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8.12.2010 | Von:
Harald Müller
Niklas Schörnig

Drohnenkrieg: Die konsequente Fortsetzung der westlichen Revolution in Military Affairs

Kriege der Wahl und der "neue westliche Weg der Kriegsführung"

Bis zum Fall der Mauer galt für die NATO ein aufgezwungener, mit der Erwartung extrem vieler militärischer und ziviler Opfer verbundener Verteidigungskrieg gegen den Warschauer Pakt als wahrscheinlichstes militärisches Einsatzszenario. Nach 1990 wandelten sich die Militäreinsätze des Westens weitgehend zu "Kriegen der Wahl".[5] Solche wars of choice sind beispielsweise die Verteidigung des Völkerrechts (Golfkrieg 1991), humanitäre Interventionen (Somalia 1993, Kosovo 1999) oder auch gewaltsame Demokratisierung (Irak 2003).

Im Gegensatz zum Verteidigungskrieg sind diese Kriege innergesellschaftlich wesentlich stärker umstritten, die möglichen politischen Kosten einer Beteiligung sind hoch. Denn die Forschung hat gezeigt, dass die Bevölkerungen westlicher Staaten (speziell der USA) deutlich sensibler auf eigene Verluste reagieren, wenn es sich weder um Verteidigungskriege handelt noch ein klarer Bezug zum nationalen Interesse gegeben ist und ferner eigenen Verlusten dann eine besonders große Bedeutung zukommt, wenn das ursprünglich verkündete Missionsziel nicht im angekündigten Zeitraum erfüllt wird.[6] Westliche Öffentlichkeiten schauen also immer kritischer darauf, wofür die eigenen Soldaten ihr Leben riskieren.

In Weltordnungskriegen und humanitären Interventionen ist die Bereitschaft, eigene Opfer hinzunehmen, entsprechend gering. Für die politischen Entscheidungsträger bedeuten eigene Verluste deshalb immer die Gefahr, dass die öffentliche Meinung bezüglich einer militärischen Mission kippt und die Regierung so unter politischen Druck gerät. Hinzu kommt, dass angesichts weltweit agierender Massenmedien gerade der Westen bei der Kriegsführung militärischen Erfordernissen nicht einfach nachgeben kann, da er den eigenen moralischen Ansprüchen gerecht werden muss. Dies drückt sich in einer ansteigenden öffentlichen Sorge um zivile Opfer - oftmals verharmlosend als "Kollateralschäden" bezeichnet - aus. Allerdings deuten aktuelle Studien darauf hin, dass für die Befürworter von Militäreinsätzen immer noch eine deutliche Normenhierarchie besteht, die den Schutz der eigenen Soldaten über den von Zivilisten stellt.[7] Amerikanische Militärs sprechen inzwischen sogar davon, dass der Schutz der eigenen Soldaten ein eigenständiges und dem eigentlichen Missionsziel gleichgestelltes Ziel darstelle. Überspitzt formuliert: Nur wenn der Schutz der eigenen Truppen gewährleistet werden kann, können andere Ziele wie beispielsweise die Verhinderung eines Genozids in Angriff genommen werden.

Allerdings zeigt sich, dass die Vernachlässigung ziviler Opfer zugunsten der eigenen Soldaten nicht nur moralisch problematisch ist, sondern auch zu einer verstärkten Mobilisierung für die Aufständischen führt.[8] Es sei hier an den 2009 unter US-General Stanley Allen McChrystal durchgeführten Kurswechsel in Afghanistan erinnert, der aus diesen Gründen erstmals seit 2002 mehr Wert auf den Schutz von Zivilisten unter Inkaufnahme eigenen Risikos legte - und von vielen Alliierten bestenfalls verhalten begrüßt wurde.

Die Zielsetzung und Umsetzung militärischer Missionen haben sich nach dem Ende des Kalten Krieges also stark verändert. Entsprechend argumentiert der britische Politologe Martin Shaw, der liberale Westen sei seit dem Ende des Kalten Krieges gezwungen, einen "neuen westlichen Weg der Kriegsführung", den eines "Risikotransferkrieges", einzuschlagen, in dem möglichst viele Risiken abgewälzt oder vermieden würden. So ist es denkbar, gefährliche Kampfhandlungen von einer dritten Partei durchführen zu lassen und sich selbst auf Unterstützungsleistungen zu beschränken. Diese dritte Partei können lokale Gruppen (wie die Nordallianz in Afghanistan) oder private Sicherheitsanbieter (PSAs) sein, also private Firmen, die regulären Armeen Personal mit militärischem Hintergrund als "Leiharbeiter" zur Verfügung stellen.[9] Die vom Westen bevorzugte Alternative bringt aber die RMA ins Spiel und setzt dabei auf Technologien, um die eigenen Kämpfer vom Schlachtfeld zu distanzieren, deren Sichtbarkeit (und damit Verwundbarkeit) zu minimieren oder sie gar ganz durch Technologie zu ersetzen. Spielt eine RMA-Armee ihre technologische Überlegenheit konsequent aus, können selbst relativ stark eingeschätzte, aber nicht über die letzte Generation von Waffen verfügende Gegner wie der Irak die eigenen Armeen praktisch nicht mehr gefährden. Hatten 1991 noch 148 amerikanische Soldaten ihr Leben im überwiegend aus der Luft geführten Golfkrieg verloren, so waren es 2003 bis zur Einnahme von Bagdad nur 138, obwohl der Kriegsverlauf durch umfangreiche Bodenoperationen grundsätzlich erheblich gefährlicher geworden war. Entsprechend verspricht eine RMA-Armee einen "Krieg ohne Blutvergießen" - zumindest für die eigenen Soldaten.[10]

Allerdings zeigte die Zeit nach der Besetzung des Irak und der Eroberung Afghanistans, dass zwar der eigentliche, klassische Krieg vom Westen inzwischen mit sehr wenigen eigenen Opfern geführt werden kann, moderne Kampfflugzeuge und GPS-gestützte Präzisionsbomben aber nur bedingt für die Zeit nach einem Krieg geeignet sind, wenn sich die Gegenseite auf Guerilla-Kriegsführung und Terror verlegt. Die größte Bedrohung alliierter Truppen in Afghanistan und im Irak sind inzwischen improvisierte Bomben am Straßenrand (so genannte IEDs oder improvised explosive devices), die gegen vorbeifahrende Konvois oder Patrouillen eingesetzt werden. Inzwischen haben über 6800 westliche Soldatinnen und Soldaten in beiden Ländern ihr Leben gelassen, davon 4700 im Irak - über die Zahl der getöteten Zivilisten liegen bestenfalls Schätzungen vor, die der getöteten Aufständischen ist unbekannt.[11] Rückblickend wirkt es geradezu erschreckend naiv, dass Präsident George W. Bush am 1. Mai 2003 an Bord des Flugzeugträgers Abraham Lincoln vor dem Schriftzug mission accomplished das Ende der Kampfhandlungen im Irak verkündete. Aus dieser Sicht scheint die Hightech-Transformation nach dem Ost-West-Konflikt an den aktuellen Ansprüchen vorbeizugehen und eine Abkehr von technologischer Überlegenheit hin zu klassischen boots on the ground notwendig. Die militärischen Trends sehen aber anders aus.

Fußnoten

5.
Von allen westlichen Kriegen nach 1990 kann der Krieg gegen die Taliban in Afghanistan 2001 noch am ehesten als Verteidigungskrieg interpretiert werden.
6.
Vgl. Eric V. Larson, Casualties and Consensus. The Historical Role of Casualties in Domestic Support for U.S. Military Operations, Santa Monica 1996; Christopher F. Gelpi/Peter D. Feaver/Jason Reifler, Success Matters. Casualty Sensitivity and the War in Iraq, in: International Security, 30 (2006) 3, S. 7-46.
7.
Vgl. Anna Geis/Harald Müller/Niklas Schörnig, Liberale Demokratien und Krieg, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 17 (2010) 2, S. 171-202.
8.
Vgl. Luke N. Condra et al., The Effect of Civilian Casualties in Afghanistan and Iraq, National Bureau of Economic Research Working Paper, Nr. 16152, Cambridge 2010.
9.
Vgl. Peter W. Singer, Outsourcing War, Ithaca 2003. Studien haben zum Beispiel für die USA ergeben, dass die Öffentlichkeit Opfer privater Sicherheitsunternehmen kaum zur Kenntnis nimmt. Vgl. Stephen L. Schooner, Why Contractor Fatalities Matter, in: Parameters, 38 (2008) 3, S. 78-91.
10.
Vgl. Robert Mandel, Security, Strategy, and the Quest for Bloodless War, Boulder 2004.
11.
Vgl. Iraq Coalition Casualty Count, online: http://icasualties.org (28.9.2010).