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28.10.2010 | Von:
Sara Pavan
Syed Mansoob Murshed

Radikalisierung von europäischen Muslimen - Identität und Radikalisierung

In Europa nimmt die Sorge vor dem home-grown terrorism zu. Die Radikalisierung vollzieht sich nicht in einem sozioökonomischen und politischen Vakuum. Auch internationale Konflikte dienen zur Rechtfertigung des Jihad.

Einleitung

In der vergangenen Dekade hat in den westeuropäischen Staaten die Besorgnis über das Phänomen des "hausgemachten Terrorismus" (home-grown terrorism) zugenommen. Einzelne radikale Muslime, zum Teil in Europa geboren und aufgewachsen, waren an terroristischen Gewaltakten beteiligt, wie den Bombenanschlägen auf Vorortzüge in Madrid im März 2004, der Ermordung Theo van Goghs in Amsterdam im November 2004 und den Bombenanschlägen in London im Juli 2005. Diese Ereignisse leisten der Verfestigung von Theorien einer kulturellen Konfrontation zwischen "dem Westen" und "dem Islam" Vorschub und befördern Debatten über die "Integrationsfähigkeit" muslimischer Gemeinschaften in Europa.

Obwohl es eine Vielzahl an Arbeiten darüber gibt, wie es zur Radikalisierung von Menschen kommt, wird oft angenommen, diese vollziehe sich in einem sozioökonomischen und politischen Vakuum. Vor allem kulturalistische Hypothesen machen die Radikalisierung - und den Terrorismus - als spezifisches Charakteristikum der islamischen Praxis aus.[1] Außer acht gelassen wird dabei, dass Weltreligionen wie der Islam nicht monolithisch sind. Noch gravierender ist, dass Identität nur eindimensional gesehen und die Vielfalt der Identitäten, die Individuen haben können, ignoriert wird.[2] So ist es keineswegs ungewöhnlich, dass sich jemand gleichzeitig als Muslim und Europäer versteht und Demokratie, Pluralität und Menschenrechte respektiert.

Eine alternative Erklärung für die Verbitterung vieler Muslime kann im Zusammenspiel von sozioökonomischer Benachteiligung und kultureller Kränkung liegen. Den Aspekt der sozioökonomischen Benachteiligung führte bereits Ted Gurr in seiner klassischen Arbeit über die relative Deprivation als Ursprung von Rebellion an.[3] Relative Deprivation bezeichnet in diesem Fall "diejenigen Formen wahrgenommener Benachteiligung, (...) die entweder aus dem Vergleich der Situation mit der anderer Personen oder aus dem Vergleich der Situation der eigenen Gruppe mit der einer anderen Gruppe resultiert".[4] Denn die Position, welche die Gruppe in der gesellschaftlichen Hierarchie einnimmt, ist mit entscheidend für ihr kollektives Selbstwertgefühl. Die wahrgenommene strukturelle Diskriminierung und Ungleichheit einer Gruppe im Vergleich zu einer anderen führt bei einigen Gruppenmitgliedern dazu, die Ungleichheit öffentlich anprangern und bekämpfen zu wollen.

Fußnoten

1.
Vgl. Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München-Wien 1996.
2.
Vgl. Amartya Sen, Violence, Identity and Poverty, in: Journal of Peace Research, 45 (2008) 1, S. 5-15.
3.
Vgl. Ted Robert Gurr, Why Men Rebel, Princeton 1970.
4.
Carina Wolf et al. zit. nach: Gudrun Hentges/Gerd Wiegel, Arbeitswelt, soziale Frage und Rechtspopulismus in Deutschland, in: Christoph Butterwegge/dies. (Hrsg.), Rechtspopulismus, Arbeitswelt und Armut. Befunde aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, Opladen 2008, S. 152.