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22.9.2010 | Von:
Anja-Désirée Senz

Zwischen kultureller Anpassung und Autonomie: Nationale Minderheiten in China

China ist ein multiethnischer Staat mit offiziell 56 ethnischen Gruppen. Seine Nationalitätenpolitik setzt auf kulturelle Anpassung. Doch haben sich im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik für die Minderheiten neue Freiräume ergeben.

Einleitung

Das heutige China zeichnet sich durch eine große Heterogenität aus, die nicht nur aus regionalen und ökonomischen Unterschieden resultiert, sondern auch ethnisch bedingt ist. Denn in China lebt eine Vielzahl von Gesellschaften, deren kulturelle Prägung sich von den "Han-Chinesen" unterscheidet. Der Name "Han" geht zurück auf die Han-Dynastie zwischen 206 v.u.Z. und 220 n.u.Z. und wurde zur Selbstbezeichnung für die heutige chinesische Mehrheitsbevölkerung. Jedoch sind auch die Han-Chinesen keineswegs eine homogene Gruppe, sondern das Ergebnis der Vermischung verschiedener Völker im Laufe der Geschichte. Insofern gibt es innerhalb dieser Gruppe erhebliche, zumeist regional gedeutete Unterschiede bei Sprache, Sitten und Gebräuchen. Trotz dieser unterschiedlichen Lebensweisen ist ihre gemeinsame Identität jedoch sehr ausgeprägt, und ein wichtiges verbindendes Element ist der Stolz auf die Heimat China und die chinesische Kultur.

Nach offizieller chinesischer Lesart gibt es neben den Han-Chinesen weitere 55 Nationalitäten - ethnische Gruppen, die als anerkannte "nationale Minderheiten" Chinas gelten und deren Größe zwischen einigen Tausend und mehreren Millionen Personen variiert. Chinesische Lieder besingen die Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten der multiethnischen Gesellschaft Chinas gern als das Zusammenleben einer großen Familie bestehend aus "56 Brüdern und Schwestern". Die Han-Chinesen sind mit etwa 1,2 Milliarden Menschen die zahlenmäßig größte Gruppe und stellen, um im Bild zu bleiben, den "großen Bruder" für die übrigen 55 nationalen Minderheiten dar, die als eine Gruppe "kleiner Geschwister" zusammen etwa 106 Millionen Menschen umfassen. Das sind nur etwa 8,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber die von ihnen bewohnten Regionen umfassen zwei Drittel der Gesamtfläche Chinas, insbesondere die rohstoffreichen, aber wenig erschlossenen Grenzgebiete.

Traditionelles chinesisches Weltbild

Im traditionellen Weltbild galt China als das "Reich der Mitte". Dieses Zentrum der zivilisierten Welt, in dessen Mittelpunkt der chinesische Kaiser lebte, war umgeben von "Barbaren", deren kulturelles Niveau mit wachsender Entfernung vom Mittelpunkt abnahm. Die Ackerbau treibenden Han-Chinesen fühlten sich diesen "Barbaren", vielfach waren es Nomaden- und Jägervölker, überlegen. Der Konfuzianismus, für viele Jahrhunderte die staatstragende Ideologie Chinas, war die Basis dieses Überlegenheitsgefühls.

Im konfuzianischen Denken ging man davon aus, dass die Ausstrahlung der chinesischen Kultur und ihrer Errungenschaften so stark sei, dass sich die nicht-chinesischen Völker an diese anpassen würden, wenn man sie ihnen nur vermittelte. So konnten aus "Barbaren" "Chinesen" werden, wenn diese sich in das chinesische System einfügten und ihre kulturellen Eigenarten aufgaben.[1] Ein interessantes Beispiel für die kulturelle Anpassung sind die in den nördlichen Regionen Chinas lebenden Mandschuren. Zu ihnen werden heute etwa 10 Millionen Menschen gerechnet. Im 17. Jahrhundert eroberten sie China und installierten die letzte Dynastie, die Qing. Während dieser Herrschaftszeit, die erst 1911 ein Ende fand, passten sie sich jedoch in hohem Maße chinesischen Lebensgewohnheiten an. Inzwischen ist sogar ihre Sprache nahezu in Vergessenheit geraten.

Die Unterschiede zwischen verschiedenen Völkern wurden in China vornehmlich kulturell und über unterschiedliche Stadien der kulturellen Entwicklung interpretiert, wobei sich die Han-Chinesen als die fortschrittlichsten und zivilisiertesten Menschen betrachteten. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Westen wich das Denken in kulturellen Einflusszonen ab Ende des 19. Jahrhunderts allmählich der Notwendigkeit, feste territoriale Grenzen zu definieren und einen Nationalstaat zu schaffen. Nach den politischen Wirren zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand für die neue kommunistische Führung Chinas ab 1949 eine wesentliche Herausforderung darin, das chinesische Territorium und seine Grenzen zu sichern und die nationale Einheit zu erreichen. Die chinesische Politik gegenüber den auf chinesischem Gebiet lebenden ethnischen Minderheiten reflektiert diesen Aspekt insofern, als im offiziellen Sprachgebrauch nicht von verschiedenen Ethnien (zuqun), sondern von 56 in China lebenden Nationalitäten (minzu) beziehungsweise 55 nationalen Minderheiten (shaoshu minzu) gesprochen wird.

Nach der Gründung der Volksrepublik China bemühte sich der chinesische Staat um die Identifizierung nationaler Minderheiten. Nach offizieller chinesischer Definition gilt eine Gruppe dann als nationale Minderheit, wenn sie sich durch gemeinsame historische Wurzeln, eine stabile Gemeinschaft von Mitgliedern mit einem erkennbaren Siedlungsgebiet, eine gemeinsame Sprache sowie ökonomische und kulturelle Gepflogenheiten von anderen Menschen unterscheidet. Doch erweist sich die Anwendung dieser Definition als schwierig. Manche Gruppen (wie die Hui) haben keine eigene Sprache. Zudem leben die etwa zehn Millionen Menschen, die den Hui zugerechnet werden, in sechs chinesischen Provinzen - sie gelten als diejenige ethnische Gruppe, die am weitesten verstreut in China lebt. Ihr Siedlungsgebiet ist also kaum abzugrenzen. Der zentrale Unterschied zwischen den Han-Chinesen und den Hui ist ihre Religion, denn die Hui sind islamisch geprägt. Ihre Herkunft geht auf Kaufleute aus dem arabischen und persischen Raum zurück, die im 7. Jahrhundert nach China kamen.[2]

Frühe chinesische Nationalitätenpolitik

Der erste Verfassungsentwurf von 1949 verfolgte mit Bezug auf ethnische Minderheiten den Gedanken der "Einheit und Gleichheit". Dessen Artikel 50 formulierte, dass alle Nationalitäten innerhalb der chinesischen Grenzen gleich und Diskriminierung, Unterdrückung sowie Separatismus verboten seien. Der Theorie nach sollten offiziell anerkannte Minderheiten den Han-Chinesen rechtlich gleichgestellt und in der Ausübung ihrer Religion, Sprache und Kultur nicht eingeschränkt werden. Zugleich wurde im Sinne der nationalen Einheit die unbedingte Integration in den chinesischen Staat gefordert.

Wichtiger Teil der chinesischen Nationalitätenpolitik war die offizielle Anerkennung ethnischer Gruppen als nationale Minderheiten. Bis zum Jahr 1979 erkannte der chinesische Staat insgesamt 55 Minderheiten an. Alle späteren Forderungen ethnischer Gruppen auf Anerkennung als eigenständige nationale Minderheit wurden von der politischen Führung Chinas abgelehnt. Doch erweist sich die offizielle Anerkennung nicht nur deshalb als problematisch. Es wurden z.B. auch verschiedene ethnische Gruppen, die mehrheitlich in den Provinzen Sichuan und Yunnan leben, unter der gemeinsamen Bezeichnung Yi zusammengefasst, obwohl sie große kulturelle Unterschiede aufwiesen. Die Mosuo wiederum wurden aus vielfältigen, hauptsächlich politischen Gründen nicht als eigenständige Gruppe anerkannt, sondern zählen bis heute zur Minderheit der Naxi. Diese in der Provinz Yunnan lebende Gruppe umfasst insgesamt 300.000 Menschen. Im Gegensatz zu den Naxi ist die Sozialstruktur der Mosuo jedoch matrilinear geprägt, die verwandtschaftlichen Verhältnisse, das Erbrecht und die Abstammungslinie sind also an der Familie der Mutter und nicht an der des Vaters orientiert.

Anerkannte Minderheiten mit größeren zusammenhängenden Siedlungsgebieten erhielten eine regionale Gebietsautonomie. Daher gibt es neben den chinesischen Provinzen heute fünf sogenannte Autonome Gebiete. Darüber hinaus bestehen weitere autonome Verwaltungseinheiten auf den nachgeordneten staatlichen Ebenen, den Kreisen und Gemeinden. So wurde beispielsweise im südwestlichen China 1958 das Autonome Gebiet Guangxi der Zhuang geschaffen. Von den 55 nationalen Minderheiten sind die Zhuang mit etwa 16,2 Millionen Menschen heute die größte Gruppe. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich neben drei Provinzen im Südwesten Chinas auch auf Vietnam und Laos, wo sie unter den Namen Tay, Giay oder Nung bekannt sind. Ein gemeinsames ethnisches Bewusstsein der Zhuang war zunächst jedoch gering ausgeprägt. In den frühen 1950er Jahren bezeichnete sich die Mehrheit der Menschen, die heute zu den Zhuang zählen, selbst nicht als Zhuang, sondern identifizierte sich mit verschiedenen kleinen, lokalen sozialen Gruppen, die verstreut in Chinas Südwesten lebten und teils im Streit miteinander lagen, andere definierten sich als Han-Chinesen. Keine Regierung vor 1949 hatte sie als Zhuang beziehungsweise als eine gemeinsame ethnische Gruppe betrachtet. Vor diesem Hintergrund scheint es, dass frühe Sonderregelungen für Minderheitenangehörige wie Selbstverwaltungsrechte oder Quoten in politischen Gremien Strategien des chinesischen Staates waren, die isoliert lebenden sozialen Gemeinschaften Südwestchinas unter einer gemeinsamen Bezeichnung in den chinesischen Staat zu integrieren.[3]

Beispiele zeigen, dass viele ethnische Gruppen nicht prinzipiell die staatliche Berechtigung zur ethnischen Zuordnung in Zweifel zogen, sondern ihre Kritik gegen eine falsche Kategorisierung richteten und sich damit letztlich in die staatliche Ordnung einfügten. Insofern resultiert ethnisches Bewusstsein in China heute aus einem Dreiklang von ethnischem Selbstverständnis, der Abgrenzung zu anderen Gruppen sowie der staatlichen Zuschreibung. Bereits in den 1950er Jahren fielen die positiven Ansätze der chinesischen Nationalitätenpolitik - das heißt diejenigen politischen Programme, welche die ethnischen Minderheiten betrafen - den teils mit großer Radikalität in ganz China umgesetzten politischen Experimenten der kommunistischen Führung zum Opfer. So galt z.B. "lokaler Nationalismus", also die Förderung der lokalen ethnischen Gruppenzusammengehörigkeit, als schweres Delikt. Mit dem Klassenkampf als Leitlinie wurden ethnische Konflikte als Konflikte zwischen Klassen gedeutet. Nach dem Verständnis der damals in China dominanten stalinistischen Lehre, welche Gesellschaften nach unterschiedlichen Entwicklungsniveaus abstuft, galten ethnische Minderheiten außerdem als historisch rückständig, wurden nicht selten als unterentwickelt verachtet und sollten mit Hilfe der kommunistischen Ideologie modernisiert werden. Besonders schlimm traf es die Minderheiten in der Kulturrevolution von 1966 bis 1976, als ihre Sitten und Gebräuche, die Schriften und religiösen Ausdrucksformen verboten wurden.[4] Moscheen und Tempel wurden geschlossen und religiöse Würdenträger ebenso wie Gläubige verfolgt. Religiöse Feste, bei denen zur Ahnenverehrung Tiere geopfert wurden, wurden als "Verschwendung" gebrandmarkt, Schamanen wurden als "Betrüger" bezeichnet, Liederfeste verboten, weil sie "die Produktion behinderten" oder weil "anstößige Texte" gesungen wurden. Vielfach kam es zur Zerstörung und Schändung von Kulturgütern und religiösen Stätten, Aufstände wurden brutal niedergeschlagen.[5] Diese Ereignisse stellen eine schwere Hypothek für die Beziehungen zwischen den Han-Chinesen und den ethnischen Minderheiten dar.

Wandel der Nationalitätenpolitik in den 1980er Jahren

Im Zuge der Reform- und Öffnungspolitik ab 1978 und dem wachsenden politischen Interesse, die wirtschaftliche Entwicklung auch in den Minderheitengebieten zu forcieren, änderte sich die Nationalitätenpolitik. Sie verfolgte fortan den Gedanken der "Autonomie und Gleichheit". Dieser fand einen ersten Ausdruck in der Verfassung von 1982 und dem "Autonomiegesetz" von 1984, welches den Minderheiten formell die weitreichendsten Freiheiten seit 1949 gewährte. Neben verwaltungstechnischen Rechten wie bei Entscheidungen zur Gestaltung der lokalen Wirtschaftsentwicklung oder im Bildungswesen zählten dazu auch Sonderregelungen für Minderheitenangehörige beim Hochschulzugang, der Geburtenplanung, der Verwendung eigener Sprachen und Schriften und einer Quotenregelung in den Parlamenten (Volkskongressen) auf den verschiedenen politischen Ebenen. Eine wirkliche Autonomie besteht jedoch bis heute nicht.

Aufgrund der politischen Struktur der Volksrepublik ist die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) allen Verwaltungsorganen übergeordnet. Das Autonomiegesetz bezieht sich auf den staatlichen Verwaltungsapparat und vermag daher die Rechte der ethnischen Minderheiten nicht ausreichend zu schützen. Außerdem können formal gewährte Rechte nicht eingeklagt werden, weil China kein Rechtsstaat ist. Bei wichtigen Punkten wie der Ansiedlung von Industrieanlagen, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen oder Zuwanderungsregeln für Han-Chinesen haben die Minderheiten kein formales Mitspracherecht. So kommt es, das in vielen sogenannten Autonomen Gebieten ethnischer Minderheiten Han-Chinesen die Bevölkerungsmehrheit bilden, was zu großer Unzufriedenheit bei vielen Minderheitenangehörigen führt. Die Migration erfolgte in den vergangenen Jahrzehnten durch staatliche Umsiedlungen von Han-Chinesen aus den bevölkerungsreichen Zentren Ostchinas, durch die Stationierung von Armee-Einheiten, die Verschickung von städtischen Mittelschulabgängern in Minderheitengebiete sowie durch inoffizielle Einwanderung.[6]

Seit den 1990er Jahren haben sich aufgrund des Rückzugs des Staates und des durch die Reformpolitik bedingten raschen sozialen Wandels neue Freiräume für die ethnischen Minderheiten und lokale Kulturen ergeben. Im religiösen und kulturellen Bereich werden viele Traditionen wieder gepflegt. Dies gilt nicht nur für den Islam und den Buddhismus, sondern auch für animistische Vorstellungen. So können traditionelle Heiler und Schamanen ihren Tätigkeiten wieder nachgehen und erfreuen sich auch im urbanen Raum wachsender Popularität. Auch steigt die Repräsentation der Minderheiten in den staatlichen Gremien und eine Ergänzung des Autonomiegesetzes von 2001 betont insbesondere den Aspekt der Verbesserung von Rekrutierungschancen ethnischer Minderheiten in die staatliche Verwaltung. Doch auch weiterhin entspricht der Anteil der Minderheiten besonders in der Lokalverwaltung zumeist nicht ihrem jeweiligen lokalen Bevölkerungsanteil.

Armut und Konflikte

Das Verhältnis zwischen der Han-Mehrheit und den nationalen Minderheiten ist zweifelsfrei konfliktbehaftet. Es lassen sich drei zentrale Konfliktfelder unterscheiden:

Politisch:
Zum einen sind Konflikte politischer Natur, weil den Minderheiten Selbstbestimmungsrechte beziehungsweise eine gleichberechtigte politische Teilhabe fehlen. Sehr wesentlich resultiert dieser Mangel aus der Grundstruktur des chinesischen politischen Systems und wird im Rahmen des gegenwärtigen Gefüges kaum zu überwinden sein.

Ökonomisch:
Zum zweiten basieren Konflikte auf ökonomischen und damit eng verbunden auch auf ökologischen Problemen. Landumwidmung, industrielle Erschließung, Rohstoffexploration und Umweltzerstörung bilden den Kerninhalt dieser Art von Konflikten. Die Siedlungsgebiete ethnischer Minderheiten werden in starkem Maße ökonomisch ausgebeutet, oftmals allerdings, ohne dass die ethnischen Minderheiten an den Erträgen partizipieren würden. Insgesamt zählt ein großer Teil der heutigen Minderheitengebiete zu den ärmsten Regionen Chinas: 80 Prozent der Menschen in Minderheitengebieten lebten zu Beginn des neuen Jahrtausends unterhalb der Armutsgrenze. Seit Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 flossen Subventionen in diese Gebiete, doch wurden sie häufig im Interesse der Han-Gebiete eingesetzt. Und obwohl ein Wirtschaftswachstum in den Siedlungsgebieten ethnischer Minderheiten zu verzeichnen ist, haben sich die Entwicklungsunterschiede zu den Han-Gebieten, die sich deutlich rascher entwickeln, in den vergangenen Jahren vergrößert.

Benachteiligt sind Minderheitenangehörige auch auf dem Arbeitsmarkt, was zu deutlich höheren Arbeitslosenraten im Verhältnis zur han-chinesischen Mehrheit führt. Zwar fließen Finanzmittel für den Infrastrukturaufbau und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung im Rahmen des sogenannten Go-West-Programms explizit nach Westchina, wo ein Großteil der ethnischen Minderheiten lebt. Dies hat jedoch unter anderem die Zuwanderungen von Han-Chinesen begünstigt und damit massiven Einfluss auf die lokalen Strukturen genommen.

In ganz China hat die rasante Wirtschaftsentwicklung schwere ökologische Folgen. Von dieser Umweltzerstörung sind auch die Siedlungsgebiete ethnischer Minderheiten stark betroffen. Die Umweltverschmutzung durch Industriebetriebe führt zu hohen Krankheitszahlen. In einigen Bezirken der Miao in Südwestchina beispielsweise ist die Lebenserwartung im Vergleich zum Landesmaßstab deutlich niedriger. Nach offiziellen Angaben ist der Grund in der Wasserverschmutzung durch Industrieabfälle zu sehen. Der Nordwesten Chinas wiederum, in dem früher hauptsächlich Viehzucht betrieben wurde, ist ökologisch schwer geschädigt, weil Weidegebiete in großem Umfang in Ackerland umgewandelt wurden. Die für den Ackerbau notwendige Bewässerung führte zur Austrocknung von Flüssen und Binnenseen, der Überweidung der Graslandschaften folgten Versalzung und Vegetationsrückgang sowie eine Ausbreitung der Wüsten. Die Verschlechterung der Bodenqualität sowie der Verlust von Anbauflchen und der Rückgang der Erträge entzieht vielen Angehörigen ethnischer Minderheiten die Existenzgrundlage, so dass gerade die jüngeren auf der Suche nach alternativen Einkommensquellen in die Städte abwandern. In den Städten kam es jedoch in den vergangenen Jahren immer wieder zu Gewalttätigkeiten zwischen der Han-Bevölkerung und ethnischen Zuwanderern, die oftmals für den Anstieg von städtischer Kriminalität oder den Drogenhandel verantwortlich gemacht werden.

Soziokulturell:
Insgesamt ist der chinesische Modernisierungsweg und der gesellschaftliche Wandel in China für die ethnischen Gruppen mit einem unterschwelligen Gefühl der Bedrohung verbunden, weil mit ihm die Zuwanderung von Han-Chinesen, die Abwanderung von Angehörigen der eigenen Ethnie, die industrielle Erschließung der Minderheitengebiete, Umweltprobleme sowie die Aufweichung der jeweiligen Kultur einhergehen. So sind es zum Dritten soziokulturell begründete Spannungen, die aus dem mangelnden Respekt für die ethnischen Gruppen und die Bewahrung ihrer Kultur resultieren.

Die ethnischen Minderheiten reagieren unterschiedlich auf diese Konfliktformationen. Generell scheint der Gebrauch der eigenen Sprachen und Schriften unter den meisten Minderheitenangehörigen ebenso abzunehmen wie das Tragen von Trachten. Ausschlaggebend hierfür dürfte zum einen der gesellschaftliche Modernisierungsprozess sein, mit dem eine Angleichung in Alltagsleben und Konsumgewohnheiten einhergeht. Da im Bildungssystem außerdem Schriften und Sprachen der Minderheiten als zweitrangig betrachtet werden, werden Minderheitensprachen oftmals nur in der Grundschule oder der ersten Stufe der Mittelschulen gelehrt, danach ist Chinesisch die einzige Sprache. Wer eine Universität besuchen oder beruflich aufsteigen möchte, benötigt in erster Linie gute Chinesisch-Kenntnisse. Viele Eltern bevorzugen daher aufgrund angenommener besserer Zukunftschancen eine "chinesische" Ausbildung.[7] Insgesamt tendieren viele der kleineren ethnischen Gruppen demnach zu Resignation und Anpassung an die Mehrheitskultur. Bei einigen Gruppen wächst aber auch das Bewusstsein ethnischer Identität durch eine Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen. Bei einem weiteren Teil schlägt dieses Bewusstsein in Widerstand um, wobei vielfältige Formen des aktiven und passiven, des gewaltfreien und gewalttätigen Widerstandes unterschieden werden können.

Xinjiang und Tibet

Besonders konfliktgeladen ist die Situation der ethnischen Minderheiten im westchinesischen Xinjiang. Dort kommt es seit Beginn der 1990er Jahre immer wieder zu schweren Auseinandersetzungen mit den han-chinesischen Machthabern und dies konfrontiert die chinesische Zentralregierung mit größeren innenpolitischen Problemen als der Fall Tibet. Doch anders als die Tibeter haben die ethnischen Gruppen Xinjiangs weder innerhalb noch außerhalb Chinas einen dem Dalai Lama vergleichbar bekannten Vertreter. Ihre Anliegen werden daher international weniger vernommen.

Das westchinesische Xinjiang, dort wo China an die Mongolei, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und die Region Kashmir grenzt, umfasst ein Sechstel der Gesamtfläche Chinas. Als Grenzregion zur früheren Sowjetunion war es stets von besonderem sicherheitspolitischem und strategischem Interesse. Heute ist die Region wegen ihres Reichtums an Bodenschätzen wie Erdöl, Gas und Kohle von hoher Bedeutung. In diesem westlichsten Teil Chinas leben zehn nationale Minderheiten. Von den insgesamt 17 Millionen Einwohnern Xinjiangs sind die Uiguren mit acht Millionen die größte ethnische Gruppe. Daher heißt das Gebiet offiziell Autonomes Gebiet Xinjiang der Uiguren. Die Uiguren sind ein islamisch geprägtes Turkvolk mit langer Tradition und Geschichte und Lebensgewohnheiten, die im klaren Kontrast zu denjenigen der Han-Chinesen stehen. Als Anfang der 1990er Jahre die sowjetischen Republiken Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan unabhängig wurden, keimte auch bei den chinesischen Uiguren die Hoffnung auf eine gemeinsame uigurische Republik. Forderungen nach einem eigenen Staat aber wurden von den chinesischen Behörden gewaltsam unterdrückt und als Terrorismus bezeichnet. Repression, Versammlungsverbote, die Überfremdung durch die chinesische Zuwanderung und die vielfältigen Formen der ethnisch bedingten Benachteiligung haben die Konflikte geschürt, die Polarisierung zwischen Chinesen und Uiguren gefördert und führen anhaltend zu Gewalttätigkeiten.[8]

Ähnlich problematisch ist die Situation in Tibet. Wie bei den Uiguren ist auch bei den Tibetern das ethnische Wir-Gefühl und das Bewusstsein, nicht "chinesisch" zu sein, stark ausgeprägt.[9] Der gesamte tibetische Kulturraum ist etwa doppelt so groß wie die heutige chinesische Verwaltungseinheit, die nach der Gründung der Volksrepublik China geschaffen wurde. In diesem Autonomen Gebiet Tibet sowie in den angrenzenden chinesischen Provinzen Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan leben Tibeter. Allerdings sind sie ethnisch und sprachlich keine einheitliche Gruppe. Zu der von China anerkannten nationalen Minderheit der Tibeter werden etwa 4,5 Millionen Menschen gerechnet. Im Autonomen Gebiet Tibet leben neben den Tibetern weitere offiziell von China anerkannte nationale Minderheiten wie die Salar und die Tu.

Aus chinesischer Perspektive ist Tibet seit vielen hundert Jahren ein Teil Chinas. Nach dem Verständnis der politischen Führung in Peking wurden die Menschen in Tibet durch den chinesischen Einmarsch 1950 von den mittelalterlichen Verhältnissen der Leibeigenschaft befreit. Aus Sicht der Tibeter hingegen war dies eine Invasion. Mit Verweis auf längere Perioden der faktischen Unabhängigkeit Tibets von China betrachten sie die Herrschaft der Chinesen über Tibet als illegitim. Aufgrund der wechselvollen Geschichte ist der völkerrechtliche Status Tibets bis heute umstritten.

Für China ist Tibet von großer ökonomischer und strategischer Bedeutung. War das tibetische Hochland früher vor allem eine Pufferzone gegenüber den geostrategischen Interessen Russlands und Großbritanniens, ist es heute wirtschaftlich wichtig. Die Erschließung und Ausbeutung der Rohstoffe, die Zerstörung von Klöstern und eine Politik der ethnischen Verdrängung durch Besiedlung aus Zentralchina haben das Gesicht Tibets in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Lhasa, die Hauptstadt der Region und ehemalige Residenz des Dalai Lama, gleicht in vieler Hinsicht inzwischen einer chinesischen Stadt.

Seit 2006 verbindet eine Eisenbahn Tibet mit dem restlichen China. Sie ist das sichtbare Symbol für Chinas Willen, Tibet zu erschließen. Neben wirtschaftlichem Fortschritt will man auch den Tourismus nach Tibet bringen und so hatte sich nach chinesischen Angaben die Zahl der Touristen bereits im ersten Halbjahr nach Eröffnung der Zugstrecke nahezu verdoppelt. Die überwiegende Mehrheit der rund eine Million Besucher kam aus China, nur 73.000 ausländische Gäste waren darunter. Der Widerstand der Tibeter gegen diese "Entwicklungspolitik" äußert sich in Unruhen sowie Fluchtbewegungen besonders nach Indien und Nepal. Zugleich ist aber auch eine Angleichung der tibetischen Jugend an ein weltliches Leben und seine Konsumkultur zu beobachten. Diese entfremdet sie möglicherweise stärker von ihren religiös-kulturellen Wurzeln, als jeder administrative Druck aus Peking es vermag.

Tourismus als Wirtschaftsfaktor

Die Mehrheit der ethnischen Minderheiten lebt in den dünnbesiedelten chinesischen Randgebieten im Norden, Westen und Süden. Im chinesischen Kernland und an der prosperierenden Ostküste siedeln vornehmlich Han-Chinesen. Die han-chinesische Mehrheit lernt die nationalen Minderheiten daher kaum durch persönliche Kontakte beziehungsweise im Zusammenleben kennen. Sie beziehen ihre Kenntnisse über die Lebensgewohnheiten und die Kultur der Minderheiten vielmehr aus der Schule, aus Büchern, Zeitungen oder aus Film und Fernsehen.

Betrachtet man diese mediale Wiedergabe genauer, zeigt sich, dass in Reportagen über einzelne Regionen und die dort lebenden ethnischen Gruppen oftmals spezifische Bilder erzeugt werden. So wird beispielsweise ein scharfer Kontrast zwischen modernen und traditionellen Lebensformen gezeichnet. Die farbenreichen Trachten, natürlichen Landschaften und einfachen landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden der ethnischen Gruppen kontrastieren mit der großstädtischen Moderne und neuen Technologien. Damit wird beim Betrachter das Bild der Rückständigkeit ethnischer Minderheiten erzeugt und wach gehalten, die mit chinesischer Hilfe überwunden werden kann. Nationale Minderheiten werden auch gerne in exotischer Weise in bunten Gewändern singend und tanzend dargestellt, wobei Musik, Gesang und Tanz häufig an den han-chinesischen Geschmack angepasst werden. Diese Bilder verfügen über einen ästhetischen Wert für die Han-Chinesen. Aber durch die Reproduktion von Stereotypen über "die Anderen" dienen sie kaum dem Erwerb tatsächlicher Kenntnisse über die jeweilige Kultur.[10]

Ein Effekt der erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts sind Einkommenssteigerungen, die es den Chinesen erlauben, zu verreisen. Traf man vor 15 Jahren noch vornehmlich Touristen aus Europa, Amerika und den asiatischen Nachbarländern an allen wichtigen Sehenswürdigkeiten Chinas, hat sich das Bild inzwischen gewandelt. Zwar kommen nach wie vor viele ausländische Touristen, aber die Zahl der Chinesen, die das eigene Land erkunden, ist in den vergangenen fünf Jahren um 600 Millionen gestiegen. Die Reiselust erstreckt sich neben den aus historischen Gründen berühmten Orten auch auf die Gebiete der ethnischen Minderheiten, vor allem die nord- und südwestlichen Landesteile. Aufgrund der vielen dort lebenden ethnischen Minderheiten gelten diese Regionen als exotisch.

Für diese Gebiete ist der Tourismus eine wichtige, oft die einzige Einnahmequelle. So entstanden in den vergangenen Jahren auch sogenannte "Minderheitenparks". Dort soll die Lebensweise einzelner Minderheiten, ihre Trachten, Zeremonien und Musik für Touristen vorgeführt werden. Oftmals werden dabei auch Teile der materiellen Kultur - Kleidung, Gefäße, Musik - feilgeboten, die an den Geschmack der Touristen angepasst wurden, um sie besser vermarkten zu können. Diese Form der Kommerzialisierung wird nicht von allen positiv beurteilt. Während die Einen die Einkommensverbesserungen begrüßen, sehen Andere darin einen Ausverkauf beziehungsweise eine Aushöhlung der lokalen Kultur. Die Einen lehnen diese Form der musealen Präsentation als unauthentisch ab, die Anderen sehen darin eine Chance, kulturelle Gebräuche vor dem Vergessen zu bewahren. Und wo die Einen die Parks als "touristische Ausweichorte" begrüßen, welche touristische Überfremdung und die damit verbundenen Probleme für die Dörfer (wie Müllentsorgung) reduzieren helfen, kritisieren die Anderen die stereotype Darstellung von traditionellen Lebensweisen.

Wie auch immer man urteilt, die "Minderheitenparks" könnten zumindest ein Hinweis darauf sein, dass die Mehrheitsgesellschaft im Gegensatz zu früher Interesse an den nationalen Minderheiten zeigt und langsam ein Umdenkungsprozess einsetzt, der die Relevanz ethnischer Vielfalt für das kulturelle Leben Chinas erkennt. Wenn mit dem gestiegenen Interesse auch der Respekt für die Minderheiten wächst, wäre dies ein wichtiger Beitrag zur Minderung bestehender sozialer Spannungen. In politischer Hinsicht müsste die gegenwärtige Autonomie in ein System der territorialen Selbstverwaltung überführt werden, bei dem den ethnischen Minderheiten die Gestaltung ihres Lebensraumes obliegt und dadurch eine Bewahrung ihrer lokalen Kulturen unter selbstgewählten Vorzeichen möglich wird.
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Fußnoten

1.
Vgl. Gudula Linck, Die Menschen in den Vier Himmelsrichtungen. Chinesische Fremdbilder, in: Helwig Schmidt-Glintzer (Hrsg.), Das andere China, Wiesbaden 1995, S. 257-289.
2.
Vgl. Michael Dillon, China's Muslim Hui Community: migration, settlement and sects, Richmond 1999.
3.
Vgl. Katherine Palmer Kaup, Creating the Zhuang: Ethnic politics on the PR China, Ann Arbor 1997.
4.
Vgl. June Dreyer, Assimilation and accomodation in China, in: Michael Brown/Sumit Ganguly (eds.), Government policies and ethnic relations in Asia and the Pacific, Cambridge-London 1997, S. 351-391.
5.
Vgl. Thomas Heberer, Die Nationalitätenfrage in China am Beginn des 21. Jahrhunderts, in: Gunter Schubert (Hrsg.), China: Konturen einer Übergangsgesellschaft auf dem Weg in das 21. Jahrhundert, Hamburg 2001, S. 81-134.
6.
Vgl. Mette Halskov Hansen, Frontier people, Vancouver et al. 2005.
7.
Vgl. Gerard Postiglione, Education of Ethnic Groups in China, in: James Banks (ed.), The Routledge International Companion on Multicultural Education, New York-London 2009, S. 501-511.
8.
Vgl. Colin Mackerras, China, Xinjiang and Central Asia, London et al. 2009.
9.
Vgl. Thomas Heberer, Verwaltungsmethode zur Reinkarnation eines Lebenden Buddhas, in: Zeitschrift für chinesisches Recht, 15 (2008) 1, S. 1-9.
10.
Vgl. Anja-Désirée Senz/Yi Zhu, Von Ashima zu Yi-Rap, Duisburg 2001.