APUZ Dossier Bild

22.11.2010 | Von:
Josef Schmid

Wer soll in Zukunft arbeiten? Zum Strukturwandel der Arbeitswelt

Bestimmungsfaktoren und Triebkräfte des Wandels

Dieser tiefgreifende Wandel im Wirtschafts- und Beschäftigungssystem ist durch verschiedene Faktoren ausgelöst worden. In erster Linie ist auf den technischen Fortschritt hinzuweisen, der sowohl die Arbeitsabläufe, die Produkte, die Produktivität, die Entlohnung sowie die Bildungs- und Qualifikationsanforderungen beeinflusst hat. Besonders deutlich wird dies bei der Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK), die folgende Eigenschaften aufweist:[11]

  • Konvergenz: ITK lässt Märkte zusammenwachsen, indem der Austausch von Daten über Mobilfunk- und Festnetze erleichtert und verbilligt wird. Die unmittelbare Folge ist ein höherer Wettbewerbsdruck.
  • Ubiquität: ITK wird allgegenwärtig. Im gewerblichen Bereich sind bereits durchgehend vernetzte Systeme verbreitet, die komplette Wertschöpfungsketten abdecken; Prozess- und Produktinnovationen basieren zunehmend auf ITK, ebenso fast alle Produkte wie Werkzeugmaschinen, Autos - aber auch Konsumgüter enthalten unzählige IT-Komponenten.
  • Flexibilität: ITK fördert die Anpassungsfähigkeit von Organisationen (Produzenten, Zulieferern, Vertrieb). Diese vernetzen sich zusehends global; es entstehen relativ lose Verbindungen von modularen Funktionen, die voneinander entkoppelt und neu kombiniert werden können.
  • Datennutzbarkeit: ITK ermöglicht die effektive Nutzung von Informationen und digitalen Inhalten. Die Menge an weltweit gespeicherten Daten wächst exponentiell. Angeheizt wird die Entwicklung durch das Auftreten eines neuen Produzenten - nämlich des Nutzers selbst. Mittels Blogs, Wikis und Podcasts generiert der Konsument große Mengen von Inhalten, die er über Web-Plattformen anderen Nutzern zugänglich macht.
Das bringt neue Güter und neue Berufsfelder hervor. Die Bedeutung des "Humankapitals" steigt in vielen Fällen, aber das Wissen verfällt auch schneller und zwingt die Menschen zur ständigen Weiterbildung. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat zusätzlich zur technologischen Entwicklung, Globalisierung und Tertiarisierung weitere "Megatrends" identifiziert:[12] Zum einen ist es die Pluralisierung und Individualisierung der Lebensentwürfe, die auf den steigenden Wohlstand, die Verkürzung der Arbeitszeit und das gestiegene Bildungsniveau zurückzuführen ist. Flexiblere Beschäftigungsformen wie Zeitarbeit und Teilzeitarbeit gewinnen an Gewicht, was vor allem Frauen neue Berufschancen eröffnet. Allerdings macht es die hohe Dynamik der Arbeitsmärkte auch notwendig, für eine entsprechende Weiterbildung ("Lebenslanges Lernen") und die Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit (employability) zu sorgen. Der einzelne Arbeitnehmer muss oder will sich als "Arbeitskraftunternehmer" verhalten; der "flexible Mensch" ist lernbereit, mobil und in der Lage, sich in der Arbeitswelt durchzuschlagen.[13] Und: "Wenn immer mehr Menschen einer Erwerbsarbeit nachgehen, dann hat diese 'Professionalisierung der Gesellschaft' weitreichende Konsequenzen. Es werden nicht nur mehr Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Haushaltshilfe nachgefragt, der Service muss auch effizienter, besser und flexibler werden, damit die Menschen Berufs- und Privatleben miteinander vereinbaren können. Unflexible Arrangements wie starre Öffnungszeiten von Läden, Behörden und Betreuungseinrichtungen darf es künftig nicht mehr geben."[14]

Zum anderen spielt der demografische Wandel eine Rolle; Deutschland zählt weltweit zu den am schnellsten alternden Gesellschaften. Das heißt, die Geburtenzahlen sinken, während die Lebenserwartung steigt (durchschnittlich alle sieben Jahre um ein Jahr). Zugleich schrumpft die Bevölkerung; Prognosen gehen davon aus, dass sich die Einwohnerzahl in Deutschland von derzeit knapp 82 Millionen auf ungefähr 71 Millionen im Jahr 2050 reduzieren wird. Zudem treten die Deutschen heute später ins Berufsleben ein als vorherige Generationen - im Übrigen auch später als die meisten europäischen Nachbarn. Dies reduziert das Arbeitskräftepotenzial und hat Konsequenzen für die betriebliche Qualifikations- und Personalpolitik, aber auch für die soziale Sicherung, besonders für die Rentensysteme. Die Projektion des Arbeitsangebots bis 2050[15] berücksichtigt unterschiedliche Effekte und kommt zu einem beachtlichen Negativsaldo (vgl. Tabelle 1 in der PDF-Version).

Das Ziel ist - etwa mit Maßnahmen wie Rente mit 67, aber auch mit entsprechenden arbeitsmarktpolitischen Instrumenten -, die Menschen so gut wie möglich in den Arbeitsprozess zu integrieren. "Dabei kommt einerseits der Bildung und andererseits der Wertschätzung von - insbesondere älteren - Arbeitnehmern besondere Bedeutung zu. Das Bildungsniveau in Deutschland ist in vielen Bereichen lediglich noch internationales Mittelmaß. Seit Anfang der 1990er Jahre kam es kaum zu Verbesserungen, während viele andere Länder ihren Humankapitalbestand ausweiten konnten."[16]

Fußnoten

11.
Vgl. Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V., Zukunft digitale Wirtschaft, Berlin 2007, online: www.bitkom.org (18.10.2010).
12.
Vgl. Stefan Hardege, Arbeitswelt im Wandel. Wie Unternehmen und Gesellschaft morgen arbeiten werden, München 2008, online: www.romanherzoginstitut.de (18.10.2010).
13.
Vgl. Günter Voß/Wolfgang Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1998) 1, S. 131-158; Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die neue Kultur des Kapitalismus, Darmstadt 1998.
14.
Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Die Professionalisierung der Gesellschaft. Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus?, München 2008, S. 19, online: www.romanherzoginstitut.de (18.10.2010).
15.
Vgl. Johann Fuchs/Katrin Dörfler, Projektion des Arbeitsangebots bis 2050. Demografische Effekte sind nicht mehr zu bremsen, IAB Kurzbericht, (2005) 11, S. 3.
16.
S. Hardege (Anm. 12), S. 10.

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen