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28.10.2010 | Von:
Roland Eckert

Kulturelle Homogenität und aggressive Intoleranz. Eine Kritik der Neuen Rechten

Verurteilt zum Kampf der Kulturen?

De Benoist sieht die Ursache der Vernichtung von Differenz nicht im missionarischen Eifer und dem Machtstreben religiöser und politischer Kollektive, sondern im modernen Individualismus und dem Kult der Gleichheit, den die Französische Revolution begründet habe. Konsequent werden dabei Überlegungen zur Struktur moderner Gesellschaften ausgeblendet. Man glaubt, die gesellschaftliche Entwicklung durch "rechtes" Denken neu und anders laufen lassen zu können. Es zeigt sich der gleiche Voluntarismus, den man vor 40 Jahren manchen Anführern der Neuen Linken vorwerfen musste, die zum Sprung aus dem "Reich der Notwendigkeit" in das "Reich der Freiheit" abhoben und schließlich in den Kadern von leninistischen und maoistischen Parteien, wenn nicht gar als Terroristen auf den Boden kamen.

Tatsächlich hat die heutige Welt sich aufgrund technischer Innovationen in Bild, Ton und Schrift umfassend vernetzt und die uralte Trennung der Traditionen durch den geographischen Raum minimiert. Zusammen mit den Wanderungsbewegungen stellt dies unweigerlich Kulturkontakt und Mischung her. Samuel Huntington meinte, dass dies zum Clash of Civilisations führen müsse, weil alle Menschen das tiefe Bedürfnis hätten, sich von anderen zu unterscheiden und daher auf "Blut und Überzeugung, Glaube und Familie" zurückgreifen würden, wenn sie mit Fremden konfrontiert sind.[20] Seine These, dass die Großkonflikte der Zukunft vor allem Konflikte von Kulturen seien, bringt zentrale Positionen der Ethnopluralisten zum Ausdruck.

Nach allem, was wir wissen, ist der Kampf der Kulturen jedoch nur eine mögliche Reaktion auf die Begegnung der Menschen in einer globalisierten Welt. Viele Menschen pendeln unbekümmert zwischen zwei oder mehreren Welten, z.B. einer als "neutral" wahrgenommenen beruflichen und öffentlichen Sphäre einerseits und einer durch spezifische religiöse Rituale bestimmten Familien- und Feiertagswelt andererseits, in der sie sich auf ihre innere "Heimat" besinnen. Ob es zwischen Menschen unterschiedlicher Herkünfte zu friedlicher Koexistenz, zur Konkurrenz, zum Kampf oder zur "Gleich-Gültigkeit" im doppelten Sinn des Wortes kommt, ist daher nicht generell zu prognostizieren, sondern hängt von Geltungsansprüchen, Strategien, Aushandlungsprozessen und Machtverhältnissen ab. Konflikttreiber können aktiv werden und Ideologien propagieren, die sich wechselseitig die Schuld zuweisen und sich in ihrer Feindschaft bestätigen (wie heute Islamismus und Islamophobie).

Einwanderung ist konfliktreich, bevor Fremdheit sich in Vertrautheit und Konkurrenz in Kooperation verwandelt hat. Niemand ist gerne in seiner Lebensform in der Minderheit. Wenn es beispielsweise um die Erziehung der Kinder geht, hoffen wir alle auf kulturelle Übereinstimmung und Unterstützung durch die Nachbarn und die Eltern der Schulkameraden.[21] Alle empirischen Untersuchungen zeigen indes, dass Menschen umso weniger Ablehnung und Fremdenfurcht äußern, je mehr Zuwanderer sie persönlich kennen. Die Informationen, die man von Mensch zu Mensch erhält, sind offenbar viel positiver, als die, die wir aus den Medien erhalten, in denen es zumeist um spektakuläre Konflikte und Verbrechen geht. Keineswegs muss es, wie Vertreter der Neuen Rechten glauben, zum Bürgerkrieg zwischen Einheimischen und Zuwanderern kommen, in dem Deutschland mit "Schuldkomplex" und "universalistischem Humanitarismus" sich abschaffe.[22]

Fußnoten

20.
Vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations. Remaking of World Order, New York 1996, S. 126.
21.
Vgl. Roland Eckert, Wiederkehr des "Volksgeistes"? Ethnizität, Konflikt und politische Bewältigung, Opladen 1998.
22.
Vgl. Thorsten Hinz, Zurüstung zum Bürgerkrieg, Schnellroda 2009, S. 43 ff.