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16.8.2010 | Von:
Christiane Grefe

Rio reloaded - Essay

Übersehene Erfolge globalen Regierens

Das neue Jahrzehnt begann also mit einem großen Katzenjammer. "Die Weltgemeinschaft stolpert durch ein Wechselbad der Gefühle", formuliert der Politikwissenschaftler Dirk Messner milder, wie sich Hoffnungen und Enttäuschungen bei der global governance abwechseln. Ist die eine Welt doch nur eine Illusion und trotz drohender Katastrophen unfähig zu kooperieren? Kommt das globale Regieren wegen fehlender Wirksamkeit ausgerechnet aus der Mode, da es immer dringlicher wird? Ja: die Globalisierung überhaupt?

Das Projekt Weltgesellschaft für tot zu erklären, wäre aber noch bedrohlicher als mit seinen Geburtswehen zu ringen, denn bei einem Scheitern würden alle verlieren. Die Geschichte zeigt, dass Ent-Globalisierung schnell in Gewalt münden kann: Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hatte schon einmal ein rasend voranschreitender Austausch von Gütern und Technologien über die globalen Märkte vielen Ländern und Bevölkerungsgruppen immensen sozialen Fortschritt gebracht. Aber auch damals gab es neben den Gewinnern zahlreiche Verlierer des Wandels. Einige Regionen Europas verloren zum Beispiel durch billige Getreideimporte aus den USA ihre Absatzmärkte. Ihre Verarmung war einer der Gründe für rigorosen Protektionismus und nationalistische Aggression und diese ein Funken an den Pulverfässern, der den grausamen Ersten Weltkrieg mit seinen Abermillionen Opfern entfachte.

Auch heute wäre der Rückzug ins Nationale die Flucht aus einer komplexen Verzahnung der Gesellschaften, von der bei besserer Regulierung alle profitieren könnten. Die positiven Folgen, die der neue Integrationsschub in die Weltmärkte in den 1990er Jahren und die damit verbundene Kommunikationsdichte ausgelöst haben, werden allzu leicht übersehen. So stärkt die ökonomische Vernetzung und die damit einhergehende gegenseitige Abhängigkeit der Nationen ihr Interesse am Frieden, und sie kann allen mehr Wohlstand bringen. Besonders in den großen Schwellenländern hat sie mehreren Millionen Menschen neue Chancen eröffnet, der absoluten Armut zu entkommen. Enormer Reichtum wurde weltweit erwirtschaftet. Jean Ziegler, der engagierte Menschenrechtskämpfer im Auftrag der VN, drückt es so aus: "Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist der objektive Mangel besiegt, und die Utopie des gemeinsamen Glückes wäre materiell möglich."

Überdies gibt es im Schatten des Scheiterns auch Erfolge beim Versuch der Völkergemeinschaft, die globalen politischen Rahmenbedingungen sozial und ökologisch verträglicher zu gestalten. Nicht zuletzt dank des Einsatzes uniformierter Helfer der VN hat sich beispielsweise die Zahl der Bürgerkriege und bewaffneten Konflikte deutlich verringert. Kriegsverbrechen können vor einem internationalen Gerichtshof geahndet werden. Die Bemühungen vieler Länder um eine bessere Grundschulbildung und im Kampf gegen Malaria und Aids kamen auch deshalb voran, weil der internationale Druck des Millenniumsprozesses und die Unterstützung der VN auf manchen Gebieten eben doch Wirkung zeigte. Sie haben Regeln zum Schutz der Biodiversität verabschiedet, indigene Völker können sich auf neue Partizipationsrechte berufen, das Welternährungsprogramm hilft doppelt so vielen Menschen wie zu Beginn der 1990er Jahre. Sonderbeauftragte für Wirtschaft und Menschenrechte oder für das Menschenrecht auf Nahrung dringen mit Nachdruck auf die vernachlässigte praktische Umsetzung großer VN-Konventionen.