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19.10.2010 | Von:
Andreas Busch

Der Euro als Vorteil und Nachteil für Deutschland

In den ersten Jahren nach seiner Einführung hat sich der Euro für Deutschland wirtschaftlich eher nachteilig ausgewirkt. Danach hat die Bundesrepublik klar von der gemeinsamen Währung profitiert.

Einleitung

Etwas mehr als zehn Jahre nach der Einführung der gemeinsamen europäischen Währung erscheint die Zeit reif für eine Bewertung dieses ambitionierten Projekts supranationaler wirtschaftspolitischer Kooperation. Zum einen liegen nun genügend Erfahrungen mit dem Euro vor, zum anderen haben die krisenhaften Entwicklungen im Frühjahr und Sommer 2010 um die Stützung des Währungspartners Griechenland bei vielen Zweifel daran geweckt, ob die Einführung der gemeinsamen Währung richtig war und ob diese überlebensfähig ist.

In der neueren wissenschaftlichen Literatur findet sich eine Vielzahl von Versuchen, eine Bewertung der Erfahrungen mit dem Euro vorzunehmen und diese insbesondere mit den vor der Einführung der Gemeinschaftswährung geäußerten Befürchtungen und Hoffnungen zu vergleichen. Es zeigt sich beispielsweise, dass das Ausmaß von - nach makroökonomischen Kennzahlen gemessener - Konvergenz zwischen den Volkswirtschaften der Euro-Zone geringer ausfällt als erwartet bzw. dass sich neben Angleichungsprozessen auch solche wachsender Unterschiedlichkeit finden lassen.[1] Die Zusammenhänge zwischen der Entwicklung politischer und ökonomischer Variablen werden von einigen Autoren als deutlich,[2] von anderen als nur schwach ausgeprägt[3] analysiert. Klar scheint jedenfalls, dass die Einführung des Euro allgemein zu einer erhöhten subjektiven Wahrnehmung von Inflation geführt hat, der jedoch die tatsächlich sehr hohe Preisstabilität in der Euro-Zone entgegensteht.[4] Zudem wird darauf verwiesen, dass durch die Europäische Währungsunion (EWU) weniger Probleme verursacht worden seien, als viele Beobachter erwartet hätten,[5] und dass letztlich der zukünftige Erfolg der gemeinsamen Währung von der Entwicklung politischer Faktoren abhänge.[6]

In diesem Artikel versuche ich keine solche Gesamtbewertung des EWU-Projekts, sondern beschränke mich vielmehr auf die Frage, ob diese aus der Perspektive der Bundesrepublik Deutschland gesehen eher als Erfolg oder als Fehlschlag zu betrachten ist - ob also die Einführung des Euro für Deutschland eher Vorteile oder eher Nachteile gebracht hat. Dabei lautet die Hauptthese, dass eine solche Bewertung über das vergangene Jahrzehnt differenzieren muss, da der Euro für die Volkswirtschaft der Bundesrepublik ungefähr in der ersten Hälfte des betrachteten Zeitraums eher Nachteile, in den darauf folgenden Jahren jedoch eher Vorteile erbracht hat.

Der Fokus der Analyse liegt vor allem auf den indirekten Auswirkungen der neuen Währung, welche die Handlungsbedingungen für die deutsche Volkswirtschaft verändert haben, in der öffentlichen Debatte aber kaum Berücksichtigung finden. Bevor im Hauptteil des Artikels die Argumentation genauer entfaltet wird, soll im nächsten Abschnitt kurz über die Beweggründe der Währungsunion in Europa reflektiert werden. Am Ende stehen der Versuch, Vor- und Nachteile abzuwägen, sowie einige Bemerkungen über die außenpolitischen Herausforderungen, die der Euro in der Zukunft für Deutschland bringen wird.

Fußnoten

1.
Vgl. David H. Bearce, EMU: the last stand for the policy convergence hypothesis?, in: Journal of European Public Policy, 16 (2009) 4, S. 582-600; Jürgen Matthes, Ten years EMU - reality test for the OCA endogeneity hypothesis, economic divergences and future challenges, in: Intereconomics, 44 (2009) 2, S. 114-128.
2.
Vgl. Marcel Fratzscher/Livio Stracca, The political economy under monetary union. Has the Euro made a difference?, in: Economic Policy, 58 (2009) 4, S. 309-348.
3.
Vgl. Dermot Hodson, EMU and political union. What, if anything have we learned from the Euro's first decade, in: Journal of European Public Policy, 16 (2009) 4, S. 508-526.
4.
Vgl. Paul De Grauwe, The Euro at ten, in: Empirica, 36 (2009) 1, S. 5-20.
5.
Vgl. Amy Verdun, Ten years EMU: an assessment of ten critical claims, in: International Journal of Economics and Business Research, 2 (2010) 1-2, S. 144-163.
6.
Vgl. P. De Grauwe (Anm. 4). Siehe dazu auch schon Michael D. Bordo/Lars Jonung, The future of EMU: What does the history of monetary unions tell us? (NBER Working paper 7365), Cambridge, MA 1999.