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8.11.2010 | Von:
Isabel Sievers
Hartmut M. Griese

Bildungs- und Berufsbiografien erfolgreicher Transmigranten

Trotz des konstatierten Fachkräftemangels werden die Kompetenzen von hochqualifizierten Migranten häufig nicht anerkannt. Viele dieser Bildungserfolgreichen wandern in das Land ihrer Vorfahren aus.

Einleitung

Trotz immer wieder konstatierten Fachkräftemangels werden die Kompetenzen von hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten in Deutschland häufig nicht anerkannt. Viele dieser Migranten denken über einen Umzug in das Land ihrer Vorfahren nach, in dem ihre Fertigkeiten ihnen eher eine Karriere ermöglichen. Sie wandern teilweise nicht "zurück", sondern "aus", denn die meisten sind in Deutschland geboren oder haben den Großteil ihres Lebens in Deutschland verbracht. Da sie weiterhin starke Bindungen nach Deutschland beibehalten und ihr Migrationsprozess durchaus noch nicht abgeschlossen ist, sprechen wir bei dieser Gruppe von hochqualifizierten Transmigrantinnen und Transmigranten.[1] Im Kontext von Globalisierungsprozessen sind diese bildungserfolgreichen Transmigranten mit ihren durch die doppelte oder mehrfache Migrationserfahrung erworbenen Kompetenzen ein Beispiel für mobiles Leben in verschiedenen Heimaten. Sie verkörpern eine Gruppe, die in Zukunft zunehmen und immer intensiver umworben wird.

In der aktuellen bildungspolitischen Debatte in der Bundesrepublik Deutschland spielt die Anwerbung hochqualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland eine wichtige Rolle. Sie begann mit der Greencard-Initiative unter Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2000 und leitete einen sogenannten Paradigmenwechsel in der deutschen Migrations- und Integrationspolitik ein, der im neuen Zuwanderungsgesetz von 2005 auch seinen juristischen Ausdruck fand. Im Mittelpunkt dieses Wandels, der überwiegend ökonomisch und demografisch motiviert war, stand und steht der "Kampf um die besten Köpfe" im internationalen Wettbewerb, da in Deutschland bekanntermaßen der "Generationen-Vertrag" brüchig zu werden scheint und junge und qualifizierte Einwanderer gebraucht werden, um im internationalen Standortwettbewerb nicht zurück zu fallen.

Ein Blick in die aktuellen Printmedien - exemplarisch sei auf die Süddeutsche Zeitung (SZ) verwiesen - belegt die angesprochene Situation: "Intelligente Zuwanderung" lautet die Überschrift zum Leitartikel, in dem darauf hingewiesen wird, dass "ein kräftiges Plus an 'gut ausgebildeten Gastarbeitern' der deutschen Wirtschaft 'sehr nützlich sein' (werde)" und dass "der Satz schon 42 Jahre alt ist".[2] Am selben Tag ist dort ebenfalls zu lesen: "Ingenieure verzweifelt gesucht. Regierung streitet über Zuwanderung." Es wird aber auch gefordert, dass "der Nachwuchs in Deutschland zu fördern sei" und dass die "Fachkräfte längst in Großbritannien, Frankreich und anderswo (sind)", denn "Deutschland sei für ausländische Experten oft weniger attraktiv als andere Länder". Gleichzeitig schlagen die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Christine Lüders und der Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen Guntram Schneider vor, anonymisierte Bewerbungen ohne Angabe von Namen, Alter und Herkunft zu erproben, um der Diskriminierung von Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt einen Riegel vorschieben zu können.[3] Kurzum: Die (Problem-)Situation ist erkannt, aber (noch) nicht (politisch-juristisch) gebannt.

Der erwähnte Paradigmenwechsel in der Migrations- und Integrationspolitik fand und findet sein Pendant in der deutschen Migrations- und Integrationsforschung. Er zeichnet sich dadurch aus, dass immer mehr Studien auf die Ressourcen, Potenziale und Kompetenzen der (Kinder und Enkel der) Einwanderer schauen, statt wie bisher die Probleme, Konflikte und Defizite dieser Menschen in den Mittelpunkt zu rücken.[4] Trotz der zunehmenden Zahl an Studien und Berichterstattungen scheinen aber dennoch viele Potenziale bei dieser Personengruppe brach zu liegen, wie zuletzt die Untersuchungen von Arnd-Michael Nohl et al. gezeigt haben.[5] Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) machte 2009 wiederum deutlich, dass die Arbeitsmarktsituation von Akademikerinnen und Akademikern "mit Migrationshintergrund" im Vergleich zu solchen "ohne Migrationshintergrund" in Deutschland mit einer Arbeitslosenquote von 12,5 Prozent zu 4,4 Prozent deutlich schlechter ausfällt.[6]

Seit der scheinbaren Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise in Deutschland im Sommer 2010 wird diese neue bildungs- und wirtschaftspolitische Debatte wieder öffentlich-politisch, weniger wissenschaftlich, geführt. Sie wurde durch die PISA-Studien (seit 2000) eingeleitet, da empirisch belegt und offensichtlich wurde, dass Deutschland im Vergleich zu ähnlich entwickelten Staaten in Bezug auf die Kompetenzen seiner jungen Menschen scheinbar hoffnungslos abgeschlagen ist. So wie der "Sputnik-Schock" seinerzeit (1957) die Mobilisierung der Begabungsreserven durch eine Reform des Bildungssystems zur Folge hatte, versucht die Regierungspolitik derzeit, die Begabungsreserven durch Einwanderung zu rekrutieren - statt die enormen quantitativen und qualitativen Kapazitäten und Ressourcen der Kinder und Enkel der Einwanderer in Deutschland zu fördern, zumal die Zuwanderung Hochqualifizierter in diesem Jahrhundert wesentlich geringer ausfiel als erhofft und erwartet.

Auf der anderen Seite wurde vergessen, dass immer mehr Nachkommen der einstigen "Gastarbeiter" inzwischen den steinigen Weg einer Bildungskarriere über das Abitur bis zum Studium erfolgreich bewältigt haben und auf den deutschen Arbeitsmarkt drängen. Neben den "Bildungsinländern", die in Deutschland ihre Bildungsabschlüsse gemacht haben, gibt es weiter eine große Anzahl "Bildungsausländer", vor allem aus Mittel- und Osteuropa, die nach ihrer Ausbildung zu uns kamen und kommen. Bei beiden Gruppen gibt es wiederum eine große Anzahl "Hochqualifizierter", das heißt an Fachhochschulen oder Universitäten akademisch ausgebildete Fachkräfte. Das Potenzial und die Kompetenzen der ersten Gruppe werden nach wie vor zu gering (an)gefordert und in der Schule zu wenig gefördert; die Qualifikationen der zweiten Gruppe werden immer noch - aber da ist ein Wandel im Gange - selten, vor allem bei akademischen Abschlüssen aus Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), wie bei Lehrkräften und Ärzten, anerkannt.

Aus diesen Beobachtungen ergibt sich die Frage, ob eine gesellschaftliche Nichtakzeptanz migrationsbedingter Kompetenzen gegebenenfalls zu einer Abwanderung bestimmter Personengruppen und ihrer Fähigkeiten aus Deutschland führt, wie es Probanden in einer unserer ersten Studien[7] vermehrt angedeutet haben. In diese Richtung gehen auch die Ergebnisse der Studie der Türkischen Akademiker und Studierenden in Deutschland (TASD), die deutlich macht, dass ein Teil der befragten türkeistämmigen Akademiker und Studierenden eine "Abwanderungsbereitschaft" aus Deutschland zeigt (38 Prozent).[8] Wir wollen anhand unserer aktuellen Untersuchung aufzeigen, warum in Deutschland ausgebildete hochqualifizierte Migranten das Land (eventuell vorübergehend) verlassen, ob beziehungsweise unter welchen Bedingungen an eine Rückkehr gedacht wird und welche Faktoren sonst noch Migration und Mobilität von türkisch-deutschen Transmigranten beeinflussen.

Die Studie richtet den Blick auf bildungserfolgreiche Migranten mit türkeistämmigem Migrationshintergrund, welche die gesamte Schulzeit oder aber den Großteil ihrer Schullaufbahn in Deutschland verbracht haben, hier das Abitur erreicht und ein Studium abgeschlossen haben. Trotz ihres Bildungserfolges hat sich für diese Hochqualifizierten eine Situation ergeben, die zu einer Auswanderung in das Land ihrer Vorfahren führte. Den Transmigrationsansatz[9] haben wir auf die von uns untersuchte Gruppe angewendet, da es sich hier um doppelte (mehrfache) Migrationsprozesse handelt, und die Personen nach wie vor sehr enge Bindungen und Kontakte nach Deutschland haben und wünschen. Mit Hilfe qualitativer Interviews und schriftlicher E-Mail-Befragungen wurde in der explorativen Studie zum einen untersucht, welche Faktoren den Bildungserfolg dieser Personen beeinflusst haben. Zum anderen ging es um die Motive, Deutschland zu verlassen. Warum sehen die Personen in Deutschland für sich keine (berufliche) Zukunft? Über welche besonderen Kompetenzen verfügt diese Personengruppe aufgrund ihrer mehrfachen Migrationserfahrungen, und wo können sie diese nun einsetzen? Nahezu alle Probanden stammen aus klassischen "Gastarbeiterfamilien". Der überwiegende Teil der Eltern lebt nach wie vor in Deutschland, und die Probanden sind ohne die Familie in die Türkei "zurück" gegangen.

Fußnoten

1.
Vgl. ausführlicher Isabel Sievers/Hartmut M. Griese/Rainer Schulte, Bildungserfolgreiche Transmigranten. Eine Studie über deutsch-türkische Migrationsbiographien, Frankfurt/M. 2010.
2.
SZ vom 3.8.2010.
3.
Vgl. SZ vom 24.8.2010; Kölner Stadt-Anzeiger vom 23.7.2010.
4.
Vgl. Hartmut M. Griese/Rainer Schulte/Isabel Sievers, "Wir denken deutsch und fühlen türkisch". Sozio-kulturelle Kompetenzen von Studierenden mit Migrationshintergrund Türkei, Frankfurt/M. 2007.
5.
Vgl. Arnd-Michael Nohl et al. (Hrsg.), Kulturelles Kapital in der Migration. Hochqualifizierte Einwanderer und Einwanderinnen auf dem Arbeitsmarkt, Wiesbaden 2010.
6.
Vgl. OECD (Hrsg.), Nachkommen von Migranten: schlechtere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt auch bei gleichem Bildungsniveau, Paris-Berlin 2009.
7.
Vgl. H.M. Griese/R. Schulte/I. Sievers (Anm. 4).
8.
Vgl. Kamuran Sezer/Nilgün Dalar, Die Identifikation der TASD mit Deutschland, Krefeld-Dortmund 2009, S. 17f.
9.
Vgl. Ludger Pries, Internationale Migration, Bielefeld 2009.