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19.7.2010 | Von:
Raj Kollmorgen

Diskurse der deutschen Einheit

Diskursiver Bedeutungsverlust, Event-Orientierung, Ritualisierung

Die diskursive Beschäftigung mit dem Thema "Ostdeutschland" und "deutsche Einheit" hat in den vergangenen zehn Jahren weiter an Bedeutung verloren. In den überregionalen Massenmedien etwa haben sich - je nach Messmethode und Sample - die Anteile von Beiträgen zu Ostdeutschland und zum ostdeutschen Umbruch seit Anfang der 1990er Jahre halbiert oder sind, wie eine eigene Erhebung für zwei überregionale Tageszeitungen zeigt (siehe Abbildung der PDF-Version), sogar bis auf ein Achtel des Ausgangswertes geschrumpft. Das Ausmaß der Berichterstattung zur deutschen Einheit hat sich im selben Zeitraum noch einmal leicht verringert und bewegt sich heute im Bereich von etwa einem Prozent aller Beiträge.[3]

Im sozialwissenschaftlichen Diskursfeld folgte dem Boom der Ostdeutschland- und Vereinigungsforschung eine Stabilisierung auf hohem Niveau bis zum Ende der 1990er Jahre. In den vergangenen zehn, vor allem aber fünf Jahren ist ein deutlicher Rückgang entsprechender Forschungsanstrengungen festzustellen. Die Verminderung bewegt sich im Bereich von etwa 30 bis 50 Prozent gegenüber den Höchstwerten.[4]

Im parteipolitisch-programmatischen Diskurs, wie er sich exemplarisch in der Entwicklung von Parteitagsthemen, Berichten und Leitbildern zeigt, wird eine Dynamik sichtbar, die nach einem Hoch (1989/90-1993/94) zunächst ein deutliches Abschmelzen der Auseinandersetzung zeigt. Zwischen 1998, dem Regierungsantritt der rotgrünen Regierungskoalition, und 2005 erfolgte ein Wiedererstarken, das seitdem einer erneuten Schrumpfung gewichen ist, sich allerdings bis 2008/09 über dem Niveau der Jahre 1996/97 bewegt.[5]

Ein wichtiges Merkmal der quantitativen Dynamik in allen drei Diskursfeldern ist die Event-Orientierung. Neben dem Hochschnellen der massenmedialen Aufmerksamkeit gegenüber dem Osten im Zusammenhang mit Großereignissen und Skandalen (G7-Gipfel in Heiligendamm; Investitionsruinen im Osten; Landtags- oder Bundestagswahlen) lösen diskursübergreifend Gedenk- und Feiertage, herausragend der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober, und insbesondere deren Jubiläen (zuletzt 2004/05 sowie 2009/10) Schübe an medialer Beschäftigung aus, wobei seit Ende der 1990er Jahre vor allem in den Massenmedien und partiell im politischen Diskurs zugleich eine Ritualisierung erkennbar ist.

Fußnoten

3.
Siehe die detaillierten Befunde bei R. Kollmorgen et al. (Anm. 2); vgl. auch Thomas Ahbe/Rainer Gries/Wolfgang Schmale (Hrsg.), Die Ostdeutschen in den Medien. Das Bild von den Anderen nach 1990, Leipzig 2009; Sven Kersten Roth/Markus Wienen (Hrsg.), Diskursmauern. Aktuelle Aspekte der sprachlichen Verhältnisse zwischen Ost und West, Bremen 2008.
4.
Vgl. insgesamt zu diesem Diskursfeld auch: Raj Kollmorgen, Ostdeutschlandforschung. Status quo und Entwicklungschancen, in: Soziologie, 38 (2008) 2, S. 9-39.
5.
Detaillierte Analysen dieses Feldes bei Frank Thomas Koch, "Für ein modernes und soziales Deutschland"? Diskurse im politischen Raum, in: R. Kollmorgen et al. (Anm. 2).

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