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28.10.2010 | Von:
Jan Schedler

"Autonome Nationalisten"

Die "Autonomen Nationalisten" sind eine ästhetisch-stilistische und strategisch-aktionistische Neuerung im deutschen Neonazismus. Durch die Adaption linker Codes und Inszenierungsformen hat er sein Auftreten modernisiert.

Einleitung

Das Bild neonazistischer Demonstrationen hat sich in den vergangenen acht Jahren gewandelt. Auf den ersten Blick erinnert wenig an das in der Vergangenheit für dieses Spektrum stilbildende Auftreten. Schwarz vermummt drängen sich Jugendliche hinter bunten Transparenten, anstelle von Frakturschrift und Runen treten zeitgemäße Gestaltungsformen mit bekannten Comicfiguren. Verwendete Slogans wie "Capitalism kills" oder "Gegen Krieg und Kapitalismus" werden in der Regel eher mit der politischen Linken assoziiert. "Autonome Nationalisten" (AN) nennen sich diese jugendlichen Neonazis, die sich nicht nur mit ihrer Selbstbezeichnung, sondern vor allem in ihren stilistischen und ästhetischen Praxen wie ihren Aktionsformen an den linken Autonomen orientieren.[1]

AN sind eine Subform der sogenannten "Freien Kameradschaften" oder auch "Freien Nationalisten". Diese entstanden Mitte der 1990er Jahre in Reaktion auf die Verbote zahlreicher extrem rechter Organisationen. Während sich ein Teil der Neonazis in der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) sammelte, wandten sich viele von den traditionellen Strukturen der bislang vor allem in Parteien und parteiähnlichen Vereinigungen organisierten Szene ab. Stattdessen organisierte man sich in kleinen, lose strukturierten Gruppen auf lokaler Ebene, den Kameradschaften. Diese unabhängigen Gruppen vernetzen sich häufig regional in Aktionsbüros oder Aktionsbündnissen. Angelehnt an die Organisationsstruktur der radikalen Linken zielen sie darauf ab, für staatliche Repression weniger angreifbar zu sein. Trotz einer regional unterschiedlich stark ausgeprägten Zusammenarbeit mit der NPD bestehen die mehr als 120 Kameradschaften auf ihrer Eigenständigkeit.

Die neuen Strukturen eröffneten der Szene Möglichkeiten, neue Personenkreise für den Neonationalsozialismus zu gewinnen - speziell Jugendliche, die von den für Parteien typischen Regularien eher abgeschreckt werden. Zeitgleich entwickelte sich eine insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern stark ausgeprägte extrem rechte Jugendkultur, welche sich ausdifferenzierte und sich heute auch der Codes anderer Jugendkulturen als jener der Skinheads bedient.

Fußnoten

1.
Vgl. Jan Schedler/Alexander Häusler (Hrsg.), "Autonome Nationalisten", Wiesbaden (i.E.).