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28.10.2010 | Von:
Roland Eckert

Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz. Eine Kritik der Neuen Rechten

Wissen, wohin man gehört!

Im Denken der Neuen Rechten wird letzten Endes die Solidarität, die wir in freundschaftlichen, familiären oder nachbarschaftlichen Gemeinschaften erleben und leisten (religiös gesprochen: die Nächstenliebe), auf Völker als "imaginierte Gemeinschaften"[36] übertragen, nicht aber auf die Menschheit insgesamt. Damit verspricht es eine "eindeutige" und von klein auf "vorgegebene" kollektive Identität und kann (wie andere Sinngebungen mit einem unversöhnlichen Gegensatz zwischen Weiß und Schwarz, Gut und Böse), die Unsicherheiten des Lebenslaufs kompensieren, diesmal durch ein "Geburtsrecht".

Von Anbeginn an ist der Mensch sicherlich ein Lebewesen, das immer wieder den Wunsch oder die Pflicht verspürt, sich selbst zu überschreiten und für ein größeres Ganzes da zu sein. Die Gemeinschaften, denen diese Solidarität zu Teil wird, werden ganz unterschiedlich definiert (davon war schon im Gleichnis des Samariters die Rede): Es kann das eigene Volk, die Religionsgemeinschaft, die Klasse, die Nation oder die Weltgemeinschaft sein. Für gedachte Gemeinschaften arbeiten wir, bringen wir Opfer, von ihnen her verstehen wir uns. Die weltgeschichtliche Entwicklung, insbesondere die Reduzierung von Raum und Zeit durch neue Technik, hat dazu geführt, dass neben Verwandtschaft, Nachbarschaft und Glaubensgemeinschaft in der Neuzeit die Nation und heute mehr und mehr die Menschheit insgesamt auf einen gefährdeten Erdball getreten ist. Der Schritt zu einem Weltbürgertum, das diesen heutigen Gegebenheiten entspricht und sie zu gestalten versucht, ist daher alternativlos. Die dazu notwendigen weltbürgerlichen Orientierungen schließen die Loyalität zu ethnischen und religiösen Gemeinschaften nicht aus, relativieren sie allerdings: Wir gehören weiterhin Verwandtschaften, Völkern, Nationen, Klassen und Glaubensgemeinschaften an. Diese sind aber nicht mehr das "letzte" Wort. Das zu revidieren, scheint das Ziel der Neuen Rechten zu sein.

Fußnoten

36.
Vgl. Benedict Anderson, Imagined communities - reflections on the origin and spread of nationalism, London et al. 2006.