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22.11.2010 | Von:
Rosine Schulz

Freiwilliges Engagement Arbeitsloser - Chancen und Herausforderungen

Freiwilliges Engagement Arbeitsloser als Chance

Vielfältiger empirischer Befunde[11] zufolge sehen sich insbesondere Langzeitarbeitslose auf der Verliererseite der Gesellschaft. Sie haben generell viel Vertrauen in die Gesellschaft verloren, ziehen sich in die Isolation zurück und zeigen sich politisch desinteressiert. Eine Tendenz zur gesellschaftlichen Exklusion Langzeitarbeitsloser macht sich bemerkbar.

Die Parallelen zwischen den Erfahrungsmerkmalen der Erwerbsarbeit und des freiwilligen Engagements eröffnen Chancen einer gesellschaftlichen Integration Arbeitsloser - auch außerhalb der Erwerbsarbeit -, die bisher vernachlässigt worden sind. Es bedarf jedoch einer gezielten "Zuwendungsstrategie", sofern Arbeitslosen ein nachhaltiger Zugang zum freiwilligen Engagement eröffnet werden soll. Viele Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und unter den damit einhergehenden psychischen Belastungen leiden, haben in der Regel noch keine Erfahrungen im Bereich des freiwilligen Engagements gemacht. Diese Personen bedürfen zur Aufnahme ihrer ersten Freiwilligentätigkeit der gezielten "Zuwendung", die konkret einen Abhol-, Begleitungs- und Nachhaltigkeitsprozess innerhalb der Organisationen des Nonprofit-Sektors voraussetzt.[12]

Ein "Abholprozess" lässt sich in der Praxis jedoch nur in Ausnahmefällen vorfinden. Organisationen, in denen Arbeitslose bewusst als Zielgruppe in die Öffentlichkeitsarbeit einbezogen werden, nehmen in der Regel an einem öffentlich geförderten Programm teil, dessen Auftrag speziell auf die Einbeziehung benachteiligter Bevölkerungsgruppen ausgerichtet ist. Hier zeigt sich noch allgemeiner Handlungsbedarf.

Zu den Rahmenbedingungen eines "Begleitungsprozesses" gehört die Verfügbarkeit von Koordinatoren für die fachliche Einarbeitung der neuen Freiwilligen und von Ansprechpartnern für den Fall, dass sich Schwierigkeiten ergeben. Von hoher Bedeutung sind auch die Etablierung einer Anerkennungskultur, die Definition von Mitbestimmungsrechten, die Organisation von Qualifizierungsmöglichkeiten, ein Versicherungsschutz sowie, je nach Bedarf, eine materielle Aufwandsentschädigung.

Mit "Nachhaltigkeitsprozess" ist die Begleitung ehemals arbeitsloser Freiwilliger auch nach der (Wieder-)Aufnahme einer Erwerbstätigkeit gemeint, mit dem Ziel, einen Engagementabbruch zu verhindern. Personen mit erhöhtem Risiko, wiederholt erwerbslos zu werden, sollten ihr Kompetenz-Engagement in einem reduzierten zeitlichen Umfang weiterführen können. Ein komplementäres Verhältnis von Erwerbsarbeit und Engagement hat nicht nur individuelle, sondern auch gesamtgesellschaftliche Vorteile. Die Etablierung der erforderlichen Prozesse bedeutet für die Organisationen des Nonprofit-Sektors allerdings einen erheblichen Ressourcenaufwand sowie Unterstützungsbedarf auf Länder- und Bundesebene.

Fußnoten

11.
Vgl. Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung über "Persönliche Lebensumstände, Einstellungen zu Reformen, Potenziale der Demokratieentfremdung und Wahlverhalten", 2008, online: www.fes.de/inhalt/Dokumente_2008/
Zusammenfassung_Studie_GPI.pdf (15.8.2008); Petra Böhnke/Dietmar Dathe, Rückzug der Armen. Der Umfang freiwilligen Engagements hängt von der materiellen Lage ab - und von Bildung, in: WZB Mitteilungen, (2010) 128; Heinz Bude/Ernst-Dieter Lantermann, Vertrauen, Kompetenzen und gesellschaftliche Exklusion in prekären Zeiten, in: Positionen. Beiträge zur Beratung in der Arbeitswelt, (2010) 1, S. 2-8; Heinrich W. Grosse, Menschen in Armut und freiwilliges Engagement. Erfahrungen in Kirchengemeinden, in: BBE-Newsletter, (2010) 4.
12.
Vgl. R. Schulz (Anm. 10), Kapitel 6.4.2 bis 6.4.4.

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