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30.8.2010 | Von:
Matthias Jäger

Bröckelt die "geistige Reserve des Okzidents"?

Convivencia, Alhambra-Modell, Mythos Toledo

Bis 1492 hatte die sogenannte convivencia, das jahrhundertelange weitgehend friedliche Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen im mittelalterlichen Spanien dem Land - und in der Folge auch Europa - eine einzigartige kulturelle Blütezeit beschert. In den vergangenen Jahren schien es jedoch eher, als habe Spanien diese historische Erfahrung kaum für sich fruchtbar machen können, als würden der "Mythos Toledo" oder das "Alhambra-Modell" oft zu leichtfertig bemüht:[9] In dem Maße, in dem sich Spanien in den 1980er Jahren öffnete und vom traditionellen Auswanderungsland zu einem der wichtigsten Einwanderungsländer in Europa wurde, nahmen auch fremdenfeindliche Konflikte und religiöse Intoleranz zu, wie wir sie aus anderen europäischen Gesellschaften kennen. Einerseits hat die spanische Gesellschaft nach den tragischen Anschlägen islamistischer Terroristen auf mehrere Vorortzüge in Madrid im März 2004 im Umgang mit muslimischen Bürgern verhältnismäßig besonnen reagiert. Andererseits zeigt eine Studie des Pew Research Center vom Frühjahr 2008, dass 46 Prozent der Spanier heute eine eher schlechte oder sehr schlechte Meinung von Juden haben, 52 Prozent geben dies für ihr Verhältnis zu den Muslimen an. Damit nimmt Spanien eine wenig rühmliche Spitzenposition vor Polen, Russland, Deutschland, Frankreich und Großbritannien ein.[10] Der "Gallup Islam-West Index" zählt die Spanier unter 21 Ländern zu denjenigen Befragten, die am wenigsten optimistisch auf das Verhältnis des Westens zur islamischen Welt blicken.[11] Und auch der Religionsmonitor weist für Spanien im europäischen Vergleich deutlich unterdurchschnittliche religiöse Toleranzwerte aus.

Dennoch beruft man sich gerne auf die geschichtlichen Erfahrungen und geizte entsprechend nicht mit Symbolik, als das Königreich Spanien 1992 - genau 500 Jahre nach dem Inkrafttreten des Vertreibungsedikts der Katholischen Könige Ferdinand und Isabella von 1492 - mit der Spanisch-Muslimischen Kommission ein Kooperationsabkommen schloss, das pragmatische Regeln für die Anerkennung der Muslime und die Ausübung ihres Glaubens im Alltag enthält, vom Schutz islamischer Feiertage und Gebetszeiten über die religiöse Betreuung von Muslimen in Krankenhäusern, Altenheimen und beim Militär bis hin zu muslimischen Speise- und Reinheitsvorschriften.[12] Damit waren die Spanier vergleichbaren europäischen Gesellschaften Anfang der 1990er Jahre einen guten Schritt voraus, allein um die praktische Umsetzung des Kooperationsabkommens ist es bisher noch eher bescheiden bestellt.[13] Aus heutiger Sicht erfolgreicher erscheint die Gründung einer an die Religionsbehörde im Justizministerium angehängten Stiftung "Pluralismus und Zusammenleben" (Fundacion Pluralismo y Convivencia) durch den spanischen Ministerrat im Jahr 2004, die sich in ihrer Satzung ausdrücklich der Förderung der Religionsfreiheit verschreibt.[14] So wie 1967 das sogenannte "Protestantenstatut" - eine Konsequenz der Erklärung über die Religionsfreiheit vom 7. Dezember 1965 im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils - markieren auch die bilateralen Abkommen mit einzelnen nicht-katholischen Religionsgemeinschaften von 1992 und die Aktivitäten der Fundacion seit 2004 wichtige Schritte auf dem Weg zu einem souveräneren Verhältnis der katholischen Mehrheit zu den religiösen Minderheiten und einer Sensibilisierung der spanischen Behörden.

Dass der Umgang mit religiösen Minderheiten in Spanien historisch bedingt bis heute einige interessante Besonderheiten aufweist, mag ein Beispiel aus dem Bereich des Staatsbürgerschaftsrechts verdeutlichen: Im Jahr 2008 wurden insgesamt 120 sephardische Juden nach Spanien eingebürgert, die aufgrund ihrer spanischen Vorfahren eine "besonders innige und tiefe Verbundenheit mit Spanien auf emotionaler und historischer Ebene" für sich in Anspruch nehmen konnten.[15] Diese bevorzugte Behandlung bei der Einbürgerung, wie sie bereits seit einigen Jahren praktiziert wird, forderten mittlerweile auch Vertreter muslimischer Verbände für die Nachkommen der 1610 aus Spanien vertriebenen getauften Mauren (moriscos) ein.[16] Weitgehend unerforscht ist bisher, inwieweit sich die lange Präsenz des Islam auf der iberischen Halbinsel und deren zahlreiche Zeugnisse, die das Kulturerbe des Landes entscheidend mitprägen, auf Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der eingewanderten Muslime auswirken, oder ob dieser Rückbezug für die Mehrheit der Muslime keinerlei Rolle spielt. Explizit beschwören bisher nur islamistische Terroristen die Vergangenheit: Das Terrornetzwerk al-Qaida rief schon vor geraumer Zeit alle Muslime Nordafrikas in einer Videobotschaft dazu auf, al-Andaluz zurückzuerobern, die jahrhundertelange Herrschaft des Islam über Spanien wiederherzustellen.

Fußnoten

9.
Vgl. José María Ridao, Die Furcht vor einem muslimischen Spanien: Wie die Historiker der "Reconquista" die katholische Einheit der iberischen Halbinsel erfanden, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 18.9.2006, S. 42; Francisco García Fitz, Auf dem Weg zum Djihad: Die Toleranz im islamischen Spanien ist nur ein multikultureller Mythos, in: Die Welt vom 1.6.2006, S. 28.
10.
Vgl. The Pew Global Attitudes Project, Unfavourable Views of Jews and Muslims on the Increase in Europe, Washington, D.C. 2008, online: http://pewglobal.org/reports/pdf/262.pdf (18.8.2010).
11.
Vgl. World Economic Forum, Islam and the West: Annual report on the State of Dialogue, Genf 2008, S. 20-27, online: www.weforum.org/pdf/C100/Islam_West.pdf (18.8.2010).
12.
Vgl. Acuerdo de Cooperacion del Estado Español con la Comision Islámica de España vom 10.11.1992.
13.
Vgl. Matthias Koenig, Repräsentanzmodelle des Islam in europäischen Staaten, in: Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (Hrsg.), Islam einbürgern. Auf dem Weg zur Anerkennung muslimischer Vertretungen in Deutschland, Berlin 2005, S. 19-32.
14.
Vgl. María José Ciáurriz, La Fundacion Pluralismo y Convivencia, in: Andrés Corsino Álvarez Cortina/Miguel Rodríguez Blanco (Hrsg.), Aspectos del régimen economico y patrimonial de las confesiones religiosas, Granada 2008, S. 105-121. Siehe auch die Internetseite der Stiftung: www.pluralismoyconvivencia.es.
15.
Vgl. Pressemeldungen des spanischen Justizministeriums vom 1. Februar, 8. Februar, 9. Mai, 13. Juni und 17. Oktober 2008 unter www.mjusticia.es (18.8.2010). Die Eingebürgerten stammten größtenteils aus der Türkei und Venezuela, wenige Antragsteller aus Israel und Marokko.
16.
Vgl. Ingo von Münch, Die deutsche Staatsbürgerschaft: Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft, Berlin 2007, S. XXXII.