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22.11.2010 | Von:
Josef Schmid

Wer soll in Zukunft arbeiten? Zum Strukturwandel der Arbeitswelt

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, die Globalisierung der Wirtschaft sowie der soziale und demografische Wandel erzeugen neue Formen und Probleme in der Arbeitswelt.

Einleitung

Zu den Konstanten der modernen Gesellschaft gehört der permanente Wandel; das Wirtschaftssystem und damit die wichtigen Bereiche Beschäftigung und Arbeit zählen zu den dynamischsten Teilgebieten. Am Beispiel der untergegangenen Berufe lässt sich dieser Veränderungsprozess plastisch nachvollziehen: Der Harzer - so lautete unlängst die Antwort auf eine Frage in einem bekannten Fernsehquiz - wurde früher gebraucht, um aus dem Wald Baumharz für die Herstellung von Teer und Terpentin zu gewinnen. Im Zeitalter der modernen Chemie werden Material und Tätigkeit nicht mehr gebraucht.[1] Nicht ganz so lange her ist es mit dem Schreibmaschinen- bzw. Büromaschinenmechaniker; doch auch diese Berufe sind durch die flächendeckende Einführung des Computers weitgehend obsolet geworden. Vielen i-Pod-Kids sind die Probleme der komplizierten Mechanik der damaligen Schreibgeräte gänzlich unbekannt.

Der diesen oberflächlichen Erscheinungen zugrunde liegende sozioökonomische Wandel wird oft als Abfolge von Wirtschafts- und Gesellschaftstypen interpretiert. Dabei verändern sich nicht nur die Formen der Produktion und die entsprechenden Tätigkeitsmuster der arbeitenden Menschen, vielmehr strahlt dieser Wechsel auch auf die sozialen und politischen Bereiche aus - von der Sozialstruktur über das Konsumverhalten bis zur sozialen Sicherung. Daher ist das Thema seit jeher immer auch ein politisches Phänomen bzw. eine Aufgabe für staatliche Regulierung, und die künftigen Formen von Arbeit und Beschäftigung können ebenfalls politisch gestaltet werden und entwickeln sich nicht sachzwanghaft.

Dienstleistungs-, Wissens- und Arbeitsgesellschaft

In seinem berühmten Buch "Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts" beschreibt Jean Fourastié die grundlegenden Verschiebungen zwischen den Wirtschaftssektoren und prognostiziert das goldene Zeitalter der Dienstleistungsgesellschaft. Versprochen wird steigender Wohlstand, mehr soziale Sicherheit, Bildung und Kultur sowie qualifiziertere und humanere Arbeit bei Vollbeschäftigung.[2] Die empirischen Daten unterstützen dieses Drei-Stadien-Modell, denn im Jahr 1950 waren noch 24,6 Prozent der Erwerbstätigen in der Bundesrepublik im primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei) und 42,9 Prozent im sekundären (produzierendes Gewerbe) beschäftigt, während es der tertiäre Sektor (Dienstleistungen und übrige Wirtschaftsbereiche) auf 32,5 Prozent brachte. Im Jahr 2009 hingegen betrugen die Werte 2,1 Prozent, 24,8 Prozent und 73 Prozent - der Anteil des Dienstleistungssektors hat sich in diesem Zeitraum also mehr als verdoppelt.[3] Deutschland ist dabei im internationalen Vergleich noch relativ stark industrialisiert, insbesondere in den süddeutschen Bundesländern. Hier schlägt sich die Stärke der Automobilindustrie und des Maschinenbaus nieder.

Dieser Wandel wird oft auch als postindustrielle oder Informationsgesellschaft beschrieben; Daniel Bell etwa hat den großen Einfluss der Wissenschaft und der Informations- und Kommunikationstechnologien hervorgehoben; weniger die Verarbeitung von Fabrikationsgütern als die von Information kennzeichnen diese Form von Wirtschaft und Beschäftigung.[4] Inzwischen ist auch häufig von der Wissensgesellschaft die Rede. Wissen wird hierbei neben Kapital, Arbeit und Boden (-schätzen) zu einer eigenständigen Produktivkraft. Daneben kommt es zur Entwicklung von globalen digitalen Netzwerken - dem bekannten world wide web (www). Dadurch entstehen neue Branchen, Berufe und Tätigkeiten, wie etwa der "Screen-Designer", der "Webdesigner", der "Multimedia-Kaufmann" oder der "Online-Redakteur".

In diesem Sinne nimmt die Europäische Union (EU) die Themen Wissensgesellschaft und die Internetökonomie als politische Programmformel auf und betont: "Das Internet verändert die Welt, in der wir leben. Von seiner Bedeutung her ist dieser Wandel mit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert vergleichbar. In den letzten beiden Jahrzehnten haben Informationstechnologien und Internet die Art verändert, wie Unternehmen arbeiten, wie Schüler und Studenten lernen, wie Wissenschaftler forschen und wie Behörden ihre Leistungen für den Bürger erbringen." Die EU will das Thema offensiv angehen und Europa noch stärker zu einer "digitalen Wirtschaft" ausbauen.[5]

Ein weiteres Konzept prägt die gesellschaftliche Diskussion von einer anderen Richtung her; nicht Technik und Wirtschaft, sondern Arbeit steht hier im Mittelpunkt: "Mit dem Begriff der Arbeitsgesellschaft werden die charakteristischen Merkmale zusammengefasst, welche die modernen Industriegesellschaften westlicher Prägung seit langer Zeit kennzeichnen: Im Mittelpunkt dieser Gesellschaften steht als konstitutives Element entfremdete Erwerbsarbeit, die von rund 90 Prozent der aktiven Bevölkerung zur Bestreitung des Lebensunterhaltes verrichtet wird."[6] Hier ist seit den 1980er Jahren ein grundlegender Wandel festgestellt worden, der kontrovers eingeschätzt wird. So wird von Autoren wie Ralf Dahrendorf, Claus Offe oder Meinhard Miegel das Ende der Arbeitsgesellschaft prognostiziert. Demnach verliere Arbeit als sozialstrukturprägende Kraft, welche die soziale Stellung, das Sozialprestige der Menschen bzw. deren Einkommens-, Teilhabe- und Lebenschancen bestimmt, zunehmend an Bedeutung. Zudem gehe wegen Rationalisierung und Verlagerung die Arbeit schlicht aus. In einer optimistischen Version führt dies in die Freizeitgesellschaft, in der die Arbeitszeit deutlich reduziert worden ist. Neben dem vermehrten Konsum von Medien- und Erlebnisprodukten (wie etwa Reisen) sollen sich in diesem Szenario Menschen verstärkt ehrenamtlich und in Bürgerarbeit engagieren.

Demgegenüber stehen Überlegungen, die eine deutliche Erhöhung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens anstreben und als realisierbar ansehen. Den Aktivierungsstrategien in der Beschäftigungspolitik, die in vielen Ländern praktiziert und von der Europäischen Kommission propagiert werden, liegt eine Radikalisierung des älteren Vollbeschäftigungsgedankens zugrunde. Denn das Ziel ist nunmehr (im fast wörtlichen Sinne) "Arbeit für alle". Galt das früher vor allem für relativ gut qualifizierte Männer (als Ernährer der Familie, was aus feministischer Sicht entsprechend kritisiert wurde), so sind nun alle Menschen, die zumindest teilweise und einfach arbeiten können, beschäftigungsfähig. Entsprechend sah die im Jahr 2000 verabschiedete Lissabon-Strategie der EU vor, bis 2010 eine Gesamtbeschäftigungsquote von 70 Prozent, eine Frauenerwerbsquote von über 60 Prozent und eine Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer von 50 Prozent zu erreichen.[7] Damit sind erhebliche Auflockerungen im Verhältnis von Arbeit und Nicht-Arbeit impliziert, Stichworte sind hier etwa Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die "Verschiebung des Alters-Limes".[8]

Freilich existieren hierzu auch skeptische Varianten. So sieht Ulrich Beck hinter diesem Wandel der Beschäftigung eine "Politische Ökonomie der Unsicherheit" am Werk, das heißt, an die Stelle von Vollzeit- und Normalarbeit würden immer mehr atypische Beschäftigungsverhältnisse treten. Das Normalarbeitsverhältnis (NAV),[9] das auf dem Engagement der Gewerkschaften, weitreichenden sozialpolitischen Regulierungen und arbeitsrechtlichen Normierungen basiert, erodiere in der Informations- und Wissensgesellschaft zusehends - nicht nur für unqualifizierte Beschäftigte, sondern auch für Hochqualifizierte. Denn die bisherigen räumlichen Strukturen der Produktion würden tendenziell aufgelöst und die Halbwertzeit der Qualifikationen der Beschäftigten nehme infolge der Beschleunigung des technologischen Wandels drastisch ab. Paradigmatisch würden nun die Arbeitsbedingungen der "Dritten Welt", was Beck auch als "Brasilianisierung" bezeichnet. Er meint damit "den Einbruch des Prekären, Diskontinuierlichen, Flockigen, Informellen in die westlichen Bastionen der Vollbeschäftigungsgesellschaft. Damit breitet sich im Zentrum des Westens der sozialstrukturelle Flickenteppich aus, will sagen: die Vielfalt, Unübersichtlichkeit und Unsicherheit von Arbeits-, Biografie- und Lebensformen des Südens".[10]

Bestimmungsfaktoren und Triebkräfte des Wandels

Dieser tiefgreifende Wandel im Wirtschafts- und Beschäftigungssystem ist durch verschiedene Faktoren ausgelöst worden. In erster Linie ist auf den technischen Fortschritt hinzuweisen, der sowohl die Arbeitsabläufe, die Produkte, die Produktivität, die Entlohnung sowie die Bildungs- und Qualifikationsanforderungen beeinflusst hat. Besonders deutlich wird dies bei der Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK), die folgende Eigenschaften aufweist:[11]

  • Konvergenz: ITK lässt Märkte zusammenwachsen, indem der Austausch von Daten über Mobilfunk- und Festnetze erleichtert und verbilligt wird. Die unmittelbare Folge ist ein höherer Wettbewerbsdruck.
  • Ubiquität: ITK wird allgegenwärtig. Im gewerblichen Bereich sind bereits durchgehend vernetzte Systeme verbreitet, die komplette Wertschöpfungsketten abdecken; Prozess- und Produktinnovationen basieren zunehmend auf ITK, ebenso fast alle Produkte wie Werkzeugmaschinen, Autos - aber auch Konsumgüter enthalten unzählige IT-Komponenten.
  • Flexibilität: ITK fördert die Anpassungsfähigkeit von Organisationen (Produzenten, Zulieferern, Vertrieb). Diese vernetzen sich zusehends global; es entstehen relativ lose Verbindungen von modularen Funktionen, die voneinander entkoppelt und neu kombiniert werden können.
  • Datennutzbarkeit: ITK ermöglicht die effektive Nutzung von Informationen und digitalen Inhalten. Die Menge an weltweit gespeicherten Daten wächst exponentiell. Angeheizt wird die Entwicklung durch das Auftreten eines neuen Produzenten - nämlich des Nutzers selbst. Mittels Blogs, Wikis und Podcasts generiert der Konsument große Mengen von Inhalten, die er über Web-Plattformen anderen Nutzern zugänglich macht.
Das bringt neue Güter und neue Berufsfelder hervor. Die Bedeutung des "Humankapitals" steigt in vielen Fällen, aber das Wissen verfällt auch schneller und zwingt die Menschen zur ständigen Weiterbildung. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat zusätzlich zur technologischen Entwicklung, Globalisierung und Tertiarisierung weitere "Megatrends" identifiziert:[12] Zum einen ist es die Pluralisierung und Individualisierung der Lebensentwürfe, die auf den steigenden Wohlstand, die Verkürzung der Arbeitszeit und das gestiegene Bildungsniveau zurückzuführen ist. Flexiblere Beschäftigungsformen wie Zeitarbeit und Teilzeitarbeit gewinnen an Gewicht, was vor allem Frauen neue Berufschancen eröffnet. Allerdings macht es die hohe Dynamik der Arbeitsmärkte auch notwendig, für eine entsprechende Weiterbildung ("Lebenslanges Lernen") und die Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit (employability) zu sorgen. Der einzelne Arbeitnehmer muss oder will sich als "Arbeitskraftunternehmer" verhalten; der "flexible Mensch" ist lernbereit, mobil und in der Lage, sich in der Arbeitswelt durchzuschlagen.[13] Und: "Wenn immer mehr Menschen einer Erwerbsarbeit nachgehen, dann hat diese 'Professionalisierung der Gesellschaft' weitreichende Konsequenzen. Es werden nicht nur mehr Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Haushaltshilfe nachgefragt, der Service muss auch effizienter, besser und flexibler werden, damit die Menschen Berufs- und Privatleben miteinander vereinbaren können. Unflexible Arrangements wie starre Öffnungszeiten von Läden, Behörden und Betreuungseinrichtungen darf es künftig nicht mehr geben."[14]

Zum anderen spielt der demografische Wandel eine Rolle; Deutschland zählt weltweit zu den am schnellsten alternden Gesellschaften. Das heißt, die Geburtenzahlen sinken, während die Lebenserwartung steigt (durchschnittlich alle sieben Jahre um ein Jahr). Zugleich schrumpft die Bevölkerung; Prognosen gehen davon aus, dass sich die Einwohnerzahl in Deutschland von derzeit knapp 82 Millionen auf ungefähr 71 Millionen im Jahr 2050 reduzieren wird. Zudem treten die Deutschen heute später ins Berufsleben ein als vorherige Generationen - im Übrigen auch später als die meisten europäischen Nachbarn. Dies reduziert das Arbeitskräftepotenzial und hat Konsequenzen für die betriebliche Qualifikations- und Personalpolitik, aber auch für die soziale Sicherung, besonders für die Rentensysteme. Die Projektion des Arbeitsangebots bis 2050[15] berücksichtigt unterschiedliche Effekte und kommt zu einem beachtlichen Negativsaldo (vgl. Tabelle 1 in der PDF-Version).

Das Ziel ist - etwa mit Maßnahmen wie Rente mit 67, aber auch mit entsprechenden arbeitsmarktpolitischen Instrumenten -, die Menschen so gut wie möglich in den Arbeitsprozess zu integrieren. "Dabei kommt einerseits der Bildung und andererseits der Wertschätzung von - insbesondere älteren - Arbeitnehmern besondere Bedeutung zu. Das Bildungsniveau in Deutschland ist in vielen Bereichen lediglich noch internationales Mittelmaß. Seit Anfang der 1990er Jahre kam es kaum zu Verbesserungen, während viele andere Länder ihren Humankapitalbestand ausweiten konnten."[16]

Problematische Qualität und neue Sozialfiguren der Arbeit

Der skizzierte Wandel von Wirtschaft und Beschäftigung erzeugt freilich auf individueller Ebene Gewinner und Verlierer; die skeptische Einschätzung von Ulrich Beck verweist auf die Problemzonen in der neuen Arbeitswelt. Die Entwicklung der atypischen Beschäftigungsverhältnisse und des Niedriglohnsektors scheinen ihn zu bestätigen: Während dieser Bereich zu Beginn der 1990er Jahre noch knapp 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung umfasste, sind es derzeit etwa 37 Prozent. Damit hat sich ein erheblicher Anteil des Job-Wachstums in den EU-Staaten während der zurückliegenden Dekade in diesem ambivalenten Bereich abgespielt.

Atypische Beschäftigungsverhältnisse beziehen sich auf Arbeitsverträge, die von den im Kern des Arbeitsmarktes üblichen Standards (d.h. dem Normalarbeitsverhältnis) deutlich abweichen. Dazu zählen:

  • zeitlich befristete Beschäftigungsverhältnisse, die nicht vom allgemeinen Kündigungsschutz erfasst sind;
  • Erwerbstätigkeit im Rahmen der Arbeitnehmerüberlassung bzw. Zeitarbeit;
  • Arbeit, die außerhalb des allgemein üblichen Sozialversicherungsschutzes ausgeübt wird, wie zum Beispiel Minijobs;
  • (Schein-)selbständige Arbeit, bei der es sich um ein Quasi-Beschäftigungsverhältnis handelt, ohne dass entsprechender arbeits- und sozialrechtlicher Schutz vorhanden ist
  • Beschäftigung mit einem geringen Monats- oder Stundenlohn.[17]

Atypische Beschäftigung variiert nach Branche und Form, aber auch nach Betroffenheit (vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version). So befanden sich 2007 rund 38 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen in atypischer Beschäftigung, von den Männern nur 14 Prozent. Stark verbreitet ist das Phänomen auch unter jungen Menschen (15 bis 24 Jahre), unter Personen mit keinem oder nur niedrigem Berufsabschluss und unter Nicht-EU-Ausländern.[18]

Niedriglohnbeschäftigung bezieht sich speziell auf die Einkommensdimension dieser Arbeitsverhältnisse, was in Deutschland sechs bis sieben Millionen Menschen betrifft. Sie erhalten weniger als zwei Drittel des Medianeinkommens; 2006 lag diese Schwelle bei einem Stundenlohn von 9,61 Euro in West- und 6,81 Euro in Ostdeutschland. Auch hier ist die Tendenz steigend: Gegenüber 1995 ist der Niedriglohnanteil in Deutschland um etwa 43 Prozent gestiegen. Unter allen abhängig Beschäftigten liegt der Anteil bei gut 22 Prozent (2006) - das heißt, mehr als jeder Fünfte ist gering bezahlt. Damit gleicht sich Deutschland im internationalen Vergleich eher den liberalen Modellen (wie etwa den USA) an bzw. weicht in dieser Hinsicht von der Gruppe der kontinentalen Staaten ab.[19]

Problematisch ist dabei die geringe Aufstiegsdynamik, was eigentlich die Erwartung bei der Formulierung der "Agenda 2010" und der Verabschiedung der Hartz-Gesetze gewesen ist. Atypische Beschäftigung sollte als eine Art Sprungbrett aus der Arbeitslosigkeit in ein Normalarbeitsverhältnis dienen. Dieses hat sich jedoch nur bedingt erfüllt, denn nur etwa jeder achte Geringverdiener von 1998/1999 erreichte sechs Jahre später einen Lohn oberhalb der Geringverdienerschwelle. Jeder Dritte blieb als Vollzeitbeschäftigter im Niedriglohnbereich hängen.[20]

Solche Entwicklungen werden von vielen Beobachtern als Prekarisierung interpretiert, als "Teil einer neuartigen Herrschaftsnorm, die auf die Errichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmenden zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zu zwingen".[21]

Das heißt ebenfalls, dass sich Prekarität mehr und mehr zu einer Lebenslage verfestigt, die sich nicht nur durch materiellen Mangel, Unsicherheit, ungünstige Arbeitsbedingungen und Anerkennungsdefizite, sondern vor allem durch schwindende Möglichkeiten einer längerfristigen Lebensplanung auszeichnet. Die Daten zeigen zudem, dass das Phänomen kein sozial randständiges ist, sondern bis in die Mitte der Gesellschaft reicht, wo sich Abstiegsängste und die Furcht vor Statusverlust verbreiten. Auch in biografischer Hinsicht reicht Prekarität weit über die Erwerbsphase in das Rentenalter hinein. Das Risiko der Altersarmut steigt, denn, wie sollen atypisch Beschäftigte mit ihren geringen Löhnen und hohen Beschäftigungsrisiken für ihre Rente vorsorgen? Zugleich existiert eine Minderheit, für die flexible Beschäftigung Freiheitsgewinn bedeutet. Solche Gruppen verfügen über finanzielle Ressourcen und Qualifikationen, die sie von der Sorge um die Existenz dauerhaft entlasten.

Solche Unsicherheitszonen und Deinstitutionalisierungsprozesse müssen ferner subjektiv interpretiert und reorganisiert werden. Durch die Zunahme von Projektarbeit, selbständigen Vertragsformen, ergebnisbezogener Koordinierung, individuellen Arbeitszeitregimes und Vergütungsformen ergibt sich für die Beschäftigten sowohl die Notwendigkeit wie auch die Chance, die Arbeit selbst zu strukturieren. Das korrespondiert mit der Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft und mündet in eine "heterogene und ambivalente Syndromatik von Arbeit".[22]

Eine Reihe von typischen Sozialfiguren können das widersprüchliche Phänomen der Arbeit in der Wissens- und Internetökonomie illustrieren:

  • Dicht am Negativszenario des Prekariats bleiben die "Sozialfiguren der Abspaltung"; es sind die "Überflüssigen", die "Abweichenden" und die "Unsichtbaren", die aus der Arbeits- und Erwerbsgesellschaft heraus gedrängt werden - sowohl sozialstrukturell als auch in der symbolischen Repräsentation.[23]

  • Bestenfalls in einer Zwischenlage befindet sich die "Generation Praktikum". Laut "Spiegel" ist "San Precario" ihr Schutzheiliger, "der unterbezahlte Arbeiten verrichtet, oft schwarz beschäftigt ist und einer unsicheren Zukunft entgegensieht". Das plastische Beispiel gibt der 25-jährige Hochschulabsolvent mit Einser-Diplom ab, der als Dauerpraktikant sein Leben fristet und den Übergang in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis nicht schafft.[24]

  • Ähnlich verhält es sich mit dem Journalisten, der in der Wissensgesellschaft kaum mehr wie früher Spezialwissen benötigt und häufig als freelancer arbeitet. Die klassischen Sozialfiguren des "Handelsredakteurs", des "politischen Redakteurs" und des "Kunstkritikers" sind selten geworden. Mit dieser Entdifferenzierung der Ressorts und der Redaktionsstrukturen in den Medien geht nicht nur der Qualitätsanspruch verloren, sondern wandelt sich zugleich das Publikum vom Staats- und Bildungsbürger zum Medienkonsumenten.
  • Ein weiteres Beispiel künftiger Arbeit und ihrer Funktion liefern die "Kreativen" bzw. die Vertreter der "digitalen Bohème". Diese creative class (Richard Florida) soll durch ihren Lebensstil und ihre Toleranz das wirtschaftliche Wachstum in den Metropolen hervorbringen. Damit sind Ingenieure, Künstler, Universitätsprofessoren sowie think tank researcher gemeint. Freilich kennt die Arbeit in der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht wenige instabile berufliche Existenzen. So ist etwa jeder zweite Webdesigner, Illustrator, Kulturprojektmanager, Hörspielproduzent oder Journalist in Berlin selbständig mit einem Jahreseinkommen unter 10.000 Euro.[25]

Positive Leitbilder und Regulationspotenziale

Der Strukturwandel der Arbeitswelt muss, wenn nicht die Negativszenarien überwiegen sollen, institutionell (d.h. über das Arbeitsrecht und den Sozialstaat) eingebettet werden. Dieses wird derzeit vor allem durch eine Flexicurity-Strategie versucht. Damit wird ein Kompromiss bzw. ein Interessenausgleich zwischen flexiblen Arbeitsmärkten einerseits und einem hohen Grad an Beschäftigungs- und Einkommenssicherheit andererseits gesucht.[26]

Der Beschäftigungsfähigkeit bzw. employability [27] kommt dabei eine wesentliche Rolle zu; sie bezeichnet die Fähigkeit, sich selbständig auf den Arbeitsmärkten bewegen und dauerhafte Beschäftigung finden zu können. Das "Managen" von Veränderungsprozessen wird so zur permanenten Aufgabe im Erwerbsleben der Individuen. Um diese Anforderungen zu bewältigen, muss die Politik fordernde und fördernde Rahmenbedingungen für Individuen und Betriebe ausbauen und hemmende Faktoren von Beschäftigungsoptionen minimieren.

Dazu gehören zum Beispiel eine Qualifizierungs- und Personalpolitik, die sich nicht auf das aktuelle Anforderungsprofil beschränkt, sondern einen "qualifikatorischen Überschuss" vorsieht, aber auch ein durchlässigeres und flexibleres Bildungssystem sowie adäquate arbeitsmarktpolitische Instrumente. Zugleich gilt es, diese mit einer beschäftigungsfreundlichen Form der hohen sozialen Sicherheit zu verbinden - möglicherweise wie im europäischen Ausland durch Mindestlöhne oder eine Art Prekaritätsprämie für Zeit- und Leiharbeit oder öffentliche Beschäftigung.

Last but not least ist es wichtig, Menschen über ihre Arbeit auch eine gewisse Sinnstiftung zu ermöglichen. "Gute Arbeit" sollte auch unter den Bedingungen der Wissensgesellschaft und der Globalisierung möglich sein. Das Konzept baut zum einen auf die arbeitspolitischen Ansätze der 1970er und 1980er Jahre im Kontext der "Humanisierung der Arbeit" auf; zum anderen bezieht es sich auf das decent-work-Leitbild der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Auch die EU verfolgt Arbeitsplatzqualität als ein wichtiges Ziel im Rahmen der beschäftigungspolitischen Leitlinien. Dazu gehören Faktoren wie Arbeitsplatzqualität (z.B. Karriere- und Fortbildungsmöglichkeiten), Arbeitszufriedenheit, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, Sozialer Dialog und Arbeitnehmerbeteiligung sowie diversity und Nichtdiskriminierung bzw. Geschlechtergleichstellung.
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Fußnoten

1.
Vgl. Rudi Palla, Das Lexikon der untergegangenen Berufe, Frankfurt/M. 1998 mit vielen weiteren interessanten und unterhaltsamen Beispielen.
2.
Vgl. Jean Fourastié, Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts, Köln 1954. Kritisch dazu Martin Baethge/Ingrid Wilkens, Die große Hoffnung für das 21. Jahrhundert?, Opladen 2001.
3.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Ergebnisse der Erwerbstätigenrechnung in der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, aktualisiert am 6.9.2010, online: www.destatis.de (18.10.2010).
4.
Vgl. Daniel Bell, Die nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt/M.-New York 1975.
5.
Europäische Kommission, Generaldirektion Presse und Kommunikation, Auf dem Weg zur europäischen Wissensgesellschaft. Die Informationsgesellschaft in der Europäischen Union, Brüssel 2002.
6.
Johann Welsch, Die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Ein Blick zurück von Morgen, in: WSI Mitteilungen, (2000) 10, S. 629-638, hier S. 629.
7.
Vgl. Josef Schmid, Aktivierung in der Arbeitsmarktpolitik. Lehren für Deutschland aus einem internationalen Trend, in: Fritz Behrens u.a., Ausblicke auf den aktivierenden Staat, Berlin 2005, S. 379-396.
8.
Dieter Otten/Nina Melsheimer, Lebensentwürfe "50plus", in: APuZ, (2009), 41, S. 31-36, S. 31.
9.
Ein NAV ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet: a) unbefristete Dauer der Anstellung; b) Vollzeitbeschäftigung und (8-Stunden-)Tagesarbeit; c) Arbeitnehmer arbeiten unselbständig und kontinuierlich für einen Arbeitgeber, sie unterliegen dabei seiner Weisungsgewalt und sind in die betrieblichen Strukturen integriert; d) Arbeitsplatz und Wohnung sind räumlich (bzw. Arbeit und Freizeit funktional) voneinander getrennt; e) durch die Sozialversicherungspflichtigkeit der Arbeit erfolgt ebenfalls die soziale Absicherung. Vgl. differenziert dazu Gerhard Bosch, Das Normalarbeitsverhältnis in der Informationsgesellschaft, in: Institut Arbeit und Technik, Jahrbuch 2002/2003, Gelsenkirchen 2003, S. 11-24.
10.
Ulrich Beck, Schöne neue Arbeitswelt. Vision Weltbürgergesellschaft, Frankfurt/M. 2007, S. 7.
11.
Vgl. Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V., Zukunft digitale Wirtschaft, Berlin 2007, online: www.bitkom.org (18.10.2010).
12.
Vgl. Stefan Hardege, Arbeitswelt im Wandel. Wie Unternehmen und Gesellschaft morgen arbeiten werden, München 2008, online: www.romanherzoginstitut.de (18.10.2010).
13.
Vgl. Günter Voß/Wolfgang Pongratz, Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1998) 1, S. 131-158; Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die neue Kultur des Kapitalismus, Darmstadt 1998.
14.
Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Die Professionalisierung der Gesellschaft. Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus?, München 2008, S. 19, online: www.romanherzoginstitut.de (18.10.2010).
15.
Vgl. Johann Fuchs/Katrin Dörfler, Projektion des Arbeitsangebots bis 2050. Demografische Effekte sind nicht mehr zu bremsen, IAB Kurzbericht, (2005) 11, S. 3.
16.
S. Hardege (Anm. 12), S. 10.
17.
Vgl. Werner Eichhorst/Paul Marx/Eric Thode, Atypische Beschäftigung und Niedriglohnarbeit, Gütersloh 2010. Siehe komplementär dazu: Perspektiven der Erwerbsarbeit: Facharbeit in Deutschland, Friedrich-Ebert-Stiftung, Wiso-Diskurs, Juni 2010.
18.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Atypische Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, Wiesbaden 2008, S. 15 und 17f.
19.
Vgl. Thorsten Kalina/Claudia Weinkopf, Weitere Zunahme der Niedriglohnbeschäftigung: Aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Institut Arbeit und Qualifikation, IAQ-Report, (2008) 1.
20.
Vgl. Thorsten Schank u.a., Niedriglohnbeschäftigung. Sackgasse oder Chance zum Aufstieg?, IAB Kurzbericht, (2008) 8.
21.
So Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, Konstanz 1998, S. 100. Vgl. auch Klaus Dörre, Prekarisierung contra Flexicurity. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse als arbeitspolitische Herausforderung, in: Martin Kronauer/Gudrun Linne (Hrsg.), Flexicurity. Die Suche nach Sicherheit in der Flexibilität, Berlin 2005, S. 53-72.
22.
Nick Kratzer u.a., Flexibilisierung und Subjektivierung von Arbeit. Sozioökonomische Berichterstattung, München 2003, online: www.soeb.de/literatur.php (18.10.2010). Vgl. auch Raphael Menez/Josef Schmid/Stefanie Springer, Arbeitspolitik und industrielle Beziehungen in der Internetökonomie, in: Welttrends, (2005) 47, S. 26-40, insb. S. 35f.
23.
Vgl. Stephan Lessenich/Frank Nullmeier, Deutschland - eine gespaltene Gesellschaft, Frankfurt 2006, S. 12ff. "Der Spiegel" (Heft 12/2010) führt den Wechselwilligen, den Projektarbeiter, die Auswanderin, den Kreativen und die Moderne als weitere Beispiele unsicherer Existenz und Erwerbsbiografie auf.
24.
Julia Bonstein/Merlind Theile, Auf Nummer unsicher, in: Der Spiegel, Nr. 31 vom 31.7.2006, S. 44-55, Zitat S. 45.
25.
Vgl. Alexandra Manske/Janet Merkel, Kreative in Berlin. Eine Untersuchung zum Thema GeisteswissenschaftlerInnen in der Kultur- und Kreativwirtschaft, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Discussion Paper, (2008) SP III 2008-401.
26.
Vgl. etwa K. Dörre (Anm. 21).
27.
Vgl. Susanne Blancke/Christian Roth/Josef Schmid, Employability als Herausforderung für den Arbeitsmarkt. Auf dem Weg zur flexiblen Erwerbsgesellschaft, Akademie für Technikfolgenabschätzung, Arbeitsbericht Nr. 157, Stuttgart 2000; Katrin Kraus, Beschäftigungsfähigkeit oder Maximierung von Beschäftigungsoptionen?, Friedrich-Ebert-Stiftung, Wiso-Diskurs, November 2008.

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Arbeitsmarktpolitik

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