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22.9.2010 | Von:
Anja-Désirée Senz

Zwischen kultureller Anpassung und Autonomie: Nationale Minderheiten in China

China ist ein multiethnischer Staat mit offiziell 56 ethnischen Gruppen. Seine Nationalitätenpolitik setzt auf kulturelle Anpassung. Doch haben sich im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik für die Minderheiten neue Freiräume ergeben.

Einleitung

Das heutige China zeichnet sich durch eine große Heterogenität aus, die nicht nur aus regionalen und ökonomischen Unterschieden resultiert, sondern auch ethnisch bedingt ist. Denn in China lebt eine Vielzahl von Gesellschaften, deren kulturelle Prägung sich von den "Han-Chinesen" unterscheidet. Der Name "Han" geht zurück auf die Han-Dynastie zwischen 206 v.u.Z. und 220 n.u.Z. und wurde zur Selbstbezeichnung für die heutige chinesische Mehrheitsbevölkerung. Jedoch sind auch die Han-Chinesen keineswegs eine homogene Gruppe, sondern das Ergebnis der Vermischung verschiedener Völker im Laufe der Geschichte. Insofern gibt es innerhalb dieser Gruppe erhebliche, zumeist regional gedeutete Unterschiede bei Sprache, Sitten und Gebräuchen. Trotz dieser unterschiedlichen Lebensweisen ist ihre gemeinsame Identität jedoch sehr ausgeprägt, und ein wichtiges verbindendes Element ist der Stolz auf die Heimat China und die chinesische Kultur.

Nach offizieller chinesischer Lesart gibt es neben den Han-Chinesen weitere 55 Nationalitäten - ethnische Gruppen, die als anerkannte "nationale Minderheiten" Chinas gelten und deren Größe zwischen einigen Tausend und mehreren Millionen Personen variiert. Chinesische Lieder besingen die Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten der multiethnischen Gesellschaft Chinas gern als das Zusammenleben einer großen Familie bestehend aus "56 Brüdern und Schwestern". Die Han-Chinesen sind mit etwa 1,2 Milliarden Menschen die zahlenmäßig größte Gruppe und stellen, um im Bild zu bleiben, den "großen Bruder" für die übrigen 55 nationalen Minderheiten dar, die als eine Gruppe "kleiner Geschwister" zusammen etwa 106 Millionen Menschen umfassen. Das sind nur etwa 8,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber die von ihnen bewohnten Regionen umfassen zwei Drittel der Gesamtfläche Chinas, insbesondere die rohstoffreichen, aber wenig erschlossenen Grenzgebiete.