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28.10.2010 | Von:
Roland Eckert

Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz. Eine Kritik der Neuen Rechten

Lehren des 20. Jahrhunderts

Das Selbstbewusstsein der Deutschen werde durch "Schuldkult", "Schuldlust" und "Schuldstolz" gebrochen, so Stimmen der Neuen Rechten.[37] Traumata wird man aber nicht los, indem man sie ignoriert oder bagatellisiert. Wollen wir die Verbrechen des 20. Jahrhunderts - vom Todesmarsch der Armenier über die deutschen Konzentrationslager, die Killing Fields von Kambodscha bis zum Genozid in Ruanda - irgendwann einmal hinter uns lassen, müssen wir sie im Gedächtnis bewahren. Das Recht und die Würde des Trauerns gilt selbstverständlich für alle Opfer - auch die deutschen. Es geht dabei nicht um "Kollektivschuld" oder "Meine Ehre heißt Reue", wie die Neurechten das Gedenken ironisieren. Es geht um die Bewahrung eines Wissens, das wir nicht nur den Opfern der Vergangenheit, sondern vor allem den möglichen Opfern der Zukunft schulden. Jede aufrechnende Relativierung von Völkermord gefährdet dieses Wissen und führt gerade nicht zu einer selbstbewussten Nation. Weil Völkermord aber in Zukunft durchaus wieder geschehen kann, sollte auch keine Singularisierung betrieben werden (auch nicht, wie häufig, als Antithese zur Relativierung).

Aktive Erinnerung zeigt uns, was wir uns sonst nicht vorstellen können: dass Menschen guten - nein, "heroischen" Gewissens zu allen Tötungshandlungen fähig sind, wenn es ihnen zur Selbstbehauptung des Kollektivs notwendig erscheint, dem sie sich im Innersten zurechnen. Dies gilt auch für Massenvernichtung in den Kriegen. Es ist also nicht das "sogenannte Böse", es ist nicht "der" Aggressionstrieb in uns, der sich hier Bahn bricht. Eichmann war kein Triebtäter. Es ist viel schlimmer: Es ist die Selbstgerechtigkeit einer Moral, die sich auf ein imaginiertes und dann verabsolutiertes Kollektiv bezieht (durch welchen Glauben dies auch immer jeweils definiert sein mag), die alle anderen moralischen Impulse und Bedenken ausschaltet und Massen massenmorden lässt. Dieses Wissen ist aber vielleicht das wichtigste Vermächtnis des 20. Jahrhunderts, seiner Weltkriege und Völkermorde. Wir haben es weiterzugeben. Die Forderung nach völkischer Homogenität, die Reduktion von Politik auf Freund und Feind und die Rehabilitation der Intoleranz würde dagegen Deutschland letztlich auf einen neuen Nibelungenzug vorbereiten - wohin auch immer.

Fußnoten

37.
Vgl. Institut für Staatspolitik (Hrsg.), "Meine Ehre heißt Reue". Der Schuldstolz der Deutschen, Albersroda 2007.