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8.12.2010 | Von:
Gitti Hentschel

Friedens- und Sicherheitspolitik braucht Geschlechteranalysen - Essay

Die Verschiebung von Geschlechterbeziehungen in einer Gesellschaft und die Gefährdung traditioneller Geschlechteridentitäten kann im Zusammenspiel mit anderen Faktoren das Risiko für bewaffnete Konflikte steigern.

Einleitung

Deutschland hat seine Friedens- und Sicherheitsstrategie in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. In dem Maße, wie Deutschland zum internationalen Akteur wurde, ist das Bild vom Bürger in Uniform auch in der öffentlichen Präsentation dem des Kämpfers gewichen, ergänzt durch den Cyberkrieger, wie die aktuelle Kriegsführung der USA mit Drohnen zeigt. Zwar beteuern führende PolitikerInnen weiterhin das Primat ziviler Konfliktlösungen und Krisenprävention. Doch faktisch wurden diese Konzepte in den Hintergrund gedrängt. Die Außen- und Sicherheitspolitik ist militarisiert worden. Begründet wird diese Entwicklung mit veränderten Bedrohungen in der globalisierten Welt wie internationaler Terrorismus und die mögliche Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Auch knapper werdende Ressourcen, regionale Konflikte, instabile Staaten, Armut und Klimawandel gelten als globale Sicherheitsgefährdungen. Weitgehend ausgeblendet werden in politischen und wissenschaftlichen Fachkreisen dagegen zwei weitere Faktoren, die für eine nachhaltige Sicherheits- und Friedenspolitik unverzichtbar sind: die Bedeutung von Frauen für Friedenslösungen und der Stellenwert der Geschlechterverhältnisse in Gesellschaften für die Dynamiken von Krisen und bewaffneten Konflikten.

Das Engagement von Frauen gegen Krieg, gegen Frauen- und andere Menschenrechtsverletzungen und für die Aussöhnung der jeweiligen Konfliktparteien trägt wesentlich zu Krisenprävention und Konfliktlösung, zur Konsolidierung zerstörter Gesellschaften und zur Entwicklung demokratischer Verhältnisse bei. Jedoch werden sie im Mainstream von Politik und Wissenschaft kaum anerkannt. Zwar entscheiden in Parlamenten und Regierungen inzwischen auch Frauen über Sicherheitsstrategien und Militärinterventionen mit. Doch trotz allen Proklamationen der Gleichberechtigung der Geschlechter werden die Institutionen der Konfliktaustragung von Männern dominiert. Fast überall sitzen sie in den Schlüsselpositionen und geben die Strukturen, den Orientierungsrahmen und die Bewertungsmaßstäbe vor.

Das gilt für die Vereinten Nationen (VN), den VN-Sicherheitsrat, die VN-Missionen und für Friedens- und Nachkriegsverhandlungen, aber erst recht für die klassischen Institutionen der Konfliktaustragung wie Streitkräfte, (para-)militärische Verbände oder Milizen. Dort werde laut dem Soziologen Rolf Pohl noch heute eine Männlichkeit sozialisiert, zu der Gewalt, Unterordnung und die Preisgabe selbstverantwortlichen Handelns gehörten: "Pflicht, Treue, Tapferkeit, Kameradschaft, eine aggressive Kampfbereitschaft, Härte und Opferbereitschaft gehören zu den klassischen Merkmalen einer soldatischen, kriegerischen Männlichkeit und müssen in der militärischen Sozialisation gleichsam in den Körper und die Seele des Soldaten eingeschrieben werden."

Nach einer Studie des United Nations Development Fund for Women (UNIFEM) aus dem Jahr 2009 waren beispielsweise in 22 Friedensprozessen seit 1992 nur 7,5 Prozent der VerhandlerInnen, 2 Prozent der VermittlerInnen und nicht einmal 3 Prozent der Unterzeichnenden Frauen.[1] In ihrer über 60-jährigen Existenz haben die VN nie eine Generalsekretärin gehabt, und nur eine Frau (in Liberia) leitete 2008 eine Friedensmission. Auch die Zusage, alle Friedensmissionen zumindest mit Gender-BeraterInnen auszustatten, wurde bisher nicht eingehalten.

Fußnoten

1.
So Ute Scheub, Mitglied des Frauensicherheitsrats, März 2010, online: www.epo.de/index.php?option=com_content&
view=article&id=5962:lokale-friedensakteure-brauchen-mehr-unterstuetzung&catid=55&Itemid=50 (24.11.2010).