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30.8.2010 | Von:
Matthias Jäger

Bröckelt die "geistige Reserve des Okzidents"?

"Catolicos light?"

Sehr klar lässt sich anhand der Daten des Religionsmonitors für Spanien erkennen, welche Bedeutung die Religiosität für den Alltag der Spanier hat: Zwar gibt etwa ein Drittel der Befragten an, im Alltag nach religiösen Geboten zu leben, immerhin einem Viertel ist die Teilnahme am Gottesdienst wichtig, und mehr als die Hälfte der Spanier glaubt daran, dass es einen Gott oder etwas Göttliches gibt. Ihre Religiosität ist aber nur für 32 Prozent der Spanier ein Lebensbereich, den sie als wichtig erachten. Zum Vergleich: Nahezu alle Befragten halten eine eigene Familie mit Kindern, jeder Vierte Arbeit und Beruf für wichtig. Und sofern sich die Spanier als religiös betrachten, wirkt sich dies im internationalen Vergleich weit unterdurchschnittlich auf ihren Alltag aus: Nur 17 Prozent etwa sagen von sich, dass sich ihre Religiosität deutlich auf ihre politische Einstellung auswirkt. Während die eigene Religiosität für 65 Prozent der Spanier eine hohe oder zumindest mittlere Bedeutung hat, wenn es um besondere Lebensereignisse wie Geburt, Heirat oder Tod geht, sehen nur 16 Prozent einen deutlichen Zusammenhang zwischen ihrem Glauben und ihrer Sexualität. Dieses Abstraktionsvermögen hat den Spaniern die (Selbst-)Bezeichnung als catolicos light eingebracht, die heute sehr genau zwischen ihrer religiösen Verwurzelung in den Dogmen der römisch-katholischen Kirche einerseits und den Auswirkungen auf die persönliche Lebensführung andererseits zu unterscheiden vermögen.

Bei diesen Befunden des Religionsmonitors handelt es sich zunächst um eine aktuelle Bestandsaufnahme. Einen Hinweis auf die zu erwartenden Entwicklungen der Religiosität in Spanien enthält jedoch die Aufschlüsselung nach Altersgruppen: Während bei den über 60-Jährigen die Hälfte der Befragten hochreligiös ist und nur 9 Prozent nicht religiös, sind es bei den 18- bis 29-Jährigen nur 11 Prozent Hochreligöse gegenüber 21 Prozent Nichtreligiösen. Auch die Weitergabe religiöser Inhalte durch Erziehung enthält ein Indiz für die Entwicklung der Religiosität innerhalb einer Gesellschaft: Fast alle Befragten geben an, selbst religiös erzogen worden zu sein, aber nur für ein Drittel der Spanier wirkt sich ihre Religiosität stark auf die Erziehung der eigenen Kinder aus. Neben dem Alter und dem Geschlecht - auch in Spanien sind Frauen deutlich religiöser als Männer - wird eine signifikant höhere Religiosität auch noch durch andere sozialstrukturelle Merkmale begünstigt, namentlich Partnerschaft und Kinderzahl. An diesen Zusammenhängen werden die zu erwartenden Auswirkungen des demografischen Wandels deutlich - denn immer mehr Kinder wachsen in Spanien als Scheidungskinder auf, und Spanien hat trotz der zwischenzeitlich eingeführten "Kinderprämie" eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit.