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Der öffentliche Umgang mit der Franco-Diktatur


30.8.2010
Nach Francos Tod 1975 herrschte in der spanischen Gesellschaft lange Zeit einvernehmliches Schweigen über die Diktaturvergangenheit. Eine politische Aufarbeitung setzte erst Ende der 1990er Jahre ein.

Einleitung



Als Francisco Franco am 20. November 1975 starb, öffnete sich in Spanien der Weg für den Übergang zur Demokratie. Für die spanische Gesellschaft stellte sich damit auch die Frage nach dem öffentlichen Umgang mit der Erblast der während der 36-jährigen Diktatur (1939-1975) begangenen Menschenrechtsverletzungen.

Der Spanische Bürgerkrieg (1936-1939) und die massiven Repressionen der Nachkriegszeit hatten zahlreiche Todesopfer und Verwundete gefordert,[1] darüber hinaus hunderttausende Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter hervorgebracht.[2] Die siegreichen Franquisten hatten politische Gegner nach Schnellverfahren massenhaft hingerichtet, zahlreiche Opfer politischer Säuberungen waren überall im Land in anonymen Massengräbern verscharrt worden - sie gelten bis heute als "verschwunden". Mindestens eine halbe Million Republikaner fand Zuflucht im Exil,[3] zudem wurden viele Kinder republikanischer Opfer ins Ausland evakuiert.[4]

Der Sieg über das republikanische Spanien wurde für die sich nach dem Krieg etablierende Franco-Diktatur zum Gründungsmythos, der bis zu ihrem Ende gepflegt wurde. Die einzig mögliche Form öffentlicher Erinnerung an den Bürgerkrieg war somit jene in der Deutung der Franquisten, in deren Geschichtsbild er als Kreuzzug dargestellt wurde. Die offizielle Geschichtskonstruktion beherrschte als politisches Instrument die kollektive Erinnerung.[5] Die Bürgerkriegsopfer der franquistischen Aufstandsbewegung wurden nach dem Krieg als "Gefallene für Gott und für Spanien" als Märtyrer glorifiziert. Die Bürgerkriegsverlierer blieben als "Antispanier" gebrandmarkt und bis zum Ende der Diktatur einer systematischen Repression, gesellschaftlicher Marginalisierung und institutionalisierter Diskriminierung ausgesetzt. Die Erinnerung an die vorausgegangene progressive und laizistische Zweite Republik (1931-1936/1939) sollte dämonisiert und im öffentlichen Raum ausgelöscht werden. Der Spanische Bürgerkrieg - im offiziellen Diskurs des Regimes als glorioso alzamiento ("heilige Erhebung") bezeichnet - hat das Bewusstsein der nachfolgenden Generationen in großem Maße beeinflusst. So sollte es auch nach Francos Tod nicht zu einem radikalen Bruch mit dem diktatorischen Regime kommen, sondern zu einem paktierten Übergang zwischen den ehemaligen Repräsentanten des alten Systems und der gemäßigten demokratischen Opposition. Die Franco-Vergangenheit wurde ausgeklammert.

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Fußnoten

1.
Ein jüngerer Forschungsüberblick gelangt zu der vorläufigen Zahl von bis zu 50.000 Opfern in der republikanischen Zone und mindestens 150.000 Opfern der franquistischen Bürgerkriegsgewalt. Vgl. Santos Juliá/Julián Casanova/Josep M. Solé y Sabaté/Francisco Moreno (eds.), Víctimas de la Guerra Civil, Madrid 1999, S. 407-410.
2.
Vgl. Javier Rodrigo, Hasta la raíz. Violencia durante la guerra civil y la dictadura franquista, Madrid 2008, S. 111-176.
3.
Vgl. etwa Alicia Alted, La voz de los vencidos, El exilio republicano de 1939, Madrid 2005.
4.
Francisco Moreno berichtet von über 37.000 sogenannten Kriegskindern (niños de la guerra), die mehrheitlich nach Frankreich, Mexiko und die UdSSR evakuiert wurden. Vgl. Francisco Moreno, La represion en la posguerra, in: S. Juliá et al. (Anm. 1), S. 277-405, hier S. 286.
5.
Zur politischen Instrumentalisierung der Bürgerkriegserinnerung während der Franco-Diktatur vgl. die Standardwerke von Paloma Aguilar Fernández, Políticas de la Memoria y Memorias de la Política. El caso español en perspectiva comparada, Madrid 2008, S. 95-222; Walther L. Bernecker/Sören Brinkmann, Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006,Nettersheim 2006, S. 151-227.