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16.8.2010 | Von:
Christiane Grefe

Rio reloaded - Essay

Finanzkrisen, wachsende Armut und Klimawandel sind globale Herausforderungen. Um die weitere Zuspitzung dieser Probleme zu verhindern, gilt es, am Ansatz der Vereinten Nationen einer demokratischen Artenvielfalt neu anzuknüpfen.

Einleitung

Hunderttausende Liter klebrigen, schwarzen Erdöls ergießen sich täglich ins Meer. Keiner weiß, wie viele Millionen am Ende die Küsten von Louisiana bis Texas verseuchen werden. Über Monate kämpfen die Zauberlehrlinge von BP (British Petroleum) gegen die Geister, die sie verantwortungslos riefen. Immer neue Anläufe enden immer wieder vergeblich - wie bei Goethes Gedicht "Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!" Die Havarie im Golf von Mexiko, die Anfang August dieses Jahres endlich gestoppt werden konnte, erscheint auf den ersten Blick als US-amerikanische Katastrophe. Kein anderes Land der Welt verschlingt schließlich pro Kopf derart große Mengen fossiler Ressourcen; nirgends sonst gilt ein vergleichbar energiehungriger Lebensstil quasi als Menschenrecht. Doch der Ölteppich zeigt noch mehr: die Verwobenheit jeder Ökonomie mit dem Rest der Welt. Er ist ein globales Menetekel. Denn erst die wachsende Nachfrage in den Schwellenländern nach "des Teufels Tränen" und der sich gleichzeitig abzeichnende Beginn ihrer Erschöpfung ließen eine riskante Tiefseeförderung wie im Golf von Mexiko überhaupt rentabel werden; der Untergang der Bohrinsel "Deep Water Horizon" ist insofern ein "Tschernobyl" des Ölfördermaximums, des peak oil. Erst ein völlig unzulängliches internationales Seerecht, das auch dank der Lobby der großen Energiekonzerne Schlupflöcher bei den Sicherheits- und Schadenersatzpflichten offen ließ, senkte die Risikoschwelle, 1500 Meter tief im Meeresgrund nach dem Schmierstoff der industriellen Entwicklung zu bohren. Ähnliche Unglücke könnten daher jederzeit auch vor anderen Küsten passieren, in Angola, Russland oder Brasilien. Bürger in aller Welt empfanden das entfesselte Sprudeln der unterseeischen Quelle deshalb auch als weiteren Ausdruck der Unfähigkeit ihrer Regierungen, wirksame Regeln zum Schutz von Mensch und Natur zu schaffen. Die außer Kontrolle geratene Ölförderung erscheint ihnen nur als weiterer Beleg dafür, dass die politische Kooperation der Länder der wirtschaftlichen Verschmelzung noch immer bedrohlich fußlahm hinterherhinkt.

Der Widerspruch ist tatsächlich groß: Einerseits wird auf allen politischen Gipfeln die "eine Welt" beschworen, ob es um Abrüstung oder Artenvielfalt, Aids oder Arbeitsschutz geht. So gut wie allen Regierungen ist heute klar, dass ihre Ökonomien und Gesellschaften allein auf nationaler Ebene nicht mehr zu steuern sind. Andererseits wächst hinter den diplomatischen Plädoyers für global governance noch längst nicht zusammen, was zusammen gehört, um die großen globalen Herausforderungen zu bewältigen. Die Kooperation ist unzulänglich, fragil und teils auf dem Rückzug bei den drei wichtigsten Krisen, mit denen die aus dem Ruder gelaufene Ölförderung im Golf von Mexiko eng verbunden ist und die mit Bankencrashs und zahlungsunfähigen Staaten, sich häufenden Wirbelstürmen, Fluten und Hungersnöten Vorboten möglicher noch größerer Katastrophen senden.