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22.9.2010 | Von:
Tobias ten Brink

Chinas neuer Kapitalismus: Wachstum ohne Ende?

Glück und Gefährdung: Chinas Einbindung in die Weltwirtschaft

Der Erfolg Chinas hängt zu einem großen Teil mit Faktoren zusammen, die nicht von der chinesischen Machtelite beeinflusst wurden, sondern die vielmehr auf günstigen weltwirtschaftlichen und ostasiatischen Konstellationen beruhten: Im Gegensatz zu anderen "staatssozialistischen" Gesellschaften konnte die Nation von der in den 1970er Jahren einsetzenden Globalisierungsphase profitieren.

Der Versuch, die Wirtschaft auf den Export auszurichten, war auf ausländische Direktinvestitionen (ADI) und technisches Wissen angewiesen. Die Nähe zur ostasiatischen Wachstumsregion diente diesem Interesse. Der ostasiatische Raum und die innerasiatischen Handels- und Produktionsketten bildeten ein entscheidendes externes Moment in der weltwirtschaftlichen Einbindung Chinas. Die von vorübergehend oder dauerhaft im Ausland lebenden Überseechinesen gebildeten Geschäftsnetzwerke in Ostasien spielten dabei ab den 1980er Jahren eine besonders wichtige Rolle in der Industrialisierung Chinas. Sie ebneten den erst in den 1990er Jahren steigenden ausländischen Investitionen aus anderen Quellen den Weg.

Von diesem Zeitpunkt an gründete die bedeutende Zunahme der ADI auf einer speziellen Situation, die nicht allein mit den niedrigen Arbeitskosten in China erklärt werden kann: eine in den 1990er Jahren mitunter als "Anlagenotstand" deklarierte Überakkumulation von Kapital in den klassischen Produktionszentren. Zu viel Kapital stand gewissermaßen wenigen lohnenden Investitionen gegenüber, weshalb die Investitionsquote in Europa, Nordamerika und Japan entsprechend gering war.

Seit Mitte der 1990er Jahre konnten die USA und China ihr Wachstum auf zwei unterschiedlichen, jedoch voneinander abhängigen Wegen erzielen. Während in den USA große Anteile des BIP-Wachstums auf den schuldenfinanzierten Konsum und weniger auf Investitionen zurückzuführen waren, verlief der chinesische Aufschwung spiegelverkehrt: Er beruhte auf einer beispiellos hohen Investitionsquote und einer vergleichsweise geringen internen Konsumquote. Die relative Bedeutung der Investitionen nahm noch zu, von etwa 30 Prozent des BIP zu Beginn der 1990er Jahre auf annähernd 40 Prozent nach 2000. Große Mengen an liquiden Mitteln im "Norden" (das heißt in den traditionellen Industriestaaten) stellten die Versorgung mit Geldanlagen sicher und heizten den Investitionsboom weiter an. Zudem fungierten die alten Zentren des globalen Kapitalismus als Endabnehmer von Exportgütern.[2]

Die Unternehmen der entwickelten Volkswirtschaften (auch in Ostasien) schufen sich vor diesem Hintergrund neue Wettbewerber in dem Maße, wie sie selbst versuchten, von der chinesischen Dynamik zu profitieren. Das Ergebnis ist eine Restrukturierung der Wettbewerbsverhältnisse auf den internationalen Märkten, da die chinesische Staatsführung nicht nur ADI begünstigte, sondern auch selbst beziehungsweise vermittelt durch chinesische Konzerne zum Global Player aufstieg.

Bis heute erzielt die chinesische Volkswirtschaft weltweit die höchsten BIP-Wachstumsraten, wenngleich auch auf Kosten anderer Exportwirtschaften. Allerdings bringt die extrem hohe Abhängigkeit vom Weltmarkt erhebliche Gefährdungen mit sich. Die globale Krise 2008/2009 und das Ende des Konsumbooms in den OECD-Ländern[3] zogen Kriseneffekte in den auf diese Verbrauchermärkte orientierten chinesischen Branchen nach sich. Die Ausfuhren verringerten sich im Jahr 2009 um ein Viertel. Bei der vorwiegend für den Weltmarkt produzierenden Elektronik- und Textilindustrie, aber auch in anderen Sektoren, ging die Zahl der Entlassungen in die Millionen. Dazu kam, dass durch die Kreditkrise die finanziellen Ressourcen für ausländische Investitionen geringer wurden.

Hinzu tritt ein weiterer Aspekt der tiefen Einbettung in globale Produktions- und Konsumtionsketten. Viele Industriestätten des chinesischen Festlandes fungieren als Produktionsplattformen für Endprodukte. Als Bestandteil globaler, meist von amerikanischen, europäischen oder ostasiatischen Markenfirmen dominierter Produktionsverbünde, die zum Beispiel das Apple iPhone in China zusammenbauen lassen, ist die Volkswirtschaft daher den Rhythmen des globalen Kapitalismus direkt ausgesetzt. Viele der chinesischen Exporte sind gegenwärtig nur in dem Sinne "chinesisch", dass sie in China zusammengefügt wurden. Dies bedeutet: Den Großteil der Profite erzielen die multinationalen Konzerne, nicht die lokalen Produzenten oder Zulieferer. Zusätzlich machen Erstere den einheimischen Herstellern auf dem chinesischen Binnenmarkt das Leben schwer - ein Sachverhalt, der in der Krise an Bedeutung gewonnen hat, wie bereits der chinesische Markenführer unter den Computerherstellern, Lenovo, feststellen musste.

Fußnoten

2.
Vgl. Hung Ho-fung, Rise of China and the global overaccumulation crisis, in: Review of International Political Economy, 15 (2008) 2, S. 149-179.
3.
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; engl. Organisation for Economic Co-operation and Development.