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22.11.2010 | Von:
Josef Schmid

Wer soll in Zukunft arbeiten? Zum Strukturwandel der Arbeitswelt

Positive Leitbilder und Regulationspotenziale

Der Strukturwandel der Arbeitswelt muss, wenn nicht die Negativszenarien überwiegen sollen, institutionell (d.h. über das Arbeitsrecht und den Sozialstaat) eingebettet werden. Dieses wird derzeit vor allem durch eine Flexicurity-Strategie versucht. Damit wird ein Kompromiss bzw. ein Interessenausgleich zwischen flexiblen Arbeitsmärkten einerseits und einem hohen Grad an Beschäftigungs- und Einkommenssicherheit andererseits gesucht.[26]

Der Beschäftigungsfähigkeit bzw. employability [27] kommt dabei eine wesentliche Rolle zu; sie bezeichnet die Fähigkeit, sich selbständig auf den Arbeitsmärkten bewegen und dauerhafte Beschäftigung finden zu können. Das "Managen" von Veränderungsprozessen wird so zur permanenten Aufgabe im Erwerbsleben der Individuen. Um diese Anforderungen zu bewältigen, muss die Politik fordernde und fördernde Rahmenbedingungen für Individuen und Betriebe ausbauen und hemmende Faktoren von Beschäftigungsoptionen minimieren.

Dazu gehören zum Beispiel eine Qualifizierungs- und Personalpolitik, die sich nicht auf das aktuelle Anforderungsprofil beschränkt, sondern einen "qualifikatorischen Überschuss" vorsieht, aber auch ein durchlässigeres und flexibleres Bildungssystem sowie adäquate arbeitsmarktpolitische Instrumente. Zugleich gilt es, diese mit einer beschäftigungsfreundlichen Form der hohen sozialen Sicherheit zu verbinden - möglicherweise wie im europäischen Ausland durch Mindestlöhne oder eine Art Prekaritätsprämie für Zeit- und Leiharbeit oder öffentliche Beschäftigung.

Last but not least ist es wichtig, Menschen über ihre Arbeit auch eine gewisse Sinnstiftung zu ermöglichen. "Gute Arbeit" sollte auch unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft und der Globalisierung möglich sein. Das Konzept baut zum einen auf die arbeitspolitischen Ansätze der 1970er und 1980er Jahre im Kontext der "Humanisierung der Arbeit" auf; zum anderen bezieht es sich auf das decent-work-Leitbild der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Auch die EU verfolgt Arbeitsplatzqualität als ein wichtiges Ziel im Rahmen der beschäftigungspolitischen Leitlinien. Dazu gehören Faktoren wie Arbeitsplatzqualität (z.B. Karriere- und Fortbildungsmöglichkeiten), Arbeitszufriedenheit, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, Sozialer Dialog und Arbeitnehmerbeteiligung sowie diversity und Nichtdiskriminierung bzw. Geschlechtergleichstellung.

Fußnoten

26.
Vgl. etwa K. Dörre (Anm. 21).
27.
Vgl. Susanne Blancke/Christian Roth/Josef Schmid, Employability als Herausforderung für den Arbeitsmarkt. Auf dem Weg zur flexiblen Erwerbsgesellschaft, Akademie für Technikfolgenabschätzung, Arbeitsbericht Nr. 157, Stuttgart 2000; Katrin Kraus, Beschäftigungsfähigkeit oder Maximierung von Beschäftigungsoptionen?, Friedrich-Ebert-Stiftung, Wiso-Diskurs, November 2008.

Dossier

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