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13.12.2010 | Von:
Maja Malik

Armut in den Medien

Vom Tabu zum Topthema?

Während Armut lange als Tabuthema der Medienberichterstattung galt, stellte Christoph Butterwegge 2009 fest, dass Armut "fast zu einem Topthema deutscher Massenmedien"[12] geworden sei. Für die untersuchten Medien im Untersuchungszeitraum stellt sich die Lage differenzierter dar. In einer Zeit, die von den befragten Journalisten als "nachrichtenarm" charakterisiert wird, in der also keine spektakulären Ereignisse und weitreichenden Entscheidungen eine medienübergreifende Berichterstattung veranlassen, wurden immerhin 75 Beiträge veröffentlicht, davon überwiegend in den untersuchten Printmedien (52 Beiträge).[13] Das weist darauf hin, dass Armut in den Redaktionen unabhängig von besonders spektakulären Berichterstattungsanlässen grundsätzlich als relevant bewertet und behandelt wird, wenn auch überwiegend auf den "hinteren" Plätzen im Medienangebot und damit mit geringerem Beachtungsgrad.

Allerdings berichten die einzelnen Medien in sehr unterschiedlichem Umfang über Armut und Armutsrisiken. Während "Süddeutsche Zeitung" und "taz" mit 17 bzw. 16 Beiträgen über Themen im Zusammenhang mit Armut berichten, veröffentlichen zehn der 17 untersuchten Medien jeweils nur ein bis drei Beiträge. Die Reichweite von Armutsthemen ist im Untersuchungszeitraum also sehr gering. Es hängt von den jeweils genutzten Medien ab, inwiefern Probleme der Armut von einzelnen Bürgern sowie von den entscheidenden Institutionen und Akteuren überhaupt wahrgenommen werden können.

Drei verschiedene Gründe für die unterschiedliche Häufigkeit der Armutsberichterstattung lassen sich in den Interviews mit den verantwortlichen Journalisten der untersuchten Medien finden:

Erstens verfügen die Medien über unterschiedlich großen Platz bzw. unterschiedlich viel Zeit für die Berichterstattung insgesamt. Sie müssen also in unterschiedlich großem Maß eine Auswahl unter möglichen Themen treffen. Entsprechend werden Ereignisse im Zusammenhang mit Armut, denen die Journalisten weniger Bedeutung beimessen, in den relativ kurzen Fernsehnachrichten seltener zum Thema als in Tageszeitungen.

Zweitens spielt in den redaktionellen Konzepten das Kriterium der Tagesaktualität eine unterschiedliche Rolle bei der Themenauswahl. Einige Medien berichten grundsätzlich nur über Ereignisse, die am Tag der Berichterstattung stattgefunden haben. Bei ihnen werden daher Themen gegebenenfalls nicht berichtet, weil sie nicht als tagesaktuell bewertet werden. Dieser redaktionelle Grundsatz hat insbesondere für Armutsthemen weitreichende Folgen: Armut ist kein akut auftretendes, sondern ein permanentes und dauerhaft relevantes Problem- und Themenfeld. Dies steht im Widerspruch zu redaktionellen Routinen, die vor allem auf aktuelle Ereignisse und akute Entwicklungen ausgerichtet sind.

Drittens wird Themen im Zusammenhang mit Armut in den untersuchten Redaktionen eine grundsätzlich unterschiedliche Relevanz beigemessen. Fünf der befragten Redaktionen widmen der Armutsberichterstattung eine besondere Aufmerksamkeit, weil ihr Publikum daran besonderes Interesse habe und eine kontinuierliche Berichterstattung über Armut im eigenen Anspruch der Redaktion liege. In den verbleibenden Medien werden Armutsthemen zwar weitgehend als relevant und für das Publikum interessant beschrieben, jedoch finden sie keine besondere Beachtung. Über Armut wird dann berichtet, wenn aktuelle Anlässe oder interessante Themenvorschläge von Autoren Anlass dazu bieten. Diese unterschiedliche Verankerung in den Redaktionen hat zur Folge, dass Armutsthemen in den verschiedenen Medien nicht dieselbe Chance auf Veröffentlichung haben.

Fußnoten

12.
Chr. Butterwegge (Anm. 2), S. 31.
13.
Da der Analyse weniger als 100 Beiträge zugrunde liegen, kann die Darstellung der Ergebnisse nicht seriös anhand exakter Prozentwerte erfolgen. Vielmehr werden die Befunde entweder mit absoluten Zahlen oder Verhältnisangaben dargestellt. Dies ist notwendig, um in der Darstellung nicht eine Exaktheit zu suggerieren, die auf der Basis von 75 Fällen nicht besteht.

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