Medien über Armut berichten, hängt wesentlich davon ab, welcher Ausschnitt der Medienberichterstattung in den Blick genommen wird.

Vor allem die Entscheidung, welche Medien zu welchem Zeitpunkt untersucht werden, prägt die Ergebnisse. Wählt man (zufällig oder absichtlich) einen Untersuchungszeitraum, in dem Gesetzesänderungen anstehen, provokante Äußerungen lanciert werden, umfassende Armutsberichte veröffentlicht werden oder tragische Ereignisse stattfinden, wird wahrscheinlich häufig und in vielen Medien über Armut berichtet, thematisch fokussiert auf das aktuelle Ereignis. In "ereignislosen Zeiten" hingegen kann das Bild ganz anders aussehen. Andere Dimensionen der Armut mit anderen Akteuren können ihren Weg in die Berichterstattung finden, allerdings mit deutlich weniger Verbreitung in verschiedenen Medien.

Ebenso prägt die Auswahl der Medienangebote das Ergebnis einer Untersuchung. Wird beispielsweise das Fernsehprogramm der ARD insgesamt über einen gewissen Zeitraum in die Analyse einbezogen, so lassen sich in Talkshows, nächtlichen Dokumentationen oder in den politischen Magazinen vermutlich andere Perspektiven auf die Armut in Deutschland finden, als wenn die Analyse auf die "Tagesschau" beschränkt wird. Untersucht man eine große Boulevardzeitung und einen lokalen Radiosender, lassen sich wahrscheinlich weniger Berichte finden, die sich mit den komplexen Strukturen von Armut auseinandersetzen, als wenn man sich in der Untersuchung auf überregionale Qualitätszeitungen konzentriert.

Die bislang erschienenen wissenschaftlichen Publikationen, die sich der medialen Darstellung von Armut in Deutschland widmen, nehmen daher eine eingeschränkte Perspektive ein, die auf einzelne Mediendiskurse begrenzt ist. Beispielsweise wird die öffentliche Diskussion über Armut in der Geschichte der Bundesrepublik anhand ausgewählter Beispiele illustriert[2] oder die bildliche Darstellung von Armut auf ausgewählten Pressefotos untersucht.[3] Zusammengenommen weisen diese Arbeiten auf viele Defizite im Umgang der Medien mit Armut und sozialer Ausgrenzung hin: Armut in Deutschland werde in den Medien vernachlässigt, weil arme Bevölkerungsgruppen keine Lobby hätten[4] und weil ein Großteil der Bevölkerung mit dem Thema nicht in Berührung kommen wolle.[5] Die zunehmende Armut in Deutschland werde vielmehr "von Publizisten wie Politikern weiterhin verharmlost und verdrängt".[6] Die Medien konzentrierten sich auf dramatische Einzelschicksale, die Aktivitäten der politischen und wirtschaftlichen Eliten und die Äußerungen einzelner prominenter Personen und Entscheidungsträger.[7] Die Probleme, Ursachen und Folgen von Armut würden dadurch aus der Berichterstattung verdrängt und in der öffentlichen Wahrnehmung verharmlost. Die Bandbreite bewege sich dabei "zwischen Tabuisierung und Dramatisierung".[8]

Diese Ergebnisse sind wichtig, weil sie die Mechanismen der Berichterstattung in eben diesen Diskursbeispielen beschreiben und damit die Kategorien aufzeigen, anhand derer sich der Umgang der Medien mit Armut analysieren lässt. Allerdings sind sie durch weitere Analysen zu ergänzen, welche die Armutsberichterstattung systematischer betrachten. Nur so kann insgesamt ein vollständigeres Bild über den Umgang der Medien mit Armut gezeichnet werden. Einen Beitrag dazu stellt die Studie dar, die diesem Artikel zugrunde liegt.[9] Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hat die Verfasserin im November 2009 über den Zeitraum von 14 Tagen die grundlegenden Mechanismen der Berichterstattung über Armut bei einer Auswahl von reichweitenstarken, überregionalen Medien empirisch analysiert.

Entsprechend des Forschungsauftrags kombinierte die Studie eine Inhaltsanalyse von 17 Nachrichtenmedien mit einer telefonischen Befragung von verantwortlichen Journalisten bei diesen Medien.[10] Untersucht wurden alle Beiträge, welche Armut als Mangel an Teilhabe- und Verwirklichungschancen zum Thema hatten und explizit über eine finanzielle und materielle Unterversorgung oder einen Mangel an Erwerbsbeteiligung, Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum sowie politischer und gesellschaftlicher Teilhabe berichteten. Um Erklärungsmuster über das Zustandekommen der Armutsberichterstattung zu gewinnen, wurden darüber hinaus Journalisten dieser Medien mittels leitfadengestützter Interviews zu den Entscheidungsstrukturen und -strategien befragt, welche die Berichterstattung über Armut in ihren Medien prägen.[11]

Auch diese Studie ist notwendigerweise auf einen begrenzten Untersuchungszeitraum, auf ausgewählte Medien und damit auf eine begrenzte Zahl von Beiträgen über Armut (75 Beiträge) beschränkt. Damit bleibt unklar, inwiefern die ermittelten Berichterstattungsmuster auch bei anderen Medien, über größere Zeiträume hinweg oder in Zeiten mit anderen Nachrichtensituationen angewandt werden. Für die untersuchten Medien können die Mechanismen der Armutsberichterstattung allerdings systematisch beschrieben werden. Und die Befunde der Studie zeigen, dass die neue, empirische Perspektive auf die Armutsberichterstattung auch zu neuen Ergebnissen führt.

Fußnoten

2.
Vgl. Richard Stang, Armut und Öffentlichkeit, in: Ernst-Ulrich Huster/Jürgen Boeckh/Hildegard Mogge-Grotjahn (Hrsg.), Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, Wiesbaden 2008, S. 577-588; Christoph Butterwegge, Vom medialen Tabu zum Topthema? Armut in Journalismus und Massenmedien, in: Journalistik Journal, 12 (2009) 2, S. 30f.
3.
Vgl. Lena Mann/Jana Tosch, Armut im Blickfeld. Darstellung und Wahrnehmung durch die Medien, in: ZTG (Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterforschung) Bulletin, (2005) 29-30, S. 161-171.
4.
Vgl. Rita Vock, Was ist wichtig? Eine Kritik der Nachrichtenauswahl, in: Journalistik Journal, 12 (2009) 2, S. 14-15.
5.
Vgl. R. Stang (Anm. 2), S. 584.
6.
Chr. Butterwegge (Anm. 2), S. 31.
7.
Vgl. ebd. S. 30.
8.
R. Stang (Anm. 2), S. 577.
9.
Vgl. Maja Malik, Zum Umgang der Medien mit Armut und sozialer Ausgrenzung. Abschlussbericht an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Münster 2010, online: www.mit-neuem-mut.de/fileadmin/user_upload/PDF/2010_
05_04_BMAS_Medienstudie.pdf (24.11.2010).
10.
Die Inhaltanalyse erfasste vom 2. bis 15.11.2009 die Berichterstattung über Armut in folgenden Medienangeboten: "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Tageszeitung" ("taz"), "Bild", "Bild am Sonntag", "Die Zeit", "Der Spiegel", "Focus", ZDF "heute", ZDF "heute journal", ARD "Tagesschau", ARD "Tagesthemen", "RTL aktuell", "Informationen am Morgen" (Deutschlandfunk), "Inforadio Berlin Brandenburg" (5-9 Uhr), "Spiegel Online", "Frankfurter Rundschau online".
11.
Für eine ausführliche Beschreibung des Methodendesigns vgl. M. Malik (Anm. 9).

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