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16.8.2010 | Von:
Ekkehart Krippendorff

Staat muss sein. Muss Staat sein? Essay

Am Beispiel Afghanistan zeigt sich die Besonderheit der europäischen Staatsbildung, die als Vorbild außereuropäischen Gesellschaften kolonial oktroyiert wurde, ohne deren tribale Strukturen außer Kraft setzen zu können.

Einleitung

Wer und wann aus dem weiten Feld imperial kodierter amerikanischer Politikwissenschaft den Begriff failed states, der "fehlgeschlagenen Staaten", in Umlauf gebracht hat, ließe sich sicher mit etwas philologischer Kleinarbeit feststellen. Es wird irgendwann im Kontext des Erwachens aus den Illusionen einer geordneten Welt nach dem Ende des Kalten Krieges geschehen sein. Für Europa, für "den Westen" war wohl der kriegerische Zerfall Jugoslawiens ein traumatisch nachwirkender Schock. Seit 2005 erstellt der US-amerikanische Fund for Peace einen jährlichen Index zerfallsbedrohter Staaten, und die deutsche Politikwissenschaft versammelte im selben Jahr ihre einschlägigen Experten für internationale Politik zu einem Themenheft "Zerfallende Staaten",[1] wenig später folgte eine entsprechende Publikation der Heinrich Böll Stiftung.[2] Der Begriff selbst war ein Reflex auf die Desillusionierung mit der wiederum westlich-imperial geborenen Strategie einer neuen Weltstaatenordnung im Gehäuse der Vereinten Nationen (VN), welche aus den entkolonisierten Gesellschaften Afrikas, Asiens und der arabischen Welt "Nationalstaaten" zu machen versuchte; der magische politologische Begriff der 1950er und 1960er Jahre hatte nation building geheißen. Jetzt aber, seit Ende des 20. Jahrhunderts, stellen sich viele der damals aus der Zusammenarbeit mit ehemals kolonialen (meist in den Metropolen ausgebildeten) und europäischen Außenpolitikeliten konstruierten Staaten als "Fehlschläge" heraus. Zwischenzeitlich hatten sich einige der Neuen durch einen Seitenwechsel ins "sozialistische Lager" vom Geburtsmakel, Kolonialismusprodukte zu sein, zu befreien versucht. Es erging ihnen aber nicht besser als den im "westlichen Lager" verbliebenen Neo-Staaten, vielmehr wurden sie dann meist Opfer außengelenkter Bürgerkriege als Folge des globalen Kräftemessens während des Kalten Krieges.

Das derzeit im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit und Betroffenheit stehende Afghanistan ist dafür ein Paradebeispiel. Seinen Namen gaben diesem die englischen und die russischen Geostrategen, für die das auf der Landkarte staatenlose Gebiet eine Pufferzone zwischen ihren jeweiligen Einflusszonen darstellte. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden mehr oder minder willkürliche Grenzen gezogen und ein Königreich gegründet, welches aber bei den durch unwirtliche Gebirge voneinander getrennt lebenden Stämmen so gut wie keine Akzeptanz fand. Mit sechs Millionen Angehörigen bilden die Paschtunen den größten Stammesverband (aus dem sich heute die Taliban rekrutieren), daneben gibt es die Hazaras mit vier, die Usbeken mit ein bis zwei Millionen, aber auch noch Turkmenen, Aimaken, Perser, Belutschen, Tadschiken und andere. 1973 wurde die Monarchie im Staatsstreich gestürzt, durch eine Republik ersetzt und diese wiederum 1978 von linken, prosowjetischen Putschisten übernommen, womit sie eine traditionalistische Konterrevolution und einen Bürgerkrieg provozierten.

Das infamste Politik-Spiel trieb in den 1980er Jahren die US-Regierung, welche die staatsfeindlichen fundamentalistischen Islamisten aktiv und mit Waffen unterstützte, was wiederum die sowjetischen Militärs auf den Plan rief. Eben das war die Falle gewesen, die sich die US-Strategen für die ohnehin schon krisengeschüttelte Sowjetmacht ausgedacht hatten: Acht Jahre verausgabte sich die sowjetische Armee erfolglos, ehe sie geschlagen abziehen musste und ihr eigenes marodes Staatsprojekt einer "Union sozialistischer Sowjetrepubliken" wenige Jahre später zusammenbrach, so wie es sich die amerikanischen Strategen in ihren kühnsten Träumen vorgestellt hatten. Die einzige einigermaßen kohärente militärisch-politische Formation, die in Afghanistan zurückblieb, waren die Taliban - die allerdings nicht daran dachten, nun einen Staat nach westlichem Modell zu errichten, weshalb sich ihr amerikanischer Schirmherr bald von ihnen abwandte.

So oder so: Das megalomane Projekt der weltpolitischen Manager, die bunte Weltgesellschaft der Kulturen, Religionen und Ethnien in das Korsett einer berechenbaren Weltstaatengesellschaft zu pressen, zeichnete sich immer deutlicher als ein failed project ab - eines, das vom Ansatz her letztlich nicht gelingen konnte. Um diese These einigermaßen überzeugend zu begründen, bedürfte es an dieser Stelle der Rückbesinnung auf die Geschichte und Ideologie von Staatlichkeit, was aber den Rahmen eines Essays sprengen würde. Nur an so viel sei hier erinnert: Es hat in der Geschichte nur zwei geschichtsmächtige, das heißt überlebende Strategien der Staatlichkeit gegeben: die chinesische und die römische.

Der chinesische Staat zeichnete sich unter anderem durch seine erstaunliche Selbstgenügsamkeit und Selbstbegrenzung innerhalb mehr oder minder stabiler Grenzen eines riesigen Territoriums aus, was ihm eine ungewöhnlich stark ausgeprägte kulturell-ideologische Identität gab. Die chinesische Herrschaftselite verstand sich und ihr Land als Zentrum der zivilisierten Welt ("Reich der Mitte") und entfaltete darum keine imperial-expansive Dynamik. Im Gegenteil: Zwischen sich und ihren Nachbarn errichtete sie die bis heute höchst eindrucksvolle Mauer und untersagte gleichzeitig den Bau einer hochseetüchtigen Flotte. Rom hingegen entwickelte nach seiner Unterwerfung der italischen Völker eine geradezu atemberaubende militärisch-administrative und kulturell-ideologische Expansionsdynamik, die innerhalb von drei Jahrhunderten nahezu das ganze heutige West-, Ost- und Mitteleuropa einschließlich Nordafrikas einschloss. Sein zweiphasiger Untergang (Westrom im 5. Jahrhundert, Ostrom im Jahr 1453 mit dem Fall Konstantinopels) hinterließ den Traum eines pazifizierenden Imperiums: eine funktionierende Infrastruktur, eine einheitliche Währung, militärische Organisation von Sicherheit, ein universalistisches Rechtssystem und eine verfassungsähnliche Institutionalisierung der Macht, eine Amtssprache und eine alle diese Faktoren verbindende politische Kultur.

Die Vision einer Weltfriedensordnung als Erbe Roms blieb in Europas "kulturellem Gedächtnis" (Jan und Aleida Assmann) erhalten und ist in Kunst und Literatur, Bildsprache und Musik bis in unsere Gegenwart ungebrochen lebendig geblieben. Die Erinnerung an Rom ist aber zugleich die Erinnerung an den Staatsgedanken, der in den Teilen, in welche das Imperium zerbrach und sich auflöste, weiterlebte. Das betrifft besonders die westlichen, die dauerhaft christianisierten "Bruchstücke". Die deutschen Kaiser verstanden sich ebenso wie die europäischen Prinzen allesamt als Erben und Bewahrer römischer Staatstradition und ließen sich bis weit ins 19. Jahrhundert als solche feiern, abbilden und historisch legitimieren. Die jungen Vereinigten Staaten von Amerika, deren Gründungsväter zwar geistesgeschichtlich vor allem Aufklärer waren, sahen sich aber gleichwohl explizit als Erben und Erneuerer der imperialen Ordnungsmacht Rom, die bis heute als historisches Vorbild von politischen Historikern immer wieder erinnert, berufen und als historischer Auftrag zitiert wird.[3] Darum gehören die USA in einem erweiterten historischen Horizont hier zu Europa, zur europäischen politischen Tradition und leben auch sie vom europäischen staatspolitischen Erbgut.

Fußnoten

1.
Vgl. APuZ, (2005) 28-29.
2.
Vgl. Heinrich Böll Stiftung, Ethnonationalismus und State Building, Bd. 5, 2008.
3.
Vgl. Peter Bender, Weltmacht Amerika - das neue Rom, Stuttgart 2003.