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22.9.2010 | Von:
Tobias ten Brink

Chinas neuer Kapitalismus: Wachstum ohne Ende?

Neue Spielart des Kapitalismus

Mitte der 1970er Jahre - am Ende der sogenannten "Kulturrevolution" - befand sich die chinesische Gesellschaft in einer tiefen Krise. Mit dem Beginn des Reformprozesses 1978 begann die chinesische Machtelite unter Führung des Reformflügels um Deng Xiaoping, das Land in einem Trial-and-Error-Verfahren zu restrukturieren. In mehreren Reformphasen durchlebte es tief greifende Veränderungen. Resultat ist eine bislang einmalige Transformation eines kommandowirtschaftlichen Systems in ein stärker über den Markt gesteuertes Entwicklungsmodell.

Wesentliche Merkmale des Wachstumserfolgs Chinas müssten eigentlich jeden Verteidiger des freien Marktes verstummen lassen: Die Wirtschaft ist durch eine hohe staatliche Interventionsdichte gekennzeichnet, im Unterschied zu den Transformationsländern des Ostblocks wurde auf vorschnelle Liberalisierungen verzichtet und noch dazu regiert die Kommunistische Partei Chinas (KPCh). Das Erbe einer bürokratischen Kommandowirtschaft, der herrschenden Partei und die Rolle eines industriellen Spätentwicklers haben - unter den besonderen Bedingungen der ostasiatischen Wachstumsregion und einer Phase fortgeschrittener Transnationalisierung der Weltwirtschaft - eine neuartige Spielart des Kapitalismus hervorgebracht. Diese Variante kann als marktliberaler Staatskapitalismus bezeichnet werden: Ein marktliberaler, unternehmerischer Geist ist mit einem umfassenden Staatsinterventionismus verbunden, der sich an makroökonomischen Erfolgsparametern orientiert.[1]

Ein Bezug auf die offizielle Losung der KPCh, die das Land zur "sozialistischen Marktwirtschaft" erklärt hat, greift hier zu kurz. Die Staatsintervention sowie das Staatseigentum stellen keine Negation kapitalistischer Eigentumsverhältnisse dar, sondern fungieren als eine Form der partikularen Verfügung über ökonomische und politische Macht. Typische Merkmale kapitalistischer Wirtschaften wie der Zwang zur Akkumulation des Kapitals, eine rücksichtslose Wachstumsorientierung (und damit das Fehlen qualitativer, sozial-ökologischer Kriterien des Wachstums) sowie ausgeprägte soziale Gegensätze haben die chinesische Ökonomie zu einem Mekka des globalen Kapitalismus gemacht, ohne dass diese jedoch ein und dieselben Charakteristika wie liberale Kapitalismen westlicher Prägung aufweist. Im Folgenden werden drei Dimensionen des neuen chinesischen Kapitalismus beschrieben.

Fußnoten

1.
Vgl. ausführlicher Tobias ten Brink, Strukturmerkmale des chinesischen Kapitalismus, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Discussion Paper, (2010) 1, online: www.mpifg.de/pu/mpifg_dp/dp10-1.pdf (13.5.2010); Barry Naughton, The Chinese Economy: Transitions and Growth, Cambridge 2007; Christopher A. McNally (ed.), China's Emergent Political Economy: Capitalism in the Dragons's Lair, London 2007.