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30.8.2010 | Von:
Matthias Jäger

Bröckelt die "geistige Reserve des Okzidents"?

Was glauben die Spanier eigentlich?

Nach dieser Erhebung nimmt Spanien heute im internationalen Vergleich der Religiosität eine mittlere Position ein: 27 Prozent der Spanierinnen und Spanier können danach als hochreligiös gelten, 52 Prozent als religiös, 19 Prozent als nichtreligiös.[4] Damit liegt das "katholische Spanien" in etwa im westeuropäischen Durchschnitt, bleibt aber deutlich hinter ähnlich katholischen geprägten Ländern wie Polen oder Italien zurück. Die größte Dynamik entfaltet in Spanien derzeit nicht der Anteil der Katholiken (ca. 80 Prozent), sondern die wachsende Gruppe der Religionslosen, die bereits knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.[5] Der Soziologe José Casanova vermerkt zu diesen Befunden: "Zu den bezeichnendsten Entwicklungen in den letzten Jahren zählen tatsächlich die vielen Fälle, in denen Spanier gerichtliche Schritte unternommen haben, um die katholische Kirche dazu zu zwingen, ihre Namen (...) aus den Taufregistern zu streichen."[6] Dieses Engagement erstaunt aus deutscher Sicht nicht zuletzt deshalb, weil Spanien nach 1979 die Mandatssteuer eingeführt hat, nach der jeder Steuerpflichtige selbst wählen kann, ob 0,7 Prozent seiner Einkommenssteuer der Kirche oder einer (anderen) sozialen oder kulturellen Einrichtung zugute kommen sollen. Im Gegensatz zur deutschen Kirchensteuer kann man sich ihr aber nicht durch einen Kirchenaustritt entziehen.

Der Kirche macht nicht nur der beschleunigte Modernisierungsprozess und ihre teils sehr enge Verflechtung mit dem Franco-Regime zu schaffen, deretwegen sich viele Spanier in vergangenen Jahren von ihr abgewandt haben. Wenn man so will, werden der Kirche auch ihre große Tradition und die lange Zeit unangefochtene Monopolstellung zum Verhängnis. Wie in vielen anderen Gesellschaften, in denen die Religionszugehörigkeit in starkem Maße durch Geschichte und Tradition vorbestimmt ist, ist das intellektuelle Interesse, sich mit religiösen Themen auseinanderzusetzen - anders als in Ländern mit einem lebhaften "religiösen Markt" wie den USA - verhältnismäßig schwach ausgeprägt: Immerhin 30 Prozent der Spanier denken oft über religiöse Themen nach, aber nur 12 Prozent lesen oft religiöse oder spirituelle Bücher, 16 Prozent interessieren sich dafür, mehr über religiöse Themen zu erfahren (in den USA liegen diese Werte bei 64, 38 bzw. 30 Prozent).

Fußnoten

4.
Vgl. für alle im Folgenden aufgeführten Daten den Anhang zu Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Woran glaubt die Welt? Analysen und Kommentare zum Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2009; dies., Religionsmonitor 2008 - Spanien: Überblick zu religiösen Einstellungen und Praktiken, Gütersloh 2009.
5.
Vgl. Centro de Investigaciones Sociologicas (CIS), Studie 2775, Madrid 2008.
6.
José Casanova, Religiosität in Spanien: Eine interpretative Lektüre der Resultate des Religionsmonitors, in: Bertelsmann Stiftung, Analysen (Anm. 4), S. 229-264, hier: S. 230; vgl. auch Javier Cáceres, Katholisch bis in alle Ewigkeit: In Spanien ist es kaum noch möglich, rechtsgültig aus der Kirche auszutreten, in: Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 2.10.2008, S. 8.