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22.11.2010 | Von:
Rosine Schulz

Freiwilliges Engagement Arbeitsloser - Chancen und Herausforderungen

Priorität des Freiwilligkeitsprinzips

Einen ganz anderen Ansatz verfolgte das vom Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) geförderte Modellprogramm "Generationsübergreifende Freiwilligendienste" (GÜF). Die Strukturen des dazugehörigen Projektes in Sachsen - organisiert durch die Paritätischen Freiwilligendienste Sachsen - wurden mit dem Ziel etabliert, insbesondere den Bedürfnissen Langzeitarbeitsloser zu entsprechen, mit dem Ergebnis, dass unter den Freiwilligen über 80 Prozent Langzeitarbeitslose engagiert waren.

Diese Art von Freiwilligendiensten ermöglichen insbesondere den Erwerb sozialer, personaler und instrumenteller Kompetenzen und sind durch die folgenden fünf Merkmale geprägt: vereinbarter Zeitumfang, gewährleistete Qualifizierungs- und Partizipationsmöglichkeiten, Verbindlichkeit für die Beteiligten sowie Passfähigkeit zwischen den Freiwilligen und deren Tätigkeit. Obwohl die Freiwilligen insgesamt gesehen durchschnittlich einen hohen Bildungsgrad aufweisen, ist es aufgrund der Merkmale des GÜF-Programms auch gelungen, Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss den Zugang zu ermöglichen. Der Anteil der geringer Qualifizierten war in der Gruppe der Arbeitslosen deutlich höher als bei den übrigen Freiwilligen. Beachtlich ist, dass 46 Prozent von ihnen über ihren Freiwilligendienst einen Weg zurück ins Erwerbsleben fanden.[19]

Aufgrund seines empirisch nachgewiesenen Erfolgs wird das Modell des GÜF im erweiterten Programm "Freiwilligendienste aller Generationen" (FDaG) bundesweit fortgeführt. Diese Engagementform wird ebenfalls durch das BMFSFJ gefördert und ist seit 2009 gesetzlich verankert. Neu ist die verstärkte Fokussierung auf die kommunale Ebene,[20] denn die Erschließung neuer Engagementfelder soll sich in enger Kooperation mit den Kommunen und den regionalen Unternehmen vollziehen. Mit der Etablierung der Bürgerarbeit ab 2011 sind Kommunen und Unternehmen jedoch auch aufgefordert, Bürgerarbeitsplätze mit gemeinnützigem Charakter zu definieren. Langzeitarbeitslose haben demzufolge nicht mehr die Freiheit, eine Freiwilligentätigkeit nach dem FDaG-Modell zu wählen, sondern werden in ihrer Kommune zur Bürgerarbeit verpflichtet. Hier stellt sich die Frage, ob solch ein Automatismus Integrationschancen nicht eher verhindert als fördert.

Dass sich Arbeitslose bisher so zahlreich für einen Freiwilligendienst entschieden haben, liegt an seinem spezifischen Strukturrahmen. Freiwilliges Engagement kann seine integrierende Wirkung in Bezug auf die Gruppe Arbeitsloser vor allem dann nachhaltig entfalten, wenn dabei auf eine Abgrenzung zu den sanktionsgebundenen Maßnahmen der Arbeitsagenturen und auf die unbedingte Einhaltung des Freiwilligkeitsprinzips geachtet wird.

Das Projekt "Dritte Chance" der Freiwilligenagentur Nordharzregion in Sachsen-Anhalt sowie die Vorgehensweise des Freiwilligenzentrums Offenbach während seiner aktiven Einbeziehung im Programm "Chance 50plus" dienen als weitere Beispiele für eine Umsetzung der beschriebenen Zuwendungsstrategie, die Einhaltung des Freiwilligkeitsprinzips sowie für die Erzielung eines hohen Anteils an Arbeitslosen unter den Freiwilligen. In beiden Praxisbeispielen können erfolgreiche Übergänge arbeitsloser Freiwilliger in den regulären Arbeitsmarkt nachgewiesen werden.[21]

Fußnoten

19.
Vgl. Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung (ZZE), Die wissenschaftliche Begleitung des Bundesmodellprogramms Generationsübergreifende Freiwilligendienste. Abschlussbericht, durchgeführt im Auftrag des BMFSFJ, Freiburg/Br. 2008, S. 34, S. 42, S. 81 und S. 107ff.
20.
Vgl. Niklas Alt/Hans-Joachim Lincke, Freiwilligendienste aller Generationen. Brücken bauen in Kommunen - erste Erfahrungen, in: BBE-Newsletter, (2010) 10; ZZE (Anm. 19), S. 87ff.
21.
"Chance 50plus" (ebenfalls BMAS-gefördert) hat das Ziel, die Beschäftigungschancen älterer Langzeitarbeitsloser über freiwillige, gemeinnützige Tätigkeiten zu steigern. Vgl. R. Schulz (Anm. 10), S. 156f., S. 160f. sowie Kapitel 6.4. Dort auch weitere Beispiele aus der Praxis.

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