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13.12.2010 | Von:
Maja Malik

Armut in den Medien

Schicksale und Strukturen: Themen und Rahmen der Armutsberichterstattung

Die bisherigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Armutsberichterstattung in Deutschland weisen darauf hin, dass vor allem tragische Einzelschicksale, die Äußerungen prominenter Personen sowie statistische Daten zum Medienthema werden, während strukturelle Ursachen sowie Lösungen für Probleme der Armut eher verschwiegen werden.[14] Dieser generelle Befund lässt sich mit den Ergebnissen der vorliegenden Studie nicht bestätigen.

Die Themen der Berichterstattung waren im November 2009 sehr heterogen und ließen sich nur in wenigen Fällen auf dieselben Anlässe zurückführen. Hunger, Flüchtlinge und Verschuldung wurden ebenso gelegentlich thematisiert wie Hartz-IV-Regelungen, mangelnde Gesundheitsversorgung und Obdachlosigkeit. Insgesamt greifen diejenigen Medien, die überhaupt über Armut berichten, in einem kurzen Untersuchungszeitraum viele verschiedene Facetten des weltweiten und vielschichtigen Phänomens Armut auf. Damit werden viele Aspekte von Armut grundsätzlich medial sichtbar. Allerdings werden nur sehr wenige Themen von verschiedenen Medien gleichzeitig aufgegriffen, so dass sie nur eine geringe Reichweite in der deutschen Öffentlichkeit erreichen.

Zugleich ist die Armutsberichterstattung deutlich auf Deutschland konzentriert. Die Hälfte der Beiträge bezieht sich auf Ereignisse und Entwicklungen im eigenen Land, während die andere Hälfte der Berichterstattung recht gleichmäßig verschiedene Weltregionen thematisiert. Damit wird Armut in den untersuchten Medien nicht zentral als fremdes und entferntes Problem, sondern zu einem wesentlichen Teil als Problem des eigenen Landes beschrieben.

Die Interpretationsrahmen, in denen Armut in der Berichterstattung dargestellt wird, sind außerdem eher analytisch als fallbezogen. Der Großteil der untersuchten Beiträge stellt politische und gesellschaftliche Debatten, Systemmängel mit Armutsfolgen oder die neuen Daten einer Statistik in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Überraschend wenig werden Probleme der Armut zentral mit einzelnen Schicksalen Betroffener in Verbindung gebracht. Dem entsprechen auch die häufigen analytischen Bezüge der Berichterstattung: Fast alle untersuchten Beiträge nennen konkrete Ursachen, die für den beschriebenen Mangel verantwortlich gemacht werden. In drei Vierteln der Beiträge werden außerdem konkrete Folgen des Mangels benannt. Und immerhin die Hälfte der Beiträge enthält Vorschläge zur Überwindung von Armut. Damit wird deutlich, dass Fragen nach der strukturellen Bedingtheit von Armut und Debatten über Lösungsmöglichkeiten von Armutsproblemen durchaus zum Gegenstand der medialen Berichterstattung werden.

Dies wird durch den Befund zu den Darstellungsformen, mit denen über Armut berichtet wird, unterstützt: Obwohl mehr als die Hälfte der Beiträge unterhaltende Stilformen (Features, Reportagen, Interviews) verwendet, ist ihre sprachstilistische Gestaltung überwiegend neutral-informierend. Nur ein Fünftel der Berichterstattung weist einen lockeren Sprachstil, einen geringen Abstraktionsgrad, ein große Personalisierung, emotionale Darstellungselemente oder eine empörte Diktion auf. Die Vermutung, dass Personalisierung und Emotionalisierung der Berichterstattung dazu beitragen, Sachfragen, Analysen und Problemzusammenhänge aus der öffentlichen Darstellung von Armut zu verdrängen, lässt sich für einen Großteil der untersuchten Beiträge daher nicht bestätigen.

Fußnoten

14.
Vgl. R. Stang (Anm. 2); Chr. Butterwegge (Anm. 2).

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