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19.7.2010 | Von:
Raj Kollmorgen

Diskurse der deutschen Einheit

Von Diskursmauern zu Diskursbrücken?

Vier Befunde der Analyse sind zu resümieren. Erstens springt die durchgehende Schrumpfung der Beschäftigung mit Ostdeutschland und der deutschen Einheit in allen drei Feldern ins Auge, die im sozialwissenschaftlichen und massenmedialen Feld am ausgeprägtesten ist. Zweitens ist auffällig, dass in den hegemonialen Diskursen aller drei Felder über lange Zeit eine Kodierung Ostdeutschlands und Ostdeutscher als "besonders", "zurückgeblieben", "problematisch" oder "belastend" vorgenommen wurde, wobei diese zuerst im parteipolitisch-programmatischen und sozialwissenschaftlichen Feld relativiert bzw. durch neue Hegemonien überwunden wurde, hingegen in den einflussreichen Massenmedien bis heute relevant ist. Drittens befördert die - allerdings parteipolitisch und politisch-kulturell gebrochene - diskursive Ost-West-Scheide in Ausmaß, Themenselektion und (bewertender) Kodierung die Existenz von Diskursmauern zwischen beiden Landesteilen. Dabei scheinen die Massenmedien nicht nur die "höchsten" Mauern errichtet zu haben, sondern sich auch die längste Zeit mit ihrem Abtragen zu nehmen, womit sie den anderen beiden Diskursfeldern um fünf bis zehn Jahre hinterherhinken. Viertens schließlich ist bemerkenswert, dass sich die Ostdeutschen in allen Feldern in der Position subalterner Sprecherinnen und Sprecher befinden, jedenfalls nur ausnahmsweise zu den einflussreichen "Diskurseliten" gehören, wobei das Maß der westdeutschen Dominanz vom politisch-programmatischen über das sozialwissenschaftliche zum massenmedialen Feld zunimmt.

Eine abschließende Bewertung muss zunächst konstatieren, dass weder die feldübergreifende Schrumpfung noch ein Minoritätenstatus der Ostdeutschen für sich genommen problematisch sind. Ersteres lässt sich auch als "Ankunft im Alltag" der deutschen Einheit interpretieren, der ein außerordentliches Maß der Beschäftigung nicht mehr erfordert. Letzteres ist zunächst rein faktisch der Fall: Den heute etwa 13 Millionen Ostdeutschen stehen eben über 65 Millionen Westdeutsche gegenüber. Dass die Ostdeutschen damit nicht einen gleich großen diskursiven "Raum" wie die Westdeutschen beanspruchen können, ist evident und demokratisch.

Was aber aus wohlfahrtsdemokratischer Perspektive anhaltend problematisch ist und der Veränderung bedarf, ist erstens die Überwindung der nach wie vor verbreiteten Devianz- und mehr noch: Subalternitätsperspektive auf Ostdeutschland. Tatsächlich hat der - demokratisch legitimierte - Beitrittsmodus der Vereinigung in allen Diskursen Westdeutschland (bzw. die alte Bundesrepublik) als "Normal Null" (K.S. Roth) gesetzt, an dem sich alles Ostdeutsche messen lassen muss, dem es untergeordnet ist. Es ist das Andere, welches sich in dem beitrittsbedingten Deutungs- und Bewertungsrahmen immer besonders zu rechtfertigen hat. Zwar hat diese Logik im Zuge des Transformations- und Vereinigungsprozesses Risse bekommen. An ihrer Aufhebung muss aber in allen Diskursfeldern weiter "gearbeitet" werden, soll eine prinzipielle materielle und symbolische Gleichheit der Bürger in Ost und West erreicht werden. Dabei ist nach allen aktuellen Umfragen und Analysen für die meisten Ostdeutschen die sittliche Anerkennung oder soziale Wertschätzung als Gleiche weitaus wichtiger als ein schnelles oder vollständiges Erreichen einer umstrittenen bleibenden "Gleichwertigkeit der materiellen Lebensverhältnisse".

Kaum weniger problematisch sind zweitens nicht nur die vor allem in den Massenmedien fortbestehenden ost- und westdeutschen Teilöffentlichkeiten, die wechselseitiges Anerkennen, Lernen und Gestalten einer gemeinsamen Zukunft erheblich erschweren. Auch der bis heute defizitäre, demokratietheoretisch aber so zentrale diskursive Austausch der Massenmedien mit dem politisch-programmatischen und dem sozialwissenschaftlichen Feld muss befördert werden.

Drittens schließlich brauchen wirklich demokratische Diskurse der Einheit eine angemessene Vertretung der Ostdeutschen in den hegemonialen Diskurseliten, mithin die Überwindung ihrer bis heute anhaltenden Marginalisierung in den Eliterekrutierungen jenseits der legislativen Sphäre.[8] Hier handelt es sich um ein Dilemma: Nur eine angemessene Vertretung der Ostdeutschen in allen Elitesektoren, heute vor allem im Bereich der privaten und öffentlich-rechtlichen Massenmedien, kann die noch bestehenden Diskursmauern abtragen. Zugleich ist dieser Rückbau ein zentrales Mittel, um die Chancen Ostdeutscher in den Eliterekrutierungen in Wirtschaft, Exekutive, Wissenschaft und Massenkultur nachhaltig zu verbessern. Mit diesem Dilemma beim Bau deutscher Diskursbrücken muss unsere Demokratie leben.

Fußnoten

8.
Vgl. Raj Kollmorgen, Subalternisierung. Formen und Mechanismen der Missachtung Ostdeutscher nach der Vereinigung, in: ders. et al. (Anm. 2).

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