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19.7.2010 | Von:
Raj Kollmorgen

Diskurse der deutschen Einheit

Sozialwissenschaftlicher Diskurs

Der sozialwissenschaftliche Diskurs zeichnet sich zunächst thematisch durch eine dem politisch-programmatischen Diskurs vergleichbare Verlaufskurve aus. Dabei zeigte sich in den ersten beiden Jahren eine gewisse Sprach-, ja Konzeptlosigkeit in der Forschung, die von der "friedlichen Revolution" und der Dynamik des deutschen Vereinigungsprozesses überrascht worden war. Schnell kam es dann aber zu einer Konturierung des Diskurses, der konzeptuell ein polares Feld aufspannte: Auf der einen Seite wurde ein Erklärungs- und Deutungsrahmen entwickelt, der die ostdeutsche Transformation als "nachholende Modernisierung" (W. Zapf) und den Vereinigungsprozess im Kern als institutionellen Implementationsprozess der bundesdeutschen Ordnung von oben nach unten sowie paralleler Enkulturationen der Ostdeutschen interpretierte. Schon 1995/96 wurde in dieser wissenschaftlichen Diskursgemeinschaft, die zwar in einzelnen Aspekten Kritik am realen Vereinigungsprozess übte, sich aber insgesamt affirmativ zum politischen Beitrittsmodell und seiner Transformationslogik verhielt, von einem (weitgehenden) Erfolg des Umbaus und der Vereinigung gesprochen, wodurch sich weitere, exzeptionelle Transformations- und Vereinigungsforschung erübrige.

Auf der anderen Seite etablierte sich ein Erklärungs- und Bewertungsrahmen, der sich kritisch mit dem systemtheoretisch-modernisierungstheoretischen Modell auseinandersetzte. Dabei sind zwei Varianten zu unterscheiden. Ein alternativer Diskurs kritisierte die Leerstellen im Bereich von Machtinteressen und Machtverhältnissen im Vereinigungsprozess, die Unterbelichtung soziokultureller Aspekte ("Sozialintegration" gegenüber institutioneller "Systemintegration"), mithin den Mangel an Analysen ostdeutscher Transformationsprozesse von unten. Darüber hinaus wurde die einengende Perspektive auf deutsch-deutsche Verhältnisse, auf den Nachbau der (keineswegs umfänglich "modernen") westdeutschen Institutionenordnung sowie ein Mangel an mittelosteuropäischen Vergleichen beanstandet. Mit dieser erkenntniskritischen Positionierung war im Regelfall eine Gesellschaftskritik am Modus der Vereinigung und der ostdeutschen Transformation verbunden. Diese konzentrierte sich auf das Modell einer neoliberal und neokonservativ geleiteten Beitrittslogik und des Institutionentransfers unter Marginalisierung bzw. Missachtung ostdeutscher Subjekte, deren Erfahrungen, Interessenlagen und Partizipationschancen ("Bürger zweiter Klasse"). Für diese Diskursgemeinschaft überwogen bis Mitte der 1990er Jahre die Misserfolge des Vereinigungsprozesses in ökonomischer, sozialer und soziokultureller Hinsicht, ohne den durch die gewaltigen finanziellen Transfers von West nach Ost möglich gewordenen Massenwohlstand gering zu schätzen. Ein zweiter alternativer Diskurs radikalisierte diese Kritik und positionierte sich als prinzipieller Gegendiskurs. Für diesen handelte es sich bei der Vereinigung um eine "Kolonialisierung der DDR" (W. Dümcke/F. Vilmar), welche die Ostdeutschen zu reinen Objekten degradierte.

Zwar wurden diese Diskurskonstellation und ihre Spaltungslinien auch von den jeweils herangezogenen Theorien und Forschungsprogrammen grundiert. Als einflussreicher erwiesen sich aber politisch-ideologische Verortungen, der soziale und akademische Status sowie die Herkunft. Während die erste Position mit ihren heterogenen Spielarten im Kern von der akademisch-professionellen Soziologie und in ihr durch westdeutsche Forscherinnen und Forscher mit eher liberal-konservativen politischen Einstellungen vertreten wurde, sammelten sich im erstgenannten alternativen Diskurs neben einer Minderheit westdeutscher SozialwissenschaftlerInnen des akademischen Betriebs vor allem Ostdeutsche mit eher linksreformistischer Orientierung, wobei letztere bestenfalls am Rand der akademischen Forschung (als befristet Beschäftigte) oder im freien außeruniversitären Raum agierten. Die Position des radikalen und akademisch weitgehend ausgegrenzten Gegendiskurses wurde von wenigen linken westdeutschen, aber auch von im Zuge des Elitentransfers akademisch exkludierten ostdeutschen, oft älteren Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern eingenommen. Es kann nicht überraschen, dass der erstgenannte Diskurs eine hegemoniale Stellung eroberte und sie in den ersten fünf Jahren auch hielt. Danach schwand zwar sein Einfluss, und die Hegemonie ging schrittweise an den zweiten Diskurs über. Das war aber mit einem deutlichen Bedeutungsverlust dieses Forschungsfeldes für die akademisch-professionelle Sozialwissenschaft verbunden. Seitdem wandert eine schrumpfende Ostdeutschland- und Vereinigungsforschung immer stärker in den Osten und an freie außeruniversitäre Institute jenseits des akademischen Mainstreams.

Inhaltlich war seit Mitte/Ende der 1990er Jahre eine Vermittlung der ersten beiden Positionen und die Entwicklung empirisch gesättigter, komplexer und langzeitorientierter Erklärungs- und Bewertungsmodelle beobachtbar. Die seit etwa 2001/02 erkennbare Wiederaufwertung wirtschaftlich-sozialer Themen war nicht nur mit der endgültigen Überwindung aller Konzepte einer westdeutschen "Blaupause" und uniformen "Gleichheit" verbunden, sondern zielte mit dem Forschungsprogramm des "doppelten Umbruchs" und der Integration neuer Aspekte, wie sie die Schlagwörter Nachhaltigkeit, Innovation, Region, Demographie und Diskurs markieren, auf eine Freilegung genuin ostdeutscher Zukunftschancen und sogar "Avantgardismen" (W. Engler), die für den Gesamtstaat innovative Entwicklungskorridore öffnen.

Mit diesen neuen Orientierungen ist es dem sozialwissenschaftlichen Diskurs seit Ende der 1990er Jahre gelungen, trotz seiner akademischen Marginalisierung wieder ein aktiver und innovativer Partner im Interdiskurs mit politischen Akteuren zu werden und an der Formierung neuer Leitbilder für (Ost-)Deutschland entscheidend mitzuwirken.


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