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Faszination Che


4.10.2010
Ernesto "Che" Guevara ist Ende der 1960er Jahre zur Ikone der revolutionären Linken aufgestiegen. Auch vierzig Jahre später scheint die von ihm ausgehende Faszination ungebrochen.

Einleitung



Che lebt!" Diese Worte prangten auf einem Plakat mit Che Guevaras Konterfei, das sich Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre bei linken Studenten in Westdeutschland großer Beliebtheit erfreute. "Che lebt!", das konnte man damals als verzweifelt trotzigen Ausruf verstehen, der Idee der Weltrevolution auch nach dem Tod eines ihrer Protagonisten treu bleiben zu wollen. "Che lebt!" - in einem strengen Wortsinne würden das heute wohl nur noch religiöse Schwärmer behaupten, die von einer christusgleichen Wiederkunft des bärtigen Revolutionärs träumen. Aber wenn schon nicht als reale Person, so scheint Ernesto "Che" Guevara doch in den Köpfen unzähliger Menschen weiterzuleben, ihre Phantasie zu beflügeln und ihre Sehnsüchte zu befriedigen. Denn seine Tagebücher ebenso wie Biographien über ihn verkaufen sich nach wie vor ausgezeichnet, immer neue Filme über sein Leben locken Hunderttausende in die Kinos, und der guerillero heroico, das berühmte Porträtfoto von Alberto Korda, findet sich inzwischen millionenfach auf T-Shirts, Tassen, Bierflaschen oder Fanschals von Fußball-Freunden und wird weltweit vertrieben. Auch wenn man den Marketingstrategen der Werbeindustrie heutzutage vieles zutrauen kann, so ist der anhaltende Che-Boom doch erklärungsbedürftig.[1]

Denn der Mann, dessen Attraktivität ungebrochen scheint, ist nicht nur seit mehr als vierzig Jahren tot, sondern auch die politischen Ziele, für die er eintrat - der bewaffnete Kampf für die Weltrevolution, die Erschaffung eines Neuen Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft, die Einführung einer rigiden Planwirtschaft - sind völlig außer Kurs geraten. Das legt die Vermutung nahe, dass diejenigen, die sich heute mit Che-Accessoires ausstatten, in aller Regel keine Guevaristas mehr sind, keine, die mit der Waffe in der Hand gegen die Unterdrückung in der Welt kämpfen wollen. Und dennoch verspricht, sich mit ihm zu schmücken, offensichtlich noch immer einen ideellen Gewinn. Nun ist es durchaus verständlich, von der Popularität eines Mannes profitieren zu wollen, der schon zu Lebzeiten eine Legende war. Aber woraus speist sich die anhaltende Faszination, die von Che Guevara ausgeht, und worin besteht der Gewinn?


Fußnoten

1.
Vgl. zum Folgenden: Stephan Lahrem, Che Guevara: Leben - Werk - Wirkung, Frankfurt/M. 2010.

 

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