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Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland?


8.11.2010
Das "neue Deutschland" wird sich in der Zukunft nicht mehr durch Herkunft, Genetik und Abstammungsstrukturen definieren können. Deutschsein wird eine Chiffre sein für die Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Land.

Einleitung



Jeder fünfte Einwohner Deutschlands, darunter jedes dritte Kind unter sechs Jahren, hat einen Migrationshintergrund. In Ballungsräumen wie Frankfurt oder Berlin trifft dies bereits auf über 60 Prozent der Kinder zu, die dieses Jahr eingeschult wurden. Wenn Pluralität für Kinder und Jugendliche zur Normalität wird,[1] ist es unzeitgemäß, über einen Migrantenschlüssel für Schulklassen nachzudenken - wie auch Forderungen nach einem Zuwanderungsstopp für "fremde Kulturkreise" in Zeiten der Globalisierung anachronistisch wirken. Vielmehr wäre es angebracht, in einer Zukunftsdebatte über einen veränderten Blick auf die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund nachzudenken und zu fragen, ob es nicht an der Zeit ist, diese im Sinne einer fraglosen Zugehörigkeit[2] als deutsche Bürger anzusehen, gar als "Neue Deutsche"? Interessanterweise wird mit dem Gedanken der Globalisierung vorrangig die Öffnung der weltweiten Märkte verbunden. Dagegen ist noch nicht verinnerlicht, dass mit einer Entgrenzung der Märkte nicht nur Güter freier beweglich sind, sondern auch Menschen. Transnationale Migration, im Rahmen derer Menschen in andere Länder ein- und auswandern, ist ein selbstverständliches Zeichen der globalisierten Gegenwart.

Wo Migration auch mit settlement verbunden wird, wandelt sich die Bevölkerungsstruktur - nicht nur demografisch und soziostrukturell, sondern auch identitär und ideell. Spätestens in der zweiten Generation der Einwanderung stellt sich ein Moment ein, in dem identitäre Verortung nicht mehr eindimensional zu einem Herkunftsland vorgenommen werden kann. Während für die meisten Migranten der ersten Generation ein Herkunftsbezug durch eine aktive Migrationserfahrung bestehen bleibt und in vielen Fällen mit einer zumindest emotionalen Rückkehroption gekoppelt wird, enthält im Falle der Nachfolgegenerationen der Herkunftsbezug und der Gedanke der "Rückkehr" bereits einen Moment von invented tradition.[3] Bei einem Drittel der Menschen mit Migrationshintergrund ist Migration sogar keine selbsterlebte Erfahrung mehr. Sie bleibt jedoch als Element der biografischen Kernnarration bestehen - entweder durch die Familienlegende oder durch außerfamiliäre Zuschreibungen, bedingt durch phänotypische Merkmale wie Aussehen, Akzent, Kleidung oder Namen.


Fußnoten

1.
Vgl. Bundesjugendkuratorium, Pluralität ist Normalität für Kinder und Jugendliche, April 2008.
2.
Vgl. Kai-Uwe Hunger, Junge Migranten online: Suche nach sozialer Anerkennung und Vergewisserung von Zugehörigkeit, Wiesbaden 2009, S. 251.
3.
Vgl. Eric Hobsbawm/Terence Ranger, The Invention of Tradition, New York 1983.

 
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