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19.7.2010 | Von:
Raj Kollmorgen

Diskurse der deutschen Einheit

"Diskursmauern" zwischen Ost und West sind in den vergangenen Jahren abgetragen worden. Gleichberechtigte Diskurse der Einheit erfordern aber die Überwindung der subalternen Position Ostdeutschlands.

Einleitung

Die deutsche Einheit stellt heute für die alltägliche Lebenspraxis eine Selbstverständlichkeit dar. Zugleich lässt sich nicht nur an der Verteilung der wirtschaftlichen Leistungskraft und der Vermögen, der Binnenwanderungen oder anhand kollektiver Identitäten eine hartnäckige Ost-West-Differenz erkennen. Auch das Kommunizieren über die ostdeutsche Transformation und die deutsche Einheit zeigt bis heute deutliche Asymmetrien und Ungleichheiten.

Sich mit den Diskursen der Einheit zu beschäftigen, ist kein Selbstzweck. Diskursanalytische Zugänge behaupten, dass sich in den Ausmaßen, Inhalten und Formen der Diskurse nicht nur die sozialen Macht- und materiellen Verteilungsverhältnisse ausdrücken. Vielmehr repräsentiert die Diskursgestaltung selbst ein wichtiges Formierungselement der politischen, ökonomischen und kulturellen Machtstrukturen. Diskurse bilden soziale Realitäten nicht ab, sondern konstruieren sie in hegemonial umkämpfter Form, wodurch sie die Möglichkeiten der Veränderung sozialer Praxis mitbestimmen.[1]

Wie haben sich vor diesem Hintergrund in drei soziopolitisch höchst relevanten Feldern (parteipolitisch-programmatischer, sozialwissenschaftlicher und massenmedialer Diskurs) die Diskurse über die deutsche Einheit und Ostdeutschland in zwanzig Jahren entwickelt? Welche Differenzen und Interdiskurse sind beobachtbar?[2]

Fußnoten

1.
Diskurse sind spezifisch geregelte und thematisch eingegrenzte sprachliche Sozialverhältnisse, wie sie in Textproduktion und -rezeption sowie mündlicher, schriftlicher und bildlicher Kommunikation realisiert werden. In Diskursfeldern ringen "Diskursgemeinschaften" und ihre wichtigsten "Sprecher" ("Diskurseliten") mit jeweils dominanten Strategien um die Gewinnung und Veränderung diskursiver Hegemonie (oder: legitimer Diskursbeherrschung) - als Selbstzweck und zur Beherrschung anderer Formen sozialer Praxis.
2.
Die folgenden Befunde verdanken sich einem langjährigen Forschungszusammenhang im Rahmen des Innovationsverbundes und Netzwerkes Ostdeutschlandforschung (www.ostdeutschlandforschung.net). Für die Bereitstellung von Daten und für kritische Hinweise habe ich vor allem Thomas Hanf, Torsten Hans, Frank Thomas Koch und Michael Thomas zu danken. Eine ausführliche Analyse der Diskurse mit den entsprechenden Quellen und Literaturen - auf deren detaillierten Nachweis deshalb hier verzichtet wird - findet sich bei Raj Kollmorgen/Frank Thomas Koch/Hans-Liudger Dienel (Hrsg.), Diskurse der deutschen Einheit. Kritik und Alternativen, Wiesbaden 2010 (i.E.).

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